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15.06.2005 |
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Historische Entwicklung der Political Correctness in Amerika Von Ingo Pommerening |
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Streitfall
„couch potato“
Im Juni vergangenen Jahres erregte ein Verband der britischen Bauern
einiges Aufsehen: Der British Potato
Council, in dem ca. 4000 Bauern und Verarbeiter von Kartoffeln
zusammengeschlossen sind, trat mit einer Bitte an die Oxford University Press heran,
der auch durch je eine Demonstration in Oxford und in London Nachdruck
verliehen werden sollte. Die Bitte oder
Aufforderung bestand darin, den Ausdruck couch potato aus dem
englischen Lexikon zu streichen. Denn durch die Existenz dieses Ausdrucks
leide der Absatz von Kartoffeln ungebührlich und unverdient, da couch
potato einen Menschen bezeichnet, der stundenlang oder gar
tagelang träge vor dem Fernseher hockt. - Im Oxford Dictionary of New Words von 1991 (1) ist dieser Ausdruck seit
1976 – aus Kalifornien kommend - nachgewiesen und detailliert erläutert.
Die Reaktion der Oxford University
Press war zwar nicht wie die sprichwörtliche deutsche Behördenantwort,
kurz und beleidigend, aber doch knapp und entschieden: Ein Wort, das
einmal in das historische Englische Wörterbuch aufgenommen sei (es
entspricht dem Grimmschen Wörterbuch), werde nie wieder gestrichen; aus
den anderen Wörterbüchern könne es verschwinden, wenn andere Wörter
wichtiger würden. Die Sache als solche war damit offensichtlich erledigt. - Wie aber kam
der British Potato Council dazu,
zu meinen, ein Ausdruck könnte aus der Sprache gestrichen werden und
damit könne die Wirklichkeit, hier die Welt der Ernährungsindustrie
durchgreifend verändert werden? -- Ich glaube, man kann sich das nicht
ohne den Hinweis auf den Erfolg der “political correctness" in den
USA und in Großbritannien (übrigens wohl auch in Kanada)
erklären. So sagte denn auch der Herausgeber des Oxford English Dictionary in diesem Zusammenhang: “Wenn Leute sich
über Worte beschweren, dann beschweren sie sich in Wirklichkeit über die
Gesellschaft, die sie benutzt. Wörterbücher spiegeln die Wörter wider,
die die Gesellschaft benutzt." Definitionen
Vielleicht haben Sie selbst einmal ein neueres englisches Wörterbuch zur
Hand genommen und nachgeschlagen, was political correctness bedeutet.
In dem eben angeführten Oxford
Dictionary of New Words von 1991
hätten Sie es nicht gefunden, aber in einigen anderen englischen und
amerikanischen Wörterbüchern, die einige Jahre später erschienen sind,
sehr wohl. Lassen Sie mich zitieren, zunächst ein deutsches Werk, das Heidelberger
Online Lexikon der Politik: (2) “Eine von den Hochschulen Nordamerikas ausgehende, in sich heterogene
Bewegung. Als späte Spielart der Bürgerrechtsbewegung fordert sie, die
Benachteiligung von Minderheiten zu beseitigen, konzentriert sich dabei
aber, orientiert an einem postmodernen Weltbild, auf sprachlich-kulturelle
Phänomene." The Hutchinson Encyclopedia von
1995 (3) (in England erscheinend) schreibt: “political
correctness (PC) US shorthand term ...." Also
“Ein US-amerikanisches Kürzel für ein Bündel von liberalen Haltungen
zu Erziehung und Gesellschaft und die Terminologie, die damit zusammenhängt.
Um politisch korrekt zu sein, muß man sensibel für unbewußten
Rassismus und Sexismus sein und Umweltbewußtsein zeigen. Allerdings hat
die tatsächliche oder behauptete Durchsetzung von 'PC speech codes'
('people of colour' anstelle 'coloured people', 'differently abled'
anstelle von 'disabled' usw.) an mehr als
130 Universitäten in den USA bis zum Jahr 1991 Hohn auf sich
gezogen und ist als eine Art von Gedankenpolizei kritisiert worden." Analyse des Ausdrucks
Versuchen wir, den Ausdruck “political correctness"
zu analysieren, indem wir ihn tatsächlich auseinandernehmen: Anfänglich
wurde das Adjektiv correct, näher bestimmt durch das Adverb politically
gebraucht. Das harmlose und vielseitig verwendbare Adjektiv, das
allerdings immer irgendwelche Normen voraussetzt, wurde durch das Adverb
politically in der Weise näher bestimmt, daß ein Bezug zur Politik
hergestellt wurde – so könnte man meinen. Da aber diese Politik nicht
als die Linie einer Partei oder irgendeiner Gruppierung angegeben wurde,
also faßbar wurde, bedeutete dies nichts anderes, als daß diejenigen,
die den Ausdruck anführten, ihre eigene politische – auf die
Beeinflussung der Gesellschaft gerichtete – Meinung zugrunde legten.
