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01.06.2005 |
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Tabus
in der Wissenschaft
Von Konrad Löw
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Konrad
Löw
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„Ungeschriebene Vorgaben der Geschichtspolitik“ sind
„sanfter Totalitarismus“. |
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Der angesehene Bonner Verfassungsrechtler Josef Isensee schreibt in seinem geistreichen Essay „Tabu im freiheitlichen Staat“: „Deutschland ist besonders empfänglich für Tabus.“[1] Er nennt zahlreiche Beispiele. Doch wie vertragen sich Tabu und Wissenschaft? I.
Zu den Begriffen Tabu und Wissenschaft und zu der Frage: Warum
Tabus?
Das
große Wörterbuch der deutschen Sprache übersetzt „Tabu“ mit:
„ungeschriebenes Gesetz, das auf Grund bestimmter Anschauungen innerhalb
einer Gesellschaft verbietet, über bestimmte Dinge zu sprechen, bestimmte
Dinge zu tun...“[2] Schon
in einer frühen Entscheidung hat sich das Bundesverfassungsgericht mit
der Frage befassen müssen, was Wissenschaft ist und was nicht mehr
darunter fällt. Letzteres „ist insbesondere dann der Fall, wenn es
[gemeint ist das Werk, das Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt] nicht
auf Wahrheitserkenntnis gerichtet ist, sondern vorgefaßten Meinungen oder
Ergebnissen lediglich den Anschein wissenschaftlicher Gewinnung oder
Nachweisbarkeit verleiht.“[3]
Daraus folgt geradezu, daß sich Wissenschaft nicht an Tabus halten muß,
ja daß sie Gefahr läuft, den Charakter der Wissenschaftlichkeit einzubüßen,
wenn Tabus beachtet werden. Gilt
das immer und überall, ohne Ausnahme? Oder darf das Gesetz solche Grenzen
setzen, - die Ethik, die Pädagogik, die Empfindlichkeit? Viele Fragen,
die hier nur aufgezeigt, aber nicht alle abgearbeitet werden können.
Mangels einschlägiger Kompetenz werden die Tabus in den
Naturwissenschaften, so die Grenzen der Forschung mit embryonalen und
adulten Stammzellen, gänzlich unberücksichtigt bleiben. Dabei geht es um
Konflikte zwischen obersten, durch die Verfassung geschützten Werten. Im
Vordergrund meiner Ausführungen steht jedoch die Zeitgeschichte. Christian
Meier nennt die Gründe, warum es Tabus gibt: „Gesellschaften wollen, in
aller Regel jedenfalls, überleben. Und zwar zumindest als das, was sie
sind, möglichst besser... Sie brauchen dazu unter anderem eine einigermaßen
verläßliche Basis, nicht nur in Verfassung, Wirtschaft, Verkehr etc.,
sondern auch in gewissen gemeinsamen Überzeugungen: Sie können nicht
wollen, daß alles – oder gar: alles immer wieder – in Frage gestellt
wird.“[4] Christian
Meier ist Althistoriker, und was er da schreibt, klingt reichlich
antiquiert in einer Gesellschaft der vielen und großen Freiheiten, auch
der Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre, in einem Staat, dessen
Souverän das Volk ist, und zwar in seiner jeweiligen Zusammensetzung am
Tag der Wahl. Doch Tabus sind auch bei uns Wirklichkeit. Um ein überaus
wichtiges, unbestreitbares, zugleich sehr anschauliches Beispiel eines
solchen Tabus handelt es sich bei Art. 79 Abs. 3 des Grundgesetzes, wonach
die in den Art. 1 und 20 niedergelegten Grundsätze selbst durch eine noch
so große Mehrheit von Bundestag und Bundesrat nicht geändert werden können,
so beispielsweise die republikanische Staatsform und die föderalistische
Ordnung. Insofern kann man mit gutem Recht sagen, herrschen die Toten über
die Lebenden, die Mitglieder des Parlamentarischen Rates der Jahre 1948/49
über die Bürger von heute, denen sie mißtrauten als gebrannte Kinder
des 5. März 1933. Tabus sind ein Herrschaftsinstrument, und wer die Macht
hat, gleich auf welchem Gebiete, ist versucht, auch Tabus einzusetzen, um
diese Macht und ihre Basis, um die eigene Meinung unangreifbar zu machen.
Wir werden sehen. II. Fremde
Tabuerfahrungen
Vor
sieben Jahren sprach Michael Wolffsohn, ebenfalls auf Einladung des Bundes
Freiheit der Wissenschaft, zum Thema: „Zeitgeist und unangenehme
Wahrheiten. Was darf der Historiker aussprechen?“[5]
Seine Antwort lautete: Alles, „aber das Risiko trägt er selbst.“[6] Er nannte dann eine Reihe von Tabus und von durch Tabus abgestützte Mythen aus seiner eigenen Tätigkeit, beginnend mit französischen Akten, die eigentlich nicht freigegeben werden durften, die ihm aber der Zufall in die Hände gespielt hatte. Sie verraten die intensive Kollaboration der französischen Administration mit den deutschen Besatzern. Sein zweites Beispiel bezog sich auf Flucht und Vertreibung der palästinensischen Araber in den Jahren 1947/48. Wörtlich: „Der Gründungsmythos des Staates Israel war bislang, daß es keine Vertreibung gab und die Flucht freiwillig war.“[7] Sein drittes Beispiel betraf die Frage, ob die Bundesrepublik Deutschland unter Adenauer freiwillig oder unter äußerem Zwang die Wiedergutmachung an Israel und die Juden vereinbart hat. Nochmals wörtlich: „... wenn die Freiwilligkeit der Entschädigungsleistungen nachgewiesen werden kann und damit der Druck der amerikanisch-jüdischen Organisationen relativiert oder sogar minimiert wird, ist dies ein Stück Mythenzerstörung...“[8], - vor der ein echter Historiker nicht zurückschrecken dürfe. Wolffsohn lebt und praktiziert diese Devise. Mut bewies Wolffsohn auch, als er aufzeigte, daß Edgar Bronfman, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, nicht nur uneigennützige Ziele verfolgte, als er in der 2. Hälfte der 80er Jahre auf die DDR einwirkte, um auch von ihr Wiedergutmachungszahlungen zu erlangen. Soviel als Rückblende auf Wolffsohn. Als zweiter soll Ernst Topitsch kurz zu Worte kommen, der ebenfalls vor neun Jahre seine Gedanken und Erfahrungen „Zur politischen Korrumpierung der Historie“ vortrug: „Gewiß kommandiert bei uns kein totalitäres System die Historiker, wohl aber übt ein Großteil der zeitgeschichtlichen Zunft zusammen mit einem solchen der Medien einen erheblichen Konformitätsdruck aus. Da gibt es Tabus und Denkverbote, Schlag- und Totschlagworte, aber auch strikte Diskussionsverweigerung – wohl aus dem Gefühl eines fatalen Argumentationsnotstandes heraus.