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28.09.2005 |
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Vorbemerkung
Denken
ist sprachlich vermittelt. Für die wissenschaftliche Abstraktion ist
Sprache von konstitutiver Bedeutung, da Wissenschaften die Wirklichkeit in
Hypothesen und Theorien abbilden, die intersubjektiv mitteilbar sein müssen.
Dies wird durch Sprache als das verbindende Element einer
Kommunikationsgemeinschaft garantiert. Zur
Zeit beobachtet man im deutschsprachigen Raum einen konsequenten Rückzug
der Wissenschaft aus der Landessprache. Immer mehr deutsche
Fachzeitschriften veröffentlichen Artikel deutschsprachiger Autoren in
englischer Sprache, die Kongressprache ist selbst auf Tagungen ohne
internationale Beteiligung häufig englisch, und auch Vorlesungen für die
deutschsprachige Studentenschaft werden immer häufiger auf Englisch
angeboten. Diese
Entwicklung hat für den Forschungs- und Ausbildungsstandort Deutschland
schwerwiegende nachteilige Folgen. I. Auf internationaler Ebene hat
Englisch eine wichtige Funktion als Kommunikationsmedium.
Wissenschaft
und Forschung leben vom Austausch innerhalb einer internationalen
wissenschaftlichen Gemeinschaft. Um die Kommunikation in einem weltweiten
Wissenschaftsbetrieb sicherzustellen, hat sich die englische Sprache als lingua franca etabliert. Es ist unbestritten, dass jeder
Wissenschaftler seine Ergebnisse auch in internationalen
englischsprachigen Zeitschriften präsentieren muss. II. Ein ausschließlicher Gebrauch
der englischen Sprache innerhalb des deutschen Wissenschaftsbetriebes
erschwert den Gedankenaustausch.
Zunehmend
wird in Deutschland auch im internen Wissenschaftsalltag und auf
nationalen Tagungen ohne oder mit nur geringer internationaler Beteiligung
ausschließlich auf Englisch verhandelt. Von wenigen Ausnahmen abgesehen
kann sich jedoch niemand in einer Fremdsprache so gewandt ausdrücken und
Nuancen so treffend wiedergeben wie in der Muttersprache. Deutsche
Wissenschaftler, die auf Englisch kommunizieren, vermögen komplexe Zusammenhänge
oft nur ungeschickt zu vermitteln bzw. in entstellter Form zu perzipieren.
Weiterhin können gerade inter- und transdisziplinäre Ansätze nicht mehr
aufgegriffen werden, wenn die Kommunikation nicht in der Muttersprache
erfolgt. Englisch ist für die weltweite Verständigung in
Einzeldisziplinen zwar unverzichtbar, der Gebrauch der eigenen
Muttersprache bietet aber einen unschätzbaren Vorteil, der nicht
leichtfertig aufgegeben werden darf. III.
Der Primat einer Einheitssprache im Bereich der Wissenschaft bedeutet
geistige Verarmung. Jede
Sprache bildet die Erfahrungswelt in einer spezifischen Weise ab, sie ist
ein Spiegel des Weltverständnisses. Die Vorstellungen von der
Wirklichkeit, die Ontologie, werden durch die Sprache, ihren Wortschatz,
ihre Begrifflichkeit und ihre Struktur geprägt. Wissenschaft
und Forschung leben von riskanten und konkurrierenden Hypothesen, von
eigenständigen schöpferischen Ideen, von unkonventionellen
Herangehensweisen, von Visionen und von intuitiven Eingebungen. Wer in
seinem wissenschaftlichen Schaffen die Verwurzelung in der eigenen
Muttersprache und ihrer erklärenden Metaphorik aufzugeben gewillt ist,
der kündigt auch seine Mitarbeit an der inhaltlichen Gestaltung seiner
Disziplin auf. Wir
werden unserer wissenschaftlichen Produktivität langfristig schweren
Schaden zufügen, wenn wir fortfahren, unsere Muttersprache und damit
die für unser Denken und Wahrnehmen spezifischen Strukturen konsequent
aus dem Erkenntnisprozess auszublenden. IV. Die Flucht in das Englische
verhindert die Weiterentwicklung der deutschen Wissenschaftssprache.
Die
Dominanz des Englischen führt dazu, dass die deutsche
Wissenschaftssprache zunehmend unbrauchbar wird. Wenn selbst im internen
Gebrauch die Landessprache aufgegeben wird, wird die Weiterentwicklung fächerspezifischer
Terminologien nicht möglich sein. Das
oftmals vorgebrachte Argument, für neue Entwicklungen, die ja oft aus dem
angloamerikanischen Raum kommen, stünden nur die englischen
Originalbegriffe zur Verfügung, ist nicht überzeugend. Für jeden
Sachverhalt lassen sich ohne Mühe Lehnwortbildungen, Lehnübersetzungen
oder Lehnschöpfungen finden. Fachbegriffe können aus der Alltagssprache
abgeleitet werden, wie dies auch im Englischen häufig geschieht. Dass
die Preisgabe einer wissenschaftsspezifischen Landessprache und eigenständiger
Denktraditionen keine unausweichliche Folge der internationalen Vernetzung
sein muss, lehrt der Blick auf andere Sprachräume. V. Die Preisgabe der Landessprache
führt zur Dissoziation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit.