Sobald man also den Ausdruck “politically correct" akzeptiert, also
schon wenn man ihn ohne Erläuterung übernimmt, ist man in der Falle: Der
Ausdruck stellt etwas dar, wofür die englische Sprache den Begriff
“begging the question" bereitstellt: Das, was zu beweisen war, wird
vorausgesetzt. Derjenige, dem der Ausdruck nahegelegt wird, dann auch
in den Mund gelegt wird, nimmt verständlicherweise im allgemeinen
keine solche Analyse vor, sondern empfindet vermutlich zunächst eine
gewisses Unbehagen, da er dumpf fühlt, daß er etwas nicht so richtig
verstanden hat an dem Ausdruck – und dieses Unbehagen mag sich dann
schnell mit dem schlechten
Gewissen verbinden, das er hat, wenn ihm klar gemacht wird, wie sehr er
eine Minderheit beleidigt hat, wenn er sie bisher mit einem ganz einfach
üblichen Wort bezeichnet hat, das er jetzt zugunsten eines anderen
aufgeben soll. -- Plötzlich – irgendwann in unserem Leben - sind wir
dazu aufgefordert worden, “Sinti und Roma" statt “Zigeuner"
zu sagen. Dieses schlechte Gewissen wird von denen, die “politically correct" als Wertmaßstab verbreiten,
bewußt induziert und dann instrumentalisiert. Auf dem Umweg über die
Sprachveränderung wird also das Verhalten der Menschen gesteuert, und
damit soll die gesellschaftliche Wirklichkeit verändert werden. Wir haben es mit einem “einseitig erklärten Tugendkanon" zu tun
– wie Klaus J. Groth es ausgedrückt hat. Der Gebrauch des Ausdrucks
bewirkt die sofortige Vereinnahmung desjenigen, der sich nicht gegen ihn
zur Wehr setzt. (4) Sprachregelung führt zum Konflikt mit
der Verfassung Wenn die Menschen sich vorschreiben lassen sollen, welche Worte sie
gebrauchen dürfen und welche nicht, dann merken natürlich die
aufmerksameren ziemlich schnell, daß ihre verfassungsmäßig garantierte
Redefreiheit eingeschränkt wird. Das konnte in den USA nicht ausbleiben
– enthält doch der Erste Verfassungszusatz (First Amendment) hierzu
eine klare Aussage, die vom Obersten
Gerichtshof (Supreme Court) in mehreren Urteilen noch
präzisiert worden ist. - Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts ist
der Oberste Gerichtshof übrigens nie mit einem Fall befaßt gewesen, in
dem es um die Redefreiheit ging, die im hier garantiert wird. - Der
Wortlaut des Ersten Verfassungszusatzes (von 1791) auf Deutsch: ''Der Kongress darf
kein Gesetz erlassen, das die Einführung einer Staatsreligion zum
Gegenstand hat, die freie Religionsausübung verbietet, die Rede- oder
Pressefreiheit oder das Recht des Volkes einschränkt, sich friedlich zu
versammeln und die Regierung durch Petition um Abstellung von Missständen
zu ersuchen.'' Der
Originaltext lautet: ''Congress
shall make no law respecting an establishment of religion, or prohibiting
the free exercise thereof; or abridging the freedom of speech, or of the
press; or the right of the people peaceably to assemble, and to petition
the Government for a redress of grievances.'' Man sollte hervorheben, daß schon
die Einschränkung (Verkürzung –
abridging) der Redefreiheit
unzulässig ist - und daß
unter “freedom of speech" nicht nur die sprachliche Äußerung
verstanden wird, sondern jegliche Meinungsäußerung, also auch
Handlungen, in denen sich eine Meinung ausdrückt. - Im übrigen steht die
Meinungsfreiheit auf einer Stufe mit dem Schutz vor der Einrichtung einer
Staatsreligion, vor der die berühmtesten frühen Siedler bekanntlich aus
England geflohen waren. - Schließlich ist festzuhalten: Was die
Verfassung nur dem Congress verbietet, ist durch die spätere
Rechtsprechung auch auf die unteren Ebenen der Judikative und Exekutive
ausgedehnt worden. Am schärfsten kann man die Erstreckung des
Begriffs der Meinungsfreiheit, wie er durch die Rechtsprechung des
Obersten Gerichtshofes herausgearbeitet worden ist, kennzeichnen, wenn man
ein extrem weit gehendes Urteil anführt: Für uns wohl kaum verständlich, erklärte der
Supreme Court es (mit 5 zu 4
Stimmen) 1989 sogar für erlaubt, unter dem Schutz des Ersten
Verfassungszusatzes die Fahne der Vereinigten Staaten zu verbrennen. Vielleicht
wird das verständlicher, wenn wir die prinzipielle Begründung lesen: “Wenn es ein Grundprinzip des ersten
Verfassungszusatzes gibt, ist dies das Prinzip, das der Regierung
verbietet, den Ausdruck einer Idee nur aufgrund der Tatsache, dass die
Gesellschaft diese Idee für beleidigend und widerwärtig hält, zu
untersagen." Die Ansichten der Mehrheit, ja sogar der