“[9] Soweit Topitsch. Er konzentrierte seine Ausführungen auf die Rolle der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Was ihn besonders betroffen machte, war die Tatsache, „daß in der Sowjetunion frei... veröffentlichte Schlüsseltexte bei uns jahrzehntelang tabuisiert und totgeschwiegen wurden und meist heute noch werden.“[10] Ihm wurde und wird es verübelt, daß er der Frage nachging, „ob und inwiefern ‚Barbarossa‘ [der Angriff des Dritten Reiches auf die SU] als Präventivschlag gelten“ könne,[11] Hitler nur der schnellere gewesen sei. Dabei lag es Topitsch völlig fern, Hitler irgendwie zu entlasten. Doch gerade dies wurde ihm unterstellt.[12] In die tiefste der Höllen gehört nur einer, Hitler. In den Mythen der Völker spielen Tabus eine große Rolle. Sie liefern gleichsam die Voraussetzungen für deren Bestand, so in England die „Glorious Revolution“ von 1688, die bei Licht betrachtet durchaus keine Revolution gewesen ist. Frankreich, La Grande Nation, rühmt sich der Revolution von 1789. Als erste Nation auf dem Kontinent habe sie den Ideen der Aufklärung zum Durchbruch verholfen.[13] Sie tabuisierte lange die Hunderttausende, die im Verlauf der Revolution ermordet wurden. Noch vor zwölf Jahren war es für französische Staatsmänner selbstverständlich: Vichy ist nicht Frankreich. Mit anderen Worten: Was geht uns das an, was die französische Regierung der Jahre 1940-1944 verbrochen hat? Zur Zeit kämpfen Frankreichs Historiker gegen Gesetze zur Geschichtsdeutung.[14] Den Weg des marxistische Kommunismus ab 1917 säumen mehr als 85 Millionen Tote. Doch die Abrechnung mit den Hauptverbrechern steht noch aus, wurde bisher kaum irgendwo in Angriff genommen. Wenn in Rußland von Stalin die Rede ist, kommen rasch seine Verdienste zur Sprache.[15] Keiner seiner Lakaien wurde vor Gericht gestellt. Vor zweiundachtzig Jahren hat ein Mann das Zeitliche gesegnet, dem nach wie vor eine Wallfahrtsstätte an der Kremlmauer zugestanden wird, obwohl er der eigentliche „Inspirator und Organisator des Terrors in Rußland“ war, wie Werner Adam in der Besprechung des Buches „Die Abgründe meines Jahrhunderts“ schreibt. In dem Buch selbst weist der Autor nach, daß „sich die Zahl der in den Jahren der Sowjetherrschaft aus politischen Gründen Ermordeten, in Gefängnissen und Lagern Umgekommenen auf zwanzig bis fünfundzwanzig Millionen“ beläuft.[16] „Wiedergutmachung“ ist in Rußland ein deutsches Fremdwort. Nobel, was Heinrich August Winkler zugunsten des geächteten Ernst Nolte geschrieben hat: „Die Autoren des französischen ‚Schwarzbuches‘ berühren sich mit Nolte darin, daß sie die weltgeschichtliche Verbrechensbilanz des Kommunismus ernst nehmen – ernster, als das manche von Noltes deutschen Kritikern taten und tun... Welche Rolle spielte die Angst vor dem Bürgerkrieg und der Vernichtung der Bourgeoisie... beim Aufstieg Mussolinis und Hitlers? Daß es Nolte war, der diese Jahrhundertfrage stellte, reichte aus, sie in Deutschland nachhaltig zu diskreditieren.“[17] Kaum anders als in Rußland verhält es sich in China. Es verherrlicht immer noch den „Großen Vorsitzenden“ Mao Tse-tung, der doch ebenfalls den Tod von Millionen Unschuldiger zu verantworten hat. Detlef Junker, von 1994 bis 1999 Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Washington D.C., schildert, was er auf den Stufen des Kapitols erlebt hat: „wie diese Hunderttausende, umgeben von patriotischen Denkmälern wie dem Washington Monument, dem Jefferson- und Lincoln-Memorial, in Liedern und Hymnen die amerikanische Dreieinigkeit von Gott, Vaterland und Freiheit besingen; wie diese Nation von Einwanderern... sich an solchen Festtagen immer aufs neue konstituiert, indem sie ihrem Gründungsmythos vom ‚süßen Land der Freiheit‘ (‚sweet land of liberty‘) Dauer und Zukunft verleiht.“ [18] Junker beschreibt den „ironischen“ Verlauf des Streits um neue Richtlinien für die Vermittlung von Geschichte. Eine von Präsident Bush sen. unter patriotischen Vorzeichen eingesetzte Kommission kam zu dem Schluß, daß die mangelnden Geschichtskenntnisse durch neue, nationale Standards verbessert werden müßten. Doch die von Historikern erarbeiteten Richtlinien erregten einen Teil der Öffentlichkeit und den Senat so sehr, daß der Senat die Richtlinien mit 99 zu 1 Stimmen als unverantwortlich verdammte. Die Vertreibung und Vernichtung großer Teile der Indianer, die Ausbeutung und Mißhandlung der schwarzen Sklaven sollen tunlichst nicht thematisiert werden. Im Air and Space Museum, Washington D.C., war zum 50. Jahrestag des Abwurfs der Atombombe auf Hiroshima eine Ausstellung geplant. Die Kritik an den unpatriotischen Intellektuellen und Historikern, die das eigene Nest beschmutzen, war so stark, daß das Vorhaben scheiterte. Der
Holocaust spielte, als er sich ereignete, in der amerikanischen
Publizistik nur eine geringe Rolle. Daran änderte der Sieg der Alliierten
über die Achsenmächte nicht viel.[19]
Der Schock, den die Bilder aus befreiten Vernichtungslagern und von
Leichenbergen auslösten, hielt nicht lange vor. Erst Jahrzehnte später
kam es zu einer Rückbesinnung auf das Schreckliche, das fast vergessen
schien. „Amerikanisierung des Holocausts“ ist zum Schlagwort geworden.[20]