Wissenschaft
ist integraler Bestandteil der Gesellschaft, welche sie finanziert. Die
Bereitschaft, die Landessprache in innovativen Schlüsselbereichen
weiterzuentwickeln, ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass diese
sich von der übrigen Gesellschaft nicht abkoppeln. Wissenschaftler
sind der Öffentlichkeit verantwortlich und haben gegenüber dem Steuerzahler
eine Bringschuld zu erfüllen. Dies sollte v.a. im Bereich der
anwendungsorientierten Forschung selbstverständlich sein. Da 30 % der
Deutschen der englischen Sprache nicht mächtig sind und weitere 30 %
nur über rudimentäre Kenntnisse verfügen, wird der Verlust einer
wissenschaftstauglichen deutschen Sprache weite Bevölkerungskreise von
der Teilhabe und der Mitsprache an wichtigen Entwicklungen ausschließen. Umgekehrt
wird die Wissenschaft neue Fragestellungen, die sich aus dem gesellschaftlichen
Umfeld ergeben, nicht mehr wahrnehmen können. Die Akzeptanz von Wissenschaft
in der Öffentlichkeit wird weiteren Schaden nehmen. VI. Der Verzicht auf eine deutsche
Wissenschaftssprache macht den Wissenschafts-, Forschungs- und
Ausbildungsstandort Deutschland im Ausland nicht attraktiver.
Die
Anwerbung von Studenten sowie von Gastwissenschaftlern aus dem Ausland ist
lebensnotwendig für Deutschland. Ziel muss es sein, die Gäste während
ihres Aufenthaltes nicht nur institutionell, sondern auch sozial
einzubinden und sie für die Kultur des Gastlandes zu interessieren. Nur
wenn sie sich nach der Rückkehr in ihre Heimat langfristig an Deutschland
gebunden fühlen, wird sich ihr Aufenthalt für Deutschland später
auszahlen. Dies wird jedoch nicht gelingen, wenn ihnen in Universitäten
und Forschungsinstituten deutsche Sprache und Kultur nicht nahe gebracht
werden. Vorlesungen,
die von deutschen Muttersprachlern auf Englisch gehalten werden, wirken
meist unbeholfen. Darunter leidet nicht nur die Qualität der Lehre.
Insbesondere vermittelt der Gebrauch der englischen Sprache den Eindruck,
man könnte in Deutschland neue Ideen nicht mehr als erste formulieren
oder aussprechen. Ein solches Land wird für Studenten und Wissenschaftler
anderer Nationen uninteressant. Immer mehr Studenten und Wissenschaftler
studieren, forschen und lehren daher lieber gleich beim
angloamerikanischen Original. VII. Um den Forschungs- und
Ausbildungsstandort Deutschland wieder zu stärken, bedarf es eines
Umdenkens im Umgang mit der deutschen Wissenschaftssprache.
Hochschulen,
außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, wissenschaftliche Fachgesellschaften
und Fachverlage sowie die Wissenschaftspolitik einschließlich der
Drittmittelgeber sind aufgerufen, zum Gebrauch und zur Weiterentwicklung
der deutschen Sprache in der Wissenschaft beizutragen. Hierzu
bedarf es vielfältiger Anstrengungen: ·
Auf
wissenschaftlichen Veranstaltungen mit ausschließlich deutschen
Teilnehmern ist auf Deutsch zu verhandeln, wobei für Gastredner
selbstverständlich Ausnahmen zu gelten haben. Auf internationalen
Kongressen, die von deutschen Veranstaltern ausgerichtet werden, muss
Zweisprachigkeit gewährleistet sein, d.h. für Simultanübersetzung vom
Deutschen ins Englische muss gesorgt werden. ·
Deutsche
Fachzeitschriften müssen auch Artikel in deutscher Sprache mit englischer
Zusammenfassung annehmen. Das Argument, Originalarbeiten in deutscher
Sprache würen international nicht zur Kenntnis genommen, ist durch
Untersuchungen deutlich widerlegt worden. ·
Die Herausgabe
deutschsprachiger Lehrbücher darf nicht aus Gründen der Kosteneffizienz
eingestellt werden. ·
Zwecks
Weiterentwicklung fächerspezifischer Terminologien haben die
Fachgesellschaften kompetente Nomenklaturkommissionen einzurichten. ·
Wissenschaftliche
Leistung darf nicht nur anhand von Publikatioen in ausgewählten
Zeitschriften mit hohem Bewertungsfaktor („Impaktfaktor“)
quantifiziert werden, sondern auch von Publikationstätigkeit in
deutschsprachigen Zeitschriften und von Öffentlichkeitsarbeit.
Langfristig ist die Schaffung eines europäischen Zitationsindex
erforderlich. ·
Im Bereich der
universitären Ausbildung müssen Lehrveranstaltungen in der Landessprache
angeboten werden, es sei denn, sie werden in Spezialgebieten von
englischen Muttersprachlern gehalten. ·
Ausländische
Studenten müssen vor der Aufnahme ihres Studiums ausreichende
Deutschkenntnisse nachweisen. Die Weiterentwicklung der erworbenen
Kenntnisse muss integraler Bestandteil des Grundstudiums sein.
Gastwissenschaftler, die länger als drei Monate in Deutschland bleiben,
sollen ebenfalls gute landessprachliche Kenntnisse besitzen oder sich während
ihres Aufenthaltes aneignen. Der Besuch von Sprachkursen ist zu unterstützen.
München und
Berlin, im August 2005
Erstunterzeichner:
Weitere prominente Unterzeichner sind u.a.: Hans-Olaf Henkel, Christian Meier, Hans Joachim Meyer, Gesine Schwan. Auch unser verstorbenes Mitglied Manfred Fuhrmann hatte den Aufruf noch unterzeichnet.
Redaktion
fdw
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