“Gesellschaft" können also nicht den Einzelnen in seinem Recht auf
seine Meinung und ihre Äußerung
beschränken! (Texas v. Johnson 1989). Bewegungen
unter der gemeisamen Fahne “Political Correctness" In den USA gibt es
in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg mehrere Bewegungen zugunsten von Minderheiten – die wohl in einer gewissen zeitlichen
Staffelung auftreten, und die sich unter dem Stichwort Antidiskriminierung
subsumieren lassen. Dies sind die Bewegungen gegen Rassendiskriminierung,
Diese Bewegungen, auf die ich hier nicht näher eingehen werde, da sie
allgemein genügend bekannt sind - tendieren
alle zur Beanspruchung von Quotenregelungen, das gängige Schlagwort ist
“affirmative action". - All
diese Bewegungen finden ein gemeinsames Dach, besser eine gemeinsame Fahne
unter dem unscharfen – nicht definierten und nicht hinterfragten –
Ausdruck „Political Correctness“. Hierin verbinden sich ein schlechtes Gewissen (und seine Nutzbarmachung),
das vermutlich insbesondere in der Tradition des Puritanismus wiederbelebt
wird, und eine philosophische Rechtfertigung, die von der Frankfurter
Schule, besonders aber von Herbert Marcuse geliefert wird. Herbert Marcuse als geistiger Vater
Die Anhänger der political
correctness brauchen sich in ihrem Auftreten gegenüber ihren
Gegnern nicht zimperlich zu verhalten, hat Marcuse doch bereits 1965 in
seinem Essay “Repressive Toleranz" die asymmetrische Nutzung des
Toleranzgedankens deutlich genug gerechtfertigt.
“Darin bezeichnet er die zu Beginn der Neuzeit
entwickelte Idee der Toleranz
als parteiliches Ziel, als subversiven,
befreienden Begriff und ebensolche
Praxis. Gegenwärtig gäbe es keine Macht,
Autorität oder Regierung,
die eine befreiende Toleranz
umsetzen würde." (5) Marcuse fordert
sogar ausdrücklich Intoleranz gegenüber dem Denken, der Meinung und dem
Wort - und Intoleranz
insbesondere gegenüber den Konservativen und politisch Rechten. Unparteiische
Toleranz schützt nach seiner Meinung in Wirklichkeit die bereits
etablierte Maschinerie der Diskriminierung. Diese asymmetrische Toleranz in Marcuses Sinn erfährt ihre schärfste
Ausprägung an den Universitäten und wird in eine Reihe praktischer Maßnahmen
umgesetzt. Mit seiner nachdrücklichen Rechtfertigung der repressiven Toleranz,
sprich Intoleranz, gegenüber dem politischen Gegner, wird Marcuse zum
geistigen Vater der Studentenrevolte in den USA und in Deutschland – und
wie man jetzt sehen muß auch zum geistigen Vater der political
correctness. Von Kors und Silverglate wird das in dem Kapitel “Marcuse's Revenge"
in The Shadow University mit großer
Deutlichkeit herausgearbeitet. (6) Arten des verordneten Sprachwandels Euphemismen sind bei vielen Menschen leicht durchzusetzen, wenn man ihnen dadurch ein
ungutes Gefühl nimmt; im anglo-amerikanischen Sprachbereich gibt eine
auffällige Tendenz zu Euphemismen, siehe z. B. “cloakroom" für
Toilette. Wenn man es selbst als nicht ganz passend empfindet, einen
Schwarzen mit “nigger" zu bezeichnen, ist man gern dazu bereit, ein
anderes Wort zu verwenden; ob man das Wort
dann mag, das einem vorgeschrieben wird, ist eine andere Frage; und
kritisch wird es dann, wenn man von Zeit zu Zeit sich schon wieder an ein
neues Wort gewöhnen soll. Es gibt aber auch viele
Menschen, die in ihrem Sprachgebrauch aus den verschiedensten Gründen
konservativ, also wirklich beharrend
sind; und diese können sich
dann auch als verstockt herausstellen. Bei jungen Menschen ist das sicher
im allgemeinen nicht zu erwarten. Zur Illustration der übertriebenen Suche nach
Euphemismen ein groteskes Beispiel aus Deutschland: “Im
schleswig-holsteinischen Ministerium für Wirtschaft, Technik und Verkehr
war man sich nicht zu schade, im Frühjahr 1996 die Gemeinde Lutterbek bei
Kiel darauf hinzuweisen, den Begriff »Fremdenverkehr« von nun an durch
»Tourismus« zu ersetzen, da das Wort »fremd« negativ besetzt sei. Man
denke an Fremdenfeindlichkeit." (7) Neuschöpfungen:
Wahrscheinlich sind sie heutzutage leicht zu etablieren, wenn sie genügend
präsentiert werden: Der Mensch in der modernen Warenwelt, die eine Welt
der Werbung ist, hat sich an Wortneuschöpfungen gewöhnt. Bedeutungsveränderung
(Bedeutungsaufwertung oder
-abwertung, Bedeutungsverschiebung): Für die Durchsetzung ist im
allgemeinen wahrscheinlich ein längerer Atem nötig, es sei denn sie sind
so unauffällig, daß die meisten Menschen