Henryk Broder zählt auf, was in den nächsten zehn Jahren auf diesem Gebiet alles geschah und resümiert: „Amerika erlebt einen Holocaust-Rausch“. Ein brennendes Verlangen sei ausgelöst worden, „sich nachträglich ein Stück Geschichte anzueignen, bei dessen Erstaufführung man lange Zeit uninteressiert abseits gestanden hatte.“[21] „Der wichtigste Grund der Popularität des Holocaust bei den 98 Prozent der nichtjüdischen Bevölkerung der Vereinigten Staaten [scheint] allerdings gerade der zu sein, daß die Amerikaner sich selbst in ihrer Rolle als Erlöser der Welt bestätigen können. Die Erinnerung an das Verbrechen eines fremden Volkes, der Deutschen, führt zugleich zu einer Externalisierung des Bösen und einer Bestätigung der eigenen, heroisch-patriotischen Geschichtsbetrachtung.“[22] Fachwissenschaftliche Kritik an der sogenannten Wehrmachtsausstellung, der Wanderausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“, im März 1995 zum ersten Mal in Hamburg gezeigt, wurde rasch laut. Aber angesichts der Drohungen und Verdächtigungen verstummte sie, bis ein Ausländer, der junge polnische Historiker Bogdan Musial, das Schweigen, das Tabu brach und eine Reihe offensichtlicher Fehler dokumentierte, was die Zunge anderer Experten, so des Ungarn Ungváry, löste und die mangelnde Sorgfalt (Seriosität?) des Hamburger Instituts für Sozialforschung unter Beweis stellte. Die Ausstellung wurde zunächst umgestaltet und dann geschlossen. 1974 wurde eine Dokumentation über Vertreibungsverbrechen an Deutschen nach fünf Jahren Bearbeitung dem Auftraggeber, der Bundesregierung, vorgelegt. Sie enthielt eidesstattliche Erklärungen und Dokumente über Taten und Täter. Nun bestimmte Bundesinnenminister Werner Maihofer, daß die Arbeit nicht veröffentlicht wird. Sie darf nur Forschungszwecken dienen. Und dabei ist es geblieben.[23] Die Ostblockstaaten sollten nicht verärgert werden. Die friedliche Revolution hat daran bekanntlich nichts geändert. Der Streit um das in Berlin geplante „Zentrum gegen Vertreibung“ beweist es. Ging es bisher um die einschlägigen Erfahrungen namhafter Kollegen einerseits und weithin bekannte Tabus andererseits, so darf sich nun der Referent selbst mit seinen Erfahrungen einbringen, bevor eine Antwort auf die Frage gesucht wird, wie sich Tabus mit der Freiheit der Wissenschaft vertragen. III. Eigene Tabuerfahrungen 1. Der Mythos Marx Vor
knapp vierzig Jahren, 1968, wurde ich gebeten, neben meinen
staatsrechtlichen Vorlesungen, insbesondere über die Verfassung der
Bundesrepublik Deutschland und die Verfassung Bayerns, auch
Veranstaltungen zum politischen System der „Deutschen Demokratischen
Republik“ anzubieten. Bereits beim Studium des ersten Artikels der
dortigen Verfassung stieß ich auf ein Bekenntnis zum
Marxismus-Leninismus. Daher sah ich mich veranlaßt, die Lehre des Karl
Marx und seines Freundes Friedrich Engels sowie die des Wladimir Iljitsch
Uljanow, genannt Lenin, anzusprechen. Also mußte ich mich vorher damit
vertraut machen. Dies tat ich – der gebotenen Eile wegen - anhand der
bei uns damals gängigen Sekundärliteratur. In dem Maße, wie ich später
die Zeit fand, die Quellen selbst zu befragen, veränderte sich mein Verständnis
ihrer Meinungen, insbesondere ihrer Motive und Ziele. Zunächst wagte ich,
der Jurist, es kaum, die über Marx gängigen Ansichten kritisch zu
hinterfragen, waren doch meine Hörer an der Hochschule für Politik München
überwiegend Wähler marxistisch-leninistischer Listen, soweit sie überhaupt
zu den Wahlen gingen. Doch der Widerspruch gegen meine mit zahlreichen
Zitaten untermauerte Argumentation blieb aus. Dafür nannte mich ein
angehender Philosoph öffentlich einen „Faktenterroristen“, wodurch
mein Selbstbewußtsein in Sachen Marx nicht gerade geschmälert wurde. Im
Verlaufe der Jahre reifte die Überzeugung, daß das hohe Ansehen von Marx
überwiegend auf Mythen fußt, und es reifte der Plan, diesen Mythos genau
zu belegen und zu beschreiben. So entstand das Buch „Der Mythos Marx und
seine Macher. Wie aus Geschichten Geschichte wird“. Was
hat der Mythos Marx mit dem Thema Tabu zu tun? An zwei Beispielen will ich
es veranschaulichen: Im eben abgelaufenen Jahr erschien ein Sammelband:
„Karl Marx‘ kommunistischer Individualismus“.[24]
Er bietet 16 Beiträge. Fast alle stammen von einer interdisziplinären
Tagung, die im September 2004 stattfand und an der Theologen, Philosophen,
Politologen, Volkswirte, Soziologen u.a. teilnahmen. Ingo Pies, der Mitherausgeber, bietet zugleich die umfangreiche Einleitung und vertritt die provozierende These, wonach die gängige Ansicht, Marx sei ein illiberaler Kollektivist gewesen, nicht den Tatsachen entspreche. Wörtlich (S. 2): „Dieses bis in den Kanon der Schulbildung hineinreichende Urteil erweist sich jedoch bei genauer Textlektüre als krasses Fehl-Urteil.“[25] Marx war demnach ein kommunistischer Individualist. Müssen nun die Marx-Biographien umgeschrieben werden? Keineswegs! Zwar wird eingeräumt, Marx habe den zeitgenössischen Liberalismus abgelehnt, aber dies sei nur deshalb geschehen, weil darin die Freiheit des Einzelnen als Freiheit von der Gesellschaft gedacht worden sei. Stimmt das? Man denke nur an die politischen Forderungen der Liberalen 1848 nach Partizipation. Die Diskrepanz zwischen den historischen Liberalen und dem „Individualisten“ Marx wird von Pies und den Mitautoren nirgendwo verdeutlicht. Pies preist den Wert fundierter Kenntnisse des Werkes von Marx, „zumal Marx ja bekanntlich Wert darauf legte, selbst kein Marxist zu sein.