12.03.2007

An der Realität vorbei

„Wenn Ratschläge zu Schlägen werden…“: Entstaatlichung als Ziel 

Anmerkungen zum aktuellen Positionspapier des „Aktionsrates Bildung“

(SZ vom 08.03.2007, Tanjev Schultz)

 

Mancher Aktionismus lebt vom Kurzzeitgedächtnis der Demokraten, die dadurch zum Spiel-ball von handfesten Interessen werden. Wenn alle über Schule diskutieren, schickt sich auch die Wirtschaftslobby an, „Bildung neu zu denken“ – verbunden mit dem Verdikt, dass „altes

Denken out“ und das angeblich Neue bereits an sich gut sein müsse. Wenn sich nun heraus-stellt, dass das Neue ein alter Ladenhüter ist, der sich in keinem Bundesland als qualitativ gut erwiesen hat, sollten Autoren aus dem Elfenbeinturm eher selbstkritisch werden, als sich – selbst im Glashaus sitzend – mal von der (Partei-) Politik, mal von der Wirtschaft instrumen-talisieren zu lassen.

 

Erinnern wir uns: am 07.12.2005 hat die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) be-schlossen, den „Reformdruck auf politische Entscheider zu erhöhen“, um ihre Vorstellungen auch entgegen verfassungsrechtlicher Bedenken durchzupeitschen – „governance watch“ ist angesagt, umgesetzt von einem 7-köpfigen „Aktionsrat Bildung“ in Anlehnung an den „Rat der Wirtschaftsweisen“.

 

Nun liegen sie also vor, die ohne politische Rücksichtsnahme offensiv formulierten konkreten Reformvorschläge der Wirtschaft: Deregulierung, Verschlankung, Privatisierung, Neudefini-tion der Rolle von Schülern, Eltern, Lehrern und Schulverwaltung. Vom Steuerzahler (Staat) finanziert bleiben sollen Schulen, geleitet aber von privaten Trägern. Weg mit dem Beamten-status als Ballast für Innovationen, weg mit Lebensarbeitsverträgen und hin zur Schnappat-

mung von Innovatoren, die entscheiden wollen, wer befristet unterrichten darf und wer gehen muß – „hire and fire“ also jener, die sich einem kollektiven Wahn widersetzen, bewusste Be-setztung von Stellen durch gefügiges, weil um seine Existenzgrundlage bangendes Lehrper-sonal.

 

Was hier auf etwa 160 Seiten präsentiert wird, ist ein Rundumschlag gegen alle Akteure in unserem Schulwesen, die sich redlich um Problemlösungen und die aktive Förderung von Kindern und Heranwachsenden bemühen, ohne auf die (Stopp-) Uhr zu schauen. Noch schlimmer: der geforderte „Verzicht auf Rechtstitel“ wie Mittlerer Bildungsabschluß oder Abitur zu Gunsten einer freien Outputorientierung, die sich als manipulative Inputorientier-

ung  bei Entscheidungen für Ausbildungswege und Studium herausstellen dürfte, ist nicht nur ein radikaler Systembruch, sondern die bewusste Zerschlagung eines Schul- und Hochschul-wesens, das national und international hoch geachtet ist und dessen Absolventen ihren Mann und ihre Frau auf europäischer Ebene und auch in Übersee stellen können.

 

Man könnte zur Tagesordnung übergehen, wenn solche selbsternannten Innovatoren nicht längst in die Entscheidungsebenen für Schulen und Hochschulen eingesickert wären. Es wäre hoch an der Zeit, sich eines Grundsatzes zu erinnern, dass man radikalen Denkern auch zu-trauen darf, ihre Ziele um jeden Preis umzusetzen. Unsere Schüler und Studenten sollten uns für einen solchen „Feldversuch“ zu wertvoll sein. Nachdem die Autoren die Politik ins Faden-kreuz nehmen, sollte aus dem Bayer. Landtag, dem Kultusministerium und der Staatskanzlei nach zwei Jahren die Rote Karte gezückt werden – Platzverweis! Lehrer und Hochschullehrer könnten guten Gewissens ein „Unbrauchbar, sechs!“ für eine solche Nichtleistung erteilen.

 

Willi Eisele, OStD, Kiefernweg 1, 82515 Wolfratshausen