sie gar nicht richtig wahrnehmen und daher keinen Widerstand
aufbauen, sondern sie gedankenlos
und bedenkenlos übernehmen. Ersatz
von unerwünschten Wörtern: Die einzelnen Ethnien (Rassen) sollen selbst
bestimmen können, wie sie genannt werden wollen. So heißen im
Amerikanischen die Eskimos nicht mehr so, sondern “Inuit". Daß
Staaten und sogar Städte andere Namen haben wollen, daran haben wir uns
z. T. gewöhnt: Sri Lanka für Ceylon, Mumbai für Bombay usw., aber im
Deutschen haben wir die Veränderung von Peking zu Beijing nicht
mitgemacht – im Gegensatz zu Engländern und Amerikanern. - Die Feministinnen bestehen
auf Ersatz von “man"
durch Ausdrücke, die geschlechtsneutral sind: So muß man statt mankind
humankind sagen. Andere
verlangen, history durch herstory zu ersetzen, weil die Geschichte ja
nicht “his story" sei. Solche grotesken Forderungen diskreditieren
denn auch die Sprachveränderung; aber vieles hat sich durchgesetzt, z. B.
auch die Abschaffung von Miss und Mrs und ihre Ersetzung durch Ms. - Im
Zuge dieser Entwicklung wird dann in Deutschland auch aus der
Studentenvertretung die Studierendenvertretung,
und man traut sich kaum noch, von Studenten zu reden, wenn man das als
Oberbegriff für männliche und
weibliche Studenten meint. -- Der Gebrauch der politisch
korrekten Wörter setzt
übrigens die Duftmarken, mit denen sich Kollegen untereinander
erkennen: Wenn mich ein Kollege in
einem Rundschreiben unter der Anrede “KollegInnen" subsumiert, dann
bilde ich mir ein, ungefähr zu wissen, wo er hochschulpolitisch steht
(was heute allerdings nicht mehr so wichtig ist wie früher). In der täglichen
Auseinandersetzung in politisierten Einrichtungen sind nach meiner
Beobachtung diese Duftmarken von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Praktische
Maßnahmen an Universitäten – und anderswo Im Zuge der Durchsetzung von PC an den Universitäten
kommt es zu einer Reihe von praktischen Maßnahmen, die hier kurz zu
schildern sind. - Ähnliches läuft in vielen Unternehmen ab – und viel
mehr wohl noch an den Schulen - beides
soll hier nicht behandelt werden. a) Was auf den Studenten
einstürmt, sobald er zum Beginn des ersten Semester erscheint, sind die
Orientierungskurse für Erstsemester. In irgendeiner Form hat es so etwas
schon lange gegeben, aber unter dem Einfluß von PC wandeln sich diese
Kurse erheblich: Die verschärften Rede- und Verhaltensregeln, auf die ich
gleich noch eingehe, werden ihm ans Herz gelegt, seine Rechte als
Beschwerdeführer in Sachen PC werden ihm dargelegt, und er kommt intensiv
mit der neuen Sprache in Kontakt: Ethnic
diversity, cultural diversity, women studies, Afro-American studies,
Eurocentrism, racists, “dead old men" (DOM) schwirren
ihm um die Ohren. Manches davon mag zunächst einsichtig oder gar
lobenswert und moralisch richtig erscheinen, wie etwa “commitment to
diversity" also Verpflichtung zur Vielfalt und Ähnliches. b) In sehr vielen Fällen
wird in den geisteswissenschaftlichen Fächern der Lektürekanon neu gefaßt, oft unter dem Deckmantel der Erweiterung. Women
studies, African-American studies u. Ä. müssen einbezogen werden, viele
Werke der “white dead old men" werden als überflüssig
ausgeschieden. c)
Ähnlich geht es den Geisteswissenschaften an vielen Universitäten
in Bezug auf den Lehrplan: Er wird
neu gestaltet, wieder oft unter dem Vorwand, eine Erweiterung vorzunehmen. Speech codes: Regeln für
Sprachgebrauch und Verhalten
Hier greife ich das schon
angesprochen Thema Sprachgebrauch
noch einmal auf und komme zu den schriftlich gefaßten Regeln der Universitäten. Unter
“speech codes" faßt man die
Regeln einer Universität zusammen, die das sprachliche und sonstige
Verhalten der Universitätsangehörigen bestimmen sollen. Der
Sprachgebrauch ist das Gebiet, auf
dem die Auswüchse von PC für jedermann besonders gut sichtbar werden und
teilweise haarsträubend zutage treten, so daß hier – etwa um 1990 -
neben sachlicher Kritik jegliche Art von Lächerlichmachung gang und gäbe
wird – von der Seite der
Gegner. Sprachregelung
als solche ist wohl auch das Phänomen, das
am frühesten und schärfsten in das allgemeine Bewußtsein gelangt
ist, da in der Tat neue Bezeichnungen eingeführt wurden, außerdem, wie
wir es auch kennen, die Bedeutung der Frauen in der Sprache hervorgehoben
wurde. Die
haarsträubendsten Beispiele werden am häufigsten zitiert, wobei nicht
ganz sicher ist, ob sie immer ernst gemeint waren, denn sie stammen z. T.