“[26] Wer sich trotz des „bekanntlich“, das jede Nachprüfung eigentlich überflüssig macht, der Mühe unterzieht, die Fundstelle zu prüfen, erfährt, daß Marx nur auf Distanz zu den französischen sog. „Marxisten“ ging, wie dies Engels, die Quelle, ausdrücklich betont. Wer hofft, die „fundierten Kenntnisse“, von denen eben die Rede war, würden dem Leser vor Augen geführt, damit er anhand des originären Marx erfährt, wie die Harmonisierung von Kommunismus und Individualismus, die Quadratur des Kreises, gelingt, sucht vergebens. Einer der wenigen Texte, die in diesem Zusammenhang immer wieder zitiert werden, findet sich im Manifest der Kommunistischen Partei, das den Kommunismus als „eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“, kennzeichnet. Das ist eine wohlklingende Behauptung, aber kein Beweis, nicht einmal der Versuch, das Unmögliche plausibel zu machen. Wie üblich, wird auch hier alles, was die späteren Verbrechen der Marxisten ahnen läßt, ausgeblendet, tabuisiert, so jene unheilschwangere Stelle aus dem Manifest: „Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklären offen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung.“ Im Sachregister - für den ganzen Band - suchen wir die Stichworte vergebens, die dem Individualismus widerstreiten. Wir finden weder „Autorität“ noch „Gewalt“ noch „Menschenkehricht“ noch Planwirtschaft“ noch „Rache“ noch „Terror“ noch „Vernichtung“. Die Vorgabe des Buchtitels ist also auch weiterhin zu verneinen. Anläßlich 150 Jahre Manifest der Kommunistischen Partei, also 1998, erschienen in allen namhaften deutschen Blättern Würdigungen dieses Pamphlets. Ich habe mich bemüht, sie tunlichst alle zu lesen. Nirgendwo wurde darauf hingewiesen, daß das Zitierte und ähnliche Äußerungen jene Verbrechen zu legitimieren scheinen, die „Das Schwarzbuch des Kommunismus“ auflistet. 2. Beispiel: Vor 1200 in Weimar versammelten Historikern äußerte Richard von Weizsäcker als amtierender Bundespräsident: „Buchenwald lag in der Nähe des Ettersberges, von dem Goethe so oft ins thüringische Land geschaut hatte. Seine Sprache, die Sprache von Martin Luther und Friedrich Hölderlin, von Karl Marx und Thomas Mann, von Hugo von Hofmannsthal und Siegmund Freud wurde von Unmenschen und Verbrechern mißbraucht und geschunden.“[27] Ich bat Richard von Weizsäcker um eine Begründung (Brief 22. 10. 99), indem ich ihn im Anschluß an das eben Zitierte fragte: „Aber war es nicht gerade der von Ihnen so liebevoll an Goethes Seite gestellte Marx, der in deutscher Sprache derlei Unmenschlichkeiten und Verbrechen in Verfolgung eigener Absichten zu legitimieren wußte durch seinen Vernichtungsdrang, durch seine Gewaltbereitschaft, durch seine Bejahung der Diktatur des Proletariats, durch seine Äußerungen über die Juden, über die Slawen, über die konkurrierenden Kommunisten usw., durch seinen Ruf nach einem heiligen Krieg gegen Rußland?“ Darauf der Bundespräsident a.D.(Brief 26. 11. 99): “... Sofern Sie aber wenigstens ein inhaltliches Wort über Karl Marx von mir hören wollen, dann bekenne ich, die Äußerungen von Bischof Lilje, Professor Gollwitzer und vielen anderen für zutreffend zu halten, in denen diese Autoren Zitate des jungen Marx für wichtig genug halten, um sie beim Aufbau einer freien Gesellschaft ernsthaft zur Kenntnis zu nehmen.“ Damit
konnte ich mich nicht zufrieden geben und insistierte (Brief 30. 11. 99):
„Ich habe alle Marxtexte, insbesondere die Marx-Engels-Werke, zweimal
durchgelesen, weiß aber wirklich nicht, von welchen ‘Zitaten des jungen
Marx’ die Rede ist. Ich kenne sie nicht. Mit derlei Hinweisen namhafter
Persönlichkeiten mußte ich mich schon des öfteren auseinandersetzen,
immer mit dem Ergebnis, daß man mir die Nachweise schuldig blieb.“ Der Bundespräsident entsprach der Bitte und legte seine Karten auf den Tisch (Brief 14. 12. 99): „Nach meiner Kenntnis heißt es bei Karl Marx, zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Fischer Bücherei, Band 1, Seite 28, es seien ‘alle Verhältnisse umzustoßen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist’.“ Meine Replik (Brief 17. 12. 99): „Ihre Argumentation bestätigt, was ich zu wissen glaubte. Sie stützt sich auf einen einzigen Satzteil aus Marx, der allen Marxkennern wohlvertraut ist, da er zu den fünf (!) Phrasen zählt, die die Marxadoranten immer wieder zugunsten ihres Idols anführen, ohne auch nur mit einem einzigen quellenkritischen Wort auf den Kontext und die nach Hunderten zählenden kontradiktorischen Kernaussagen einzugehen... [Sie sind zumindest de facto tabuisiert] Dieser Modus procedendi erscheint mir weder moralisch noch wissenschaftlich vertretbar. Im Kontext gelesen antizipiert das Zitierte, was mich bei der Lektüre des Manifests der Kommunistischen Partei erschaudern ließ: ‘gewaltsamer Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung’! Wer dieses Programm zu verwirklichen trachtet, nimmt Leichenberge in Kauf. Es gehört für mich zu den betrüblichsten Erfahrungen, daß im Schatten dieser ungeheuerlichen Absichtserklärung die wohlklingenden zwölf Worte eine solche PR-Wirkung in akademischen, vor allem in theologischen Kreisen entfalten konnten.“ Dem Bundespräsidenten ist es sehr hoch anzurechnen, daß er den kritischen Fragen - anders als die meisten anderen - nicht gänzlich ausgewichen ist. Doch kann ein aus dem Zusammenhang gerissener, noch dazu ungenau wiedergegebener Satzteil das in Erz gegossene, im Herzen Berlins errichtete Standbild des Karl Marx und seines Freundes Friedrich Engels historisch vertretbar tragen? Sicherlich nein! 2. „Die mit kriminellen Methoden arbeitenden Sekten“ Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf mich das Schreiben meines Dienstvorgesetzten, des bayerischen Wissenschaftsministers, vom 8. November 1996, das mit dem Satz endet: „Ich bedaure, diese Mißbilligung aussprechen zu müssen...