aus The Official Politically Correct
Dictionary and Handbook, das 1992 Henry Beard und Christopher Cerf
herausgegeben haben, und von dem gelegentlich vermutet wird, es sei zum
Teil satirisch gemeint. Aber selbst wenn das wahr sein sollte, bleibt
genug übrig. Lassen
Sie mich zuerst einige Beispiele aus dem Deutschen geben: Der
Lehrling ist der Azubi geworden, eine Abkürzung, die anfänglich wirkte,
als werde sie sich nicht durchsetzen, die man sich aber inzwischen nicht
mehr wegdenken kann. Daß wir von Behinderten, und nicht mehr von Krüppeln
sprechen, will mir völlig normal erscheinen, da ich als Schüler noch die
Sonderplätze in der Bahn kennen gelernt habe, die
“Schwerbehinderten" vorbehalten waren. Mittlerweile scheint es auch
selbstverständlich zu sein, daß die Bezeichnung Fräulein ausgestorben
ist, weil das Wort verpönt war und die jungen Mädchen es irgendwann als
normal empfanden, mit Frau angeredet zu werden und sich gegen “Fräulein"
vehement gewehrt hätten. Im amerikanischen Englisch war mit Sicherheit
der erste Ansatzpunkt die Bezeichnung für Schwarze. Sie wollten und
sollten nun nicht mehr als negroes bezeichnet werden, das Wort nigger war
mit Recht verpönt, da es als Schimpfwort gebraucht worden war. Da
die Sprache es aber so an sich hat, durch pejorative Belastung einiger Wörter
nach immer weiteren Neuprägungen zu rufen – denken Sie an das
mittelhochdeutsche wip, das neuhochdeutsch als Weib in pejorativer
Bedeutung überlebt, aber an sich durch Frau (eigentlich Herrin) ersetzt
worden ist. Die
Bezeichnungen für ethnische (rassische) Minderheiten sind einem Wandel
unterworfen, den die Sprachgemeinschaft größtenteils mitmacht (man denke
auch an Sinti und Roma für Zigeuner): Aus
dem chairman wird chairperson oder chair, der fireman wird zum firefighter,
so daß nicht zu erkennen ist, um
welches Geschlecht es sich handelt. Die
feministische Argumentation in dieser Angelegenheit habe ich nie ganz
verstanden, da doch die Männer gut damit leben können, als Personen (weiblich)bezeichnet
zu werden. Im
Zusammenleben der Menschen an den Universitäten und in den Unternehmen
soll immer Rücksicht genommen werden auf die Empfindlichkeiten - oder
eingebildeten - Empfindlichkeiten der Minoritäten. Insbesondere in
Anwesenheit von Schwarzen darf daher keine Bezeichnung für Schwarze
gebraucht werden, die verpönt ist; die zugelassenen Bezeichnungen
wechseln: Eine besonders umständliche scheint mir die höflichste zu
sein: “people of colour". Verpönt sind natürlich nigger, dann
aber auch negro. Unglaublich
wird es dann, wenn verlangt wird, nicht mehr einen “black coffee"
zu bestellen, sondern einen “coffee without milk". Vollends
unglaublich sollte dann sein, daß wegen der Empfindlichkeiten der Angehörigen
nichtchristlicher Religionen die “Christmas Cards" verschwinden
sollen. Es gibt aber in den USA und in England klare Tendenzen in dieser
Richtung, die uns möglicherweise gar nicht aufgefallen sind, wenn wir
“Season's Greetings" erhielten.
- Ich kann mir gut vorstellen, daß von diesem Phänomen her
irgendwann ein Umdenken einsetzen wird. Außerordentlich
wichtig ist die Definition dessen, was nicht erlaubt ist, in ihrer
allgemeinen Formulierung: Sprachliche Äußerungen und allgemein Verhalten
sind nicht zu tolerieren, wenn die Betroffenen (Schwarze, Frauen,
Behinderte, Homosexuelle) sich dadurch getroffen fühlen, sich beleidigt fühlen
(das gängige Wort ist “offence", und hat eine ziemlich weite
Bedeutung). Um es ganz klar zu machen: Nicht die Absicht oder das objektiv
Festzustellende sind entscheidend, sondern nur das Empfinden des
Betroffenen. - Dies steht, wie man bemerkt, auch in krassem Gegensatz zu
der erwähnten Garantie der Meinungsfreiheit, auch wenn die Gesellschaft
sich getroffen oder beleidigt fühlt. In
diesem Zusammenhang ist in den speech
codes gewöhnlich davon
die Rede, daß den Minderheiten ein Klima (“climate") und eine
Umgebung (“environment") garantiert werden müsse, in dem sie keine
emotionale Beeinträchtigung erleiden.
-- Wenn solche Bestimmungen mobbing
verhindern können, dann kann man sie begrüßen, sie sind aber anders
gemeint. Verwaltungsmaßnahmen der Universitäten Den Orientierungkursen am Anfang des Studiums entsprechen die Schulungskurse, die für Studenten, teilweise auch für Angestellte und Lehrkräfte, während des Semesters abgehalten werden. Zusätzlich
zur Verankerung in den Lehrplänen gibt es etwas anderes:Zu ihrem Besuch können
Studenten oder sogar Lehrkräfte verurteilt werden. Kritiker sprechen von
“mandatory political enlightenment". (8) Übliche Bezeichnungen
sind “sensitivity training" und sogar “sensitivity therapy". Der
Besuch dieser Kurse wird insbesondere dann gefordert, wenn die Personen
ein im Sinne von PC “unsensibles Verhalten" an den Tag gelegt
haben, und deswegen angezeigt
worden sind. Es wird manchmal vermutlich einfach als lästig empfunden,
oft aber auch als Indoktrination und nicht selten als Strafe durch
Indoktrination. Anlaufstellen
für Beschwerdeführer werden benannt oder
geschaffen: Das können also bisher schon vorhandene Stellen sein,
die mit zusätzlichen Aufgaben betraut werden, es können aberauch ganz
neue Stellen sein. So eine Stelle kann dann etwa “Office of Orientation"
heißen. - 1988 sehen wir sogar, daß es eine “National
Conference of the National Orientation Directors Association"
gibt. In
den Broschüren, die die Studenten zu Beginn des Studiums erhalten und die
die Verhaltensregeln umfassen, werden sie
ausdrücklich auf diese Einrichtungen hingewiesen mit der
Aufforderung, mit allfälligen Beschwerden sich an sie zu wenden. Das
System in seiner Gesamtheit hat offensichtlich dazu geführt, daß einmal
die Hemmschwelle für Beschwerden, aus denen leicht Anzeigen werden können)
herabgesetzt wurde und zum andern die Empfindlichkeiten geschärft oder
gar neu geschaffen wurden. Beauftragte (officers, facilitators): oder
auch einen “affirmative action officer" (10). Das Amt, das mit
“facilitator" bezeichnet wird – eigentlich “einer, der etwas
leichter macht, also hilft" - zielt auf einen Beauftragten, der die
Einhaltung der Vorschriften (speech codes) in Lehrveranstaltungen und überhaupt
auf dem Campus, überwacht und der z. B. auch Schulungskurse leitet. --
Auch dies also ein Euphemismus. -- Das Wort hat offensichtlich seit 1990
eine steile Karriere gemacht; es ist inzwischen laut Internetlexikon der
MTU in fünf Bedeutungen belegt: Vermittler, Moderator, Schlepper,
Schulungsleiter und Unterstützer. (Hut ab vor den Leuten aus München!)
(11) Die
Schaffung neuer Stellen hat dieselbe Folge wie die Quotenregelung, was
die Bewegung der PC natürlich für den aufstrebenden Nachwuchs sehr
attraktiv macht: Es gibt mehr Berufschancen. Quotenregelungen: Die “affirmative action" soll genau das bewirken, was
“Quotenregelung" aussagt. Sie soll Minderheiten begünstigen: Was schließlich auch auffällt, wenn man sich länger mit diesen
Erscheinungen beschäftigt, ist, daß das Ganze offensichtlich gut
organisiert ist. (12) Siehe oben: “National
Conference of the National Orientation Directors Association". Einschüchterung von Studenten Es kommt zur
Einschüchterung von Studenten: Studenten, die wegen eines Verstoßes
gegen den „speech code“ angezeigt werden, müssen sich schuldig
bekennen oder verteidigen – wahrscheinlich schließen sie in den meisten
Fällen mit der Universitätsleitung Vergleiche ab, die sie zum Schweigen
verpflichten und den Rechtsweg unmöglich machen; das sind sog. “confidential plea bargains", wie sie im englischen Recht möglich sind. - Festzuhalten ist dabei: Die Schwere
eines Verstoßes gegen einen “speech code" wird nicht nach der
Absicht bemessen, sondern nach der Wirkung,
die von dem Betroffenen, also dem Beleidigten, bestimmt
wird:“Accusations are based on 'impact,' not intention, therefore, the
accused is guilty if the accuser believes him to be guilty". (12) Um die Wirkung
auf die Seele der von “political correctness" Betroffenen geht es
auch in zwei empirischen Untersuchungen: In der Zeitschrift Political
Psychology erschien im Jahr 2000 ein Bericht über zwei
sozialpsychologische Studien zu Political Correctness und affirmative
action. (13) Darin werden aus den Befragungen von Studenten jüngerer
Semester Schlüsse gezogen, die sehr zu denken geben müssen. Viele
Studenten neigen dazu, sich in dieser Frage angepaßt zu verhalten und
ihre eigene Meinung für sich zu behalten, da sie fürchten, von ihren
Altersgenossen (“peer group") als “racist", “sexist"
oder “culturally insensitive" abqualifiziert zu werden. Sie unterstützen
daher im Universitätsleben “political correctness" stärker, als
es ihrer inneren Einstellung entspricht.