“[28] Was war vorgefallen? In einer Aufzeichnung von Report Bayern vom 22. Januar 1996 hatte ich, wie unbestritten, folgenden Satz geäußert: „Das Neue begegnet eben kritischen Fragen. Leider müssen wir feststellen, daß zu dieser Skepsis häufig eine Diskriminierung hinzukommt, und das geht oft zu Lasten der von Ihnen [gemeint ist der Reporter] angesprochenen Vereinigungskirche.“ Zur Vorgeschichte: REPORT Bayern wollte einen Beitrag über neureligiöse Vereinigungen machen. Auch ich sollte zu Worte kommen, hatte ich doch eine Schrift veröffentlich, betitelt: „Von ‚Hexen‘ und Hexenjägern. Die Moonies und die Glaubensfreiheit“. B. R., eine Schulfreundin meiner Tochter Angelika, nun Mitarbeiterin des Bayerischen Rundfunks, rief mich an und brachte das Anliegen des Senders vor: Eine Aufzeichnung von ca. 45 Minuten, von denen dann 30 gesendet würden. Damit ich mich gut vorbereiten könne, nannte sie zwölf Fragen, die in der Aufzeichnung wiederholt würden. Sie fand statt in meinem Dienstzimmer, und alles verlief wie angekündigt. Wie groß war meine Überraschung und Enttäuschung, als ich während der Ausstrahlung feststellen mußte, daß man mich hereingelegt hatte. Aus dem langen Interview wurden nur wenige Sätze wiedergegeben, alles andere wurde ausgeblendet. Ausgewählt wurde, was ins Konzept paßte, und das war offenbar sehr wenig. Am Ende der Sendung, die unter dem Titel „Unterstützung von Wissenschaftlern. Die Taktik der Moon-Sekte“ ausgestrahlt worden ist, wurde der Minister aufgefordert, die verirrten Professoren, also auch mich, zur Räson zu bringen. Der überlegte lange. Dann aber, nach mehr als zehn Monaten, hielt er es für seine Pflicht, den Mitarbeiter, der sich während 40 Dienstjahren nichts hatte zu Schulden kommen lassen und nun vor seiner Emeritierung stand, „auf das beamtenrechtliche Gebot der Zurückhaltung auch außerhalb dienstlicher Tätigkeiten“ hinzuweisen. Kurz vorher hatte er mir noch Dank und Anerkennung für die dem Freistaat Bayern geleisteten Dienste ausgesprochen. Diesen Affront ließ ich nicht auf mir sitzen. Am Ende meiner ausführlichen Entgegnung heißt es: „Die von Ihnen angeführten Bestimmungen des Bayerischen Beamtengesetzes bestärken mich in der Entschlossenheit, den Fragen auf den Grund zu gehen und keinen offenbar höchst anfechtbaren Vorverurteilungen Gehör zu schenken. Bei meinen zahlreichen Studenten hat mein Verhalten noch nie die geringste für mich wahrnehmbare Mißbilligung ausgelöst. Ich werde fortfahren, dienstlich wie außerdienstlich für gelebte Toleranz zu werben. Die Grenzen habe ich auch in letzter Zeit nochmals klar benannt.... Indem ich Sie herzlichst bitte, nicht auch noch jene mit Vorwürfen zu überschütten, die Toleranz zugunsten Dritter anmahnen, und die Mißbilligung meines Tuns zurückzunehmen, verbleibe ich...“ Der Brief blieb ohne Antwort. Daher sah ich mich veranlaßt, erneut den Minister anzuschreiben: „Sollte mir bis 1. 3. 1998 keine befriedigende Äußerung Ihres Hauses zugehen, sehe ich mich gezwungen, die rechtsstaatlichen Möglichkeiten auszuschöpfen.“ Nun kam Antwort, prompt, kurz, schroff: „Es besteht keine Veranlassung, meine Mißbilligung zurückzunehmen“ – meinte der Minister. Dieser Feststellung ging nur der aus einem Satz bestehende Hinweis auf das beamtenrechtliche Gebot der Zurückhaltung voraus. Wie ist die Affäre ausgegangen? Davon soll im Schlußkapitel die Rede sein. In diesem Zusammenhang aber noch eine kleine aufschlußreiche Episode. Vom 13. bis 16. November 1995 fand in der Tagungsstätte Schloß Banz ein Symposium statt. Thema: „Vom Sektenmarkt zum Psychomarkt". In der Einladung hieß es - offenbar die Erwartung an die Referenten widerspiegelnd: „Die national und international agierenden und zum guten Teil auch mit kriminellen und extremistischen Methoden arbeitenden Sekten und sektenähnlichen Gruppierungen stellen eine nicht zu unterschätzende Bedrohung für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik dar...“ Die Veranstaltung war für mich geradezu ein Muß, und so nahm ich teil, soweit dies meine Lehrverpflichtungen gestatteten. Ganz besonders gespannt war ich auf das Referat des Kriminaloberkommissars Franz Wohllebe, seit 1996 beim Landeskriminalamt München für Sektendelikte zuständig. Sein Thema: „Sind den Sicherheitsbehörden die Hände gebunden? Sekten-Gruppierungen als gesellschaftliches Sicherheitsrisiko“. Nun also mußten die strafrechtlich relevanten Missetaten der „Sekten“ zur Sprache kommen, von denen in der Einladung die Rede war, falls es sie gab. Sensationell der Beginn seiner Ausführungen: Wenn ich über Sektenkriminalität sprechen soll, bin ich nach einem Satz am Ende, da es sie bei uns nicht gibt, zumindest nicht in Gestalt abgeschlossener Verfahren. Aber auch von laufenden wußte er nichts. Hoch informativ auch der Beitrag des Soziologen Dr. Jürgen Eiben, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, über: „Vom Sektenmarkt zum Psychomarkt - wo bleibt die Verantwortung der Wissenschaft? Versagen ihre Instrumentarien?" Eiben räumte ein, daß es zu dieser so wichtigen Thematik kaum wissenschaftliche Untersuchungen gebe. Mehrere Diskussionsteilnehmer erhoben daraufhin schwere Vorwürfe gegen die angesprochenen Disziplinen: Theologie, Soziologie, Rechtswissenschaft, Medizin. Darauf der Referent: „Ein ganz wichtiger Grund dürfte sein, daß sich jeder die Finger verbrennt, der nicht zu dem von der Öffentlichkeit gewünschten Ergebnis kommt.“ Die Vorträge wurden alle publiziert. Doch das, was ich eben als für mich besonders bemerkenswert bezeichnet habe, blieb natürlich unerwähnt. Derlei Fakten sind tabu. 3. “Der Rest der Auflage wird makuliert“ Unter