Dabei überschätzen sie die Zustimmung ihrer Altersgenossen zu
“political correctness" und “affirmative action" sehr
deutlich. Die nach außen getragene Zustimmung zu PC ist also größer als durch
die innere Haltung gerechtfertigt, und sie beruht außerdem auf einer Täuschung
über die wahre Einstellung der anderen. So ist also einmal das Ergebnis
– im Agieren in ihrer Umgebung – verfälscht, und die Studenten leben
in einem gewissen Zwiespalt und üben sich in Heuchelei. Einschüchterung von Lehrkräften Die Einschüchterung der Hochschullehrer vollzieht sich stufenweise: Sie
werden durch “speech codes" oder Ähnliches zur Anpassung
aufgefordert; wenn sie
nicht belehrbar sind, werden sie von Studenten drangsaliert;
wenn ein Teil der
Studenten zu ihnen hält, werden Parallelveranstaltungen eingerichtet, die
ihnen die Studenten abwerben sollen. Die Parallelveranstaltungen heißen “shadow classes". (Daher der
Titel des Buches von Kors und Silverglate: The Shadow University.) Anders verhält es sich, wenn die Hochschullehrer keine Lebenszeitstelle
haben: Dann scheut man nicht davor zurück, sie im schlimmsten Fall bis
zum Verlust ihrer Stelle zu treiben. Wenn Hochschullehrer den Rechtsweg beschreiten, siegen sie häufig, wenn
auch erst nach Jahren und
unter dem Einsatz ihrer materiellen Existenz. Jedenfalls erweist sich das
Justizwesen im großen und ganzen der Herausforderung gewachsen und wendet
häufig die Existenzvernichtung ab. Zwei
herausragende Beispiele für Verstöße gegen die neuen
politisch korrekten Ordnungen: “Zuwiderhandlungen können ernste Folgen
haben." 1999 kam es in Washington, D. C., zu einem
folgenschweren Mißverständnis: Ein weißer Verwaltungsangestellter,
David Howard, gebrauchte ein
Wort, das seine beiden Gesprächspartner, einer von ihnen eine Schwarzer,
nicht kannten. Es war das seltene Wort „niggardly“
sparsam, knauserig, das aus dem
Skandinavischen ins Englische gelangt ist ( weitere Etymologie ungeklärt).
Gesagt hatte Howard, er müsse in einer bestimmten Sache angesichts der
schlechten Hauhaltslage der Stadt Washington für “a niggardly approach" eintreten, also haushälterischen
Geiz empfehlen. (14) Der kurz
zuvor erst gewählte schwarze
Bürgermeister sah sich mit einer schlimmen Beschwerde konfrontiert und
legte dem “Übeltäter" den Rücktritt nahe. Tatsächlich folgte
dieser der Aufforderung. Über diesen Vorfall ist vermutlich landesweit
berichtet worden. In einem anderen Fall gebrauchte ein Professor in
einer Lehrveranstaltung – reichlich großzügig – Bildersprache aus
dem Bereich der Sexualität, wurde bei der Universitätsleitung angezeigt
(Beschwerden wurden eingereicht), und es ging sehr schnell um den Verlust
seiner Lebensstellung, seiner Pensionsansprüche, kurz um seine materielle
Existenz. Er wählte den Weg zu den Gerichten, brauchte 2 1/2 Jahre, bekam
dann aber in vollem Umfang recht – eben wegen der Auswirkung des Ersten
Verfassungszusatzes, so daß er seine Stelle behielt, und die Universität
auch die Gerichtskosten in Höhe von 170 000 Dollar zahlen mußte. (15) Der jetzt als konservativ geltende Samuel Alito, der kürzlich
von Präsident Bush für die Besetzung des letzten freien Stuhls im Supreme
Court durchgebracht wurde, fällte übrigens 1996 ein Urteil, das
auf der Grundlage des First Amendments Alkoholwerbung in einer
Studentenzeitschrift erlaubte. - War das nun ein liberales oder ein
konservatives Urteil? - Alito verdankt als Sohn italienischer Einwanderer
seine Karriere jedenfalls zum
Teil der Ausbildungsförderung durch Programme
zur Förderung von Minderheiten. Diese zwei Beispiele zeigen
schon, daß “political correctness" durchaus auf Widerstand stieß.
Die Gegenbewegung wurde dann machtvoll, als man um 1990 begann, sich über
die skurrilen euphemistischen Wortschöpfungen lustig zu machen. Wenn also
aus dem wirklich längst unerträglich gewordenen “cripple" über
den “disabled" ein "differently abled"
wurde oder aus dem “Old Man River" gar der “Elderly Man
River", oder aus den “civilian deaths" der “collateral
damage", dann konnte man nur noch lachen oder sich fragen, ob die
Leute sich selbst noch ernst nahmen. Der Spieß wird umgedreht So wurde denn in kurzer Zeit der Ausdruck “political correctness"
von der konservativen Seite aufgegriffen und als pejorative Wendung für
die Gegner benutzt. Erst in diesem Stadium gelangte das Wort Anfang der
neunziger Jahre nach Deutschland.
(16) Die Bewegung wird aber in den USA mittlerweile als bedrohlich angesehen
und sehr ernst genommen, weshalb denn auch Publikationen in der Presse und
in Buchform zugenommen haben, die sich intensiv mit ihr auseinandersetzen.
Gelegentlich wird PC sogar als
totalitäre Ideologie eingestuft: “Political Correctness is cultural
Marxism. It
is Marxism translated from economic into cultural terms."
(17) Was
an kritischer Auseinandersetzung mit PC im Internet läuft und was die
Think Tanks, von denen es so viele gibt, zu PC ausbrüten, kann ich nicht
beurteilen. Aber ich möchte anführen, daß im Internet eine Organisation
mit dem Namen FIRE einen beachtlichen Auftritt zustande bringt – unter
der Leitung einer Juristin – Samantha Harris.
(18) Sie veröffentlicht laufend Listen der Universitäten, in
denen sie nach der Bewertung ihrer “speech codes" sortiert sind.
Wenn man dem nachgeht, wird man sicher feststellen, daß diese Listen sehr
aufschlußreich sind. Gleichzeitig veröffentlicht Samantha Harris dort
jeden Monat einen “speech code of the month", in dem sie ein
herausragendes negatives Beispiel anführt und kommentiert. Man kann sogar
den Eindruck gewinnen, daß diese Listen auch etwas über die grundlegende
politische Gliederung der USA aussagen, etwa über die puritanische Prägung
der Neu-England-Staaten, die für die Political Correctness besonders empfänglich
waren. Lassen Sie mich zum Schluß zwei Beispiele von PC geben, die nur deswegen
miteinander zu tun haben, weil sie zu Entwicklungen gehören, die beide
unter dem Dach oder der Fahne der “political correctness" gelaufen
sind. Das eine ist ein Blick in die amerikanische Schule – die ich ja
ganz vernachlässigt habe. Eine Amerikanerin, die selbst Lehrerin gewesen ist und die das Buch The
Cloning of the American Mind geschrieben hat, B. K. Eakman (19), beobachtet einen zehnjährigen Jungen, der mißmutig
und mürrisch aus der Schule nach Hause gekommen ist und nicht aufgelegt
ist, überhaupt mit den Eltern zu sprechen. Er ist in der Schule einer
schweren Dosis “political correctness" ausgesetzt gewesen, “another stupid school assembly",
wo die Rede war von “diversity and tolerance", von
“lesbians" und “homosexuals" - was ihn alles nicht so recht
angesprochen hat. Dann hat ihm “a school counselor" klargemacht, daß
sein Eltern möglicherweise andere Einstellungen haben, da sie zu der
alten Generation gehören, daß er aber als “big boy" sich seine
eigene Meinung bilden kann und daß er doch nicht bei den anderen als
Dummkopf dastehen möchte. So ist er in einen unlösbaren Zwiespalt geraten. Er erlebt das, was man nach Leon Festinger als “kognitive
Dissonanz" bezeichnet, einen Zustand, der den Menschen für Einflüsterungen
besonders anfällig macht. Manch einem wird an dem Beispiel des amerikanischen Schuljungen bewußter
werden, woran unser Verhältnis
der Generationen krankt und worauf u. a. diese Erkrankung zurückzuführen
ist. Was
Eakman von einem 10jährigen Schüler schreibt, könnte ähnlich für den
Studenten gelten, der seinen ersten Tag an der Universität verbringt. Ich zitiere aus einer Einführung in die Psychologie:
Dissonanztheorie.
(Nach Leon Festinger, dem Schüler
von Kurt Lewin.) “Das Menschenbild ... ...
des konsistenzsuchenden Individuums, das motiviert ist, kognitive
Harmonie herzustellen." “Kognitive
Dissonanz ist ein unangenehm erlebter motivationaler Erregungszustand, der
auftritt, wenn zwei Gedanken, Meinungen, Einstellungen oder Wahrnehmungen
einer Person nicht in Einklang miteinander stehen." (20) Das zweite Beispiel ist ein
Blick nach Großbritannien,
nun nicht auf die Bauern, sondern auf die Polizei: Die Polizei der Grafschaft Gloucester hatte kürzlich 192 freie Stellen
zu besetzen. Es gab 301 Bewerber. Die
109 Abgelehnten waren sämtlich Weiße, 