dem Datum 2. April 2004 versandte die Bundeszentrale für politische
Bildung (bpb) ein bemerkenswertes Schreiben: „Sehr geehrte Abonnentinnen
und Abonnenten des ‚Deutschland Archivs‘, die Bundeszentrale für
politische Bildung/bpb und der W. Bertelsmann Verlag distanzieren sich
aufs Schärfste von dem im soeben erschienenen Heft 2/2004 des
‚Deutschland Archivs‘ veröffentlichten Text ‚Deutsche Identität in
Verfassung und Geschichte‘ von Konrad Löw. Der
Verfasser vertritt Ansichten zum Antisemitismus im 20. Jahrhundert, die
weder mit dem Selbstverständnis der Bundeszentrale für politische
Bildung noch mit dem des W. Bertelsmann Verlages vereinbar sind. Die
Bundeszentrale setzt sich seit Jahrzehnten intensiv mit dem
Nationalsozialismus und dem Antisemitismus, einer seiner Grundlagen,
auseinander und sieht durch eine derartige Veröffentlichung ihre Arbeit
desavouiert. Wir
bedauern diesen Vorgang außerordentlich. Weder die Bundeszentrale für
politische Bildung, in deren Auftrag der W. Bertelsmann Verlag die
Zeitschrift herausgibt, noch der Beirat der Zeitschrift hatten von der
geplanten Veröffentlichung Kenntnis... Der
Rest der Auflage von Heft 2/2004 wird makuliert. Dieser
in der langen Geschichte beider Häuser und des ‚Deutschland Archivs‘
einmalige Vorgang wird sich nicht wiederholen. Wir bitten alle Leserinnen
und Leser der Zeitschrift sowie diejenigen, welche sich durch den Beitrag
von Konrad Löw verunglimpft fühlen, um Entschuldigung. Mit
freundlichen Grüßen...“ Was
war geschehen? Wie ist es dazu gekommen? Was habe ich verbrochen? Gegen
Ende des Jahres 2003 erhielt ich von der Gesellschaft für
Deutschlandforschung die Einladung, anläßlich der Jahreshauptversammlung
am 5. März 2004 im Roten Rathaus zu Berlin über „Deutsche Identität“
zu sprechen. Da
dieses Thema schier uferlos ist und ich nur in Teilbereichen halbwegs
Bescheid weiß, schlug ich die Eingrenzung: „Deutsche Identität in
Verfassung und Geschichte“ vor, die der Vorsitzende akzeptierte. Beide
Felder waren Gegenstand meiner akademischen Betätigung in Forschung und
Lehre, die Geschichte der Juden in Deutschland während der NS-Ära ein
aktuelles Forschungsgebiet, weshalb ich gleichsam auf ein Produkt im
Werden zurückgreifen konnte. Die Ausarbeitung bot ich der renommierten
Zeitschrift „Deutschland Archiv“ zum Abdruck an, die umgehend annahm.
Einige Kürzungen und Änderungen wurden einvernehmlich durchgeführt. Der
wichtigste Absatz lautet: „Wir
dürfen nicht zögern, die Verbrechen des NS-Regimes als wichtigen Teil
der deutschen Geschichte, der deutschen Identität zu bekennen. Aber wir
sollten jenen entgegentreten, die allgemein von deutscher Schuld sprechen,
wenn damit gemeint ist, daß die große Mehrheit der damals lebenden
Deutschen mitschuldig gewesen sei an einem der größten Verbrechen in der
Menschheitsgeschichte. Ein solcher Vorwurf ist ungeheuerlich, wenn er
nicht bewiesen wird. Dieser Nachweis wurde bis heute nicht erbracht.“ Noch
am 31. März schrieb mir der verantwortliche Redakteur:
„ ... soeben ist das Heft 2/2004 des Deutschland Archivs erschienen. Für
ihren Beitrag darin danke ich Ihnen an dieser Stelle nochmals... Ich würde
mich freuen, wenn Sie mir bei Gelegenheit wieder einmal einen Beitrag zur
Veröffentlichung im Deutschland Archiv anböten...“ Ganz
offenbar nach infamer Gehirnwäsche muß derselbe, also der
verantwortliche Redakteur, fünf Tage später das, was er offenbar zunächst
geschätzt hatte, als skandalös denunzieren. Die Abonnenten des
„Deutschland Archivs“ erhielten von ihm folgendes Schreiben, datiert
5. April 2004: „Die Redaktion
des Deutschland Archivs distanziert sich in aller Schärfe von jedem
Versuch, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu relativieren, wie auch
von jedem Unterfangen, deren deutsche Urheberschaft und die deutsche
Schuld daran abzustreiten. Sie bedauert, daß demgegenüber die Veröffentlichung
des Artikels von Konrad Löw... den Eindruck erweckt, die Redaktion teile
dessen relativierende Geschichtsbetrachtung. Als verantwortlicher
Redakteur bitte ich alle Leserinnen und Leser sowie alle Opfer der
nationalsozialistischen Diktatur um Entschuldigung...“ Und um das Maß
der Selbstdemütigung voll zu machen, wenige Zeilen später nochmals:
„Als verantwortlicher Redakteur distanziere ich mich mit aller
Deutlichkeit von dem Artikel Konrad Löws, bedauere dessen Abdruck und
bitte dafür alle Betroffenen um Entschuldigung.“ Eines
ist sicher: Dem armen Redakteur, der in der „DDR“ seine Kindheit
verbrachte, ist das Rückgrat gebrochen, und zwar wohl lebenslänglich. Täter:
die Bundeszentrale für politische Bildung! Die DDR-Vergangenheit läßt
grüßen. Als
ich von der hysterischen Reaktion der Bundeszentrale für politische
Bildung auf meinen von ihr veröffentlichten Aufsatz erfuhr, mißtraute
ich den Sinnen. Das kann doch nicht wahr sein? Ein Punkt für Punkt
belegter Text – bis heute wurde keine einzige Tatsachenbehauptung auch
nur angezweifelt, geschweige denn widerlegt – wird disqualifiziert und
diskriminiert, gleich als ob es sich um eine Schmiererei à la „Stürmer“
handelte. Ich verstand die Welt nicht mehr, bis mir das immerhin 456
Seiten starke Buch „Hingeschaut und weggesehen. Hitler und sein Volk“
in die Hände fiel. Es wird von der bpb gratis abgegeben. Vom Autor heißt
es: „Professor für die Geschichte des Holocaust am Center for Holocaust
Studies, USA“. Sein Name: Robert Gellately. Gellately
hat offenbar zumindest die Bundeszentrale überzeugt. So heißt es im
Klappentext: „Er beweist stichhaltig, daß die Deutschen nicht nur von
den Verbrechen der nationalsozialistischen Machthaber wußten, sondern...
weit aktiver, als bisher bekannt war, mithalfen – durch Zustimmung,
Denunziation oder Mitarbeit...“ Das
ist in der Tat nahezu das Gegenteil von dem, was ich aus den Bekundungen
meiner jüdischen Zeitzeugen glaubte und glaube folgern zu müssen. Dabei
bekennt sich Gellately zur gleichen Vorgehensweise wie ich. Im Vorwort
schreibt er: „Ich habe versucht, die Opfer der Unterdrückung zu Wort
kommen zu lassen, besonders durch die Auswertung von Tagebüchern und
sonstigen Zeugnissen...“ Dann werden noch all jene genannt, die ihn
mental oder finanziell unterstützt haben; eine lange Liste. Als
Hauptzeugen benennt Gellately ausgerechnet Victor Klemperer, den Mann, der
auch mein Hauptzeuge ist. „Einen Eindruck von der positiven Reaktion der
deutschen Öffentlichkeit auf die verschiedenen Wellen der
Judenverfolgung... vermittelt praktisch jede Seite des Tagebuchs von
Victor Klemperer. Es stellt die ausführlichste Chronik der Repression und
ihrer Durchsetzung... dar, die wir besitzen.“ Wer
von uns beiden ist blind für die authentischen Aussagen Klemperers? Laut
Register wird Klemperer von Gellately auf 13 Seiten angesprochen oder
zitiert. Nachdem ich sie alle mehrmals gelesen hatte, fiel mir ein Stein
vom Herzen. Nirgendwo auch nur ansatzweise ein Beleg dafür, daß die
Mehrheit des deutschen Volkes Hitlers Judenpolitik gutgeheißen oder gar
gefördert habe. Allein
in dem angegriffenen Aufsatz zitiere ich Klemperer sieben Mal, in meinem
Buch „Das Volk ist ein Trost“ - dies ist ein Zitat - 203 Mal, und zwar
mit Äußerungen wie: „Offenbar empfindet das Volk die Judenverfolgung
als Sünde.“ V. Tabu und Recht Eingangs wurde Wolffsohn mit den Worten zitiert: „Der Historiker darf... alles sagen, aber das Risiko trägt er selbst... die Wahrheit [hat] ihren Preis.“ Historiker im weiteren Sinne ist sicherlich auch schon der, der über einem Dissertationsthema aus dem historischen Bereich brütet. Angesichts der Tabus, von denen oben die Rede war, kann man den Nachwuchswissenschaftlern nur dringend raten, heikle Themen zu meiden, sonst geht es ihnen wie dem oben erwähnten und zitierten Redakteur vom Deutschland Archiv, der gleichsam über Nacht seine geäußerte Meinung widerrufen mußte, um seine Stelle nicht zu verlieren. Auch so wird ihm in den Augen der politisch Korrekten lange Zeit, wenn nicht zeitlebens ein Makel anhaften. Er hat die ungeschriebenen Vorgaben der Geschichtspolitik mißachtet. Oft erscheint es den Gesinnungswächtern inopportun, die wahren Gründe für eine Diskriminierung zu benennen. Mit Belegen dafür aus eigener Erfahrung könnte ein weiteres Referat gefüllt werden. Das ist die Wirklichkeit im „freiesten Land der Erde“, wie Bundespräsident Karl Carstens einmal gesagt hat. Aber die Älteren unter uns, jene, die sich bereits in einer unkündbaren Position befinden, sollten sich als Menschen und Wissenschaftler verpflichtet fühlen, diesem „sanften Totalitarismus“ die Stirne zu bieten. Die Risiken sind zwar nicht gering, Medien verschließen sich, Stiftungen gehen auf Distanz. Aber anders als in den dunkelsten Jahren der deutschen Geschichte ist weder das Leben noch die körperliche Freiheit bedroht. Als Gewinn lockt das Bewußtsein der Pflichterfüllung und der geistigen Unabhängigkeit. Ist es der Staat, sei es in Gestalt des Bayerischen Wissenschaftsministers oder der bpb, so ist zu überlegen, ob nicht eine Verletzung des Rechts auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, der Meinungsfreiheit und vor allem der Wissenschaftsfreiheit gegeben ist. Im Vollzug der Androhung, alle rechtlichen Mittel auszuschöpfen, habe ich gegen den eben genannten Minister Klage erhoben und in vollem Umfang recht bekommen. Auch die Bundesrepublik Deutschland habe ich verklagt. Das Verwaltungsgericht Köln hat mit Urteil vom 13. Januar 2006 die Klage abgewiesen. Die angegebenen Gründe sind aus meiner Sicht indiskutabel. Daher habe ich keinen Augenblick gezögert, Antrag auf Zulassung der Berufung zu stellen. Ich werde alle rechtlichen Mittel ausschöpfen im Bewußtsein, daß es nicht nur um mich und meine Ehre geht, sondern auch um die Freiheit der Wissenschaft von Denkverboten und Tabus, um die Gewährleistung eines geistigen Klimas, das allein der Würde des Menschen entspricht, um das Recht, zugunsten des deutschen Vaterlandes die Wahrheit zu sagen. Nochmals darf ich auf Isensee zurückkommen. Er erwähnt in der schon angesprochenen Schrift Imanuel Kant und seine Klage, daß der Mensch kein rein rationales Wesen sei, „sondern auch ein emotionales, daß die Tugenden des Gelehrten, Forscherdrang, Fleiß und Mut zur Wahrheit, in der Regel nur unvollkommen entwickelt sind, daß er dazu neigt, mit der Welt, wie er sie vorfindet, sich zu arrangieren,... lieber ein bequemes, ungestörtes gesellschaftliches Dasein um den Preis der Hinnahme gesellschaftlicher Tabus zu führen, als der gesellschaftlichen Isolierung zu verfallen, die der Tabuverstoß nach sich ziehen kann.“[29] So war es damals, so ist es heute und so wird es bleiben. Es liegt an uns, inwieweit wir dieser inneren Neigung Folge leisten. [1] Josef Isensee „Tabu im freiheitlichen Staat. Jenseits und diesseits der Rationalität des Rechts“ Paderborn 2003, S. 73. [2] Das große Wörterbuch der deutschen Sprache Bd. 6 Mannheim 1981 [3] BVerfGE 35,79. [4] Christian Meier „‘Denkverbote‘ als Nachhut des Fortschritts?“ in: Wickert, Ulrich Hg. „Das Buch der Tugenden. Ausgewählte Texte“ München 1995 S. 237. [5] Michael Wolffsohn „Zeitgeist und unangenehme Wahrheiten. Was darf der Historiker aussprechen“ in: Bund Freiheit der Wissenschaft „Wissenschaft und Zeitgeist in der Geschichtsschreibung“ Bonn o.J. S. 7 ff. [6] Michael Wolffsohn „Zeitgeist und unangenehme Wahrheiten. Was darf der Historiker aussprechen“ in: Bund Freiheit der Wissenschaft „Wissenschaft und Zeitgeist in der Geschichtsschreibung“ Bonn o.J. S. 15. [7] Michael Wolffsohn „Zeitgeist und unangenehme Wahrheiten. Was darf der Historiker aussprechen“ in: Bund Freiheit der Wissenschaft „Wissenschaft und Zeitgeist in der Geschichtsschreibung“ Bonn o.J. S. 10. [8] Michael Wolffsohn „Zeitgeist und unangenehme Wahrheiten. Was darf der Historiker aussprechen“ in: Bund Freiheit der Wissenschaft „Wissenschaft und Zeitgeist in der Geschichtsschreibung“ Bonn o.J. S.11. [9] Topitsch aaO S. 85. [10] Ernst Topitsch „Zur politischen Korrumpierung der Historie“ in: Bund Freiheit der Wissenschaft „Wissenschaft und Zeitgeist in der Geschichtsschreibung“ Bonn o.J. S. 17. [11] Ernst Topitsch „Zur politischen Korrumpierung der Historie“ in: Bund Freiheit der Wissenschaft „Wissenschaft und Zeitgeist in der Geschichtsschreibung“ Bonn o.J. S. 17. [12] Topitsch aaO. S.87 f. [13] Ausführlich dazu: Manfred Kittel „Der Mythos von 1789 in Frankreich – Entstehung und Wirkungen von der Ersten bis zur Fünften Republik“ in: Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 2003 S. 75 ff. [14] J. A. „Liberté“ Frankfurter Allgemeine Zeitung 1.2.06. [15] Ausführlich dazu: Gerhard Simon „Rußland: Historische Selbstvergewisserung und historische Mythen“ in: Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit „Geschichtsdeutungen im internationalen Vergleich“, München 2003 S. 61ff. [16] Werner Adam „Auf dem Totenacker. Alexander Jakowlew rechnet schonungslos mit Lenin und dem Sowjetsystem ab“ Frankfurter Allgemeine Zeitung 26.1.04. [17] Heinrich August Winkler „Der Stoß kommt von links“ DIE ZEIT21.11.97. [18] Detlef Junker „‘History Wars‘ – Geschichte und nationale Identität der USA“ in: Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit „Geschichtsdeutungen im internationalen Vergleich“, München 2003 S. 49 ff. [19] Den Alliierten wird sogar vorgeworfen, sie hätten die Verbrechen der Nazis toleriert; siehe Richard Breitman „Staatsgeheimnisse. Die Verbrechen der Nazis – von den Alliierten toleriert“ München 1999.. [20] Henryk Broder „Das Shoah-Business. Über die Amerikanisierung des Holocaust“ DER SPIEGEL 16/93 S. 248 ff.; Detlef Junker „Die Amerikanisierung des Holocaust...“ in: Petra Steinberger (Hg.) „Die Finkelstein-Debatte“ München 2001 S. 122. [21] Henryk Broder „Das Shoah-Business. Über die Amerikanisierung des Holocaust“ DER SPIEGEL 16/93 S. 248. [22] Detlef Junker „Die Amerikanisierung des Holocaust...“ in: Petra Steinberger(Hg.) „Die Finkelstein-Debatte“ München 2001 aaO S. 137. [23] Lorenz Jäger „Etwas über Tabus“ Frankfurter Allgemeine Zeitung 22.2.02. [24] Ingo Pies/Martin Leschke (Hrsg.) „Karl Marx‘ kommunistischer Individualismus“ Tübingen
2005. [25] Ingo Pies/Martin Leschke (Hrsg.) „Karl Marx‘ kommunistischer Individualismus“ Tübingen 2005 S. 2. [26]Ingo Pies/Martin Leschke (Hrsg.) „Karl Marx‘ kommunistischer Individualismus“ Tübingen 2005 S. 2. [27] Richard von Weizsäcker „Reden und Interviews“ Bd. 2, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hg.), Bonn 1986 S. 33 f. [28] Der Vorgang wird ausführlicher geschildert in Konrad Löw „‘Auf, auf zum fröhllichen Jagen‘ Erfahrungen mit Manichäern“ in: Gerhard Besier/Erwin K. Scheuch „Die neuen Inquisitoren. Religionsfreiheit und Glaubensneid“ Osnabrück 1999 S. 255. [29]
Josef Isensee „Tabu im freiheitlichen Staat. Jenseits und diesseits
der Rationalität des Rechts“ Paderborn 2003, S. 28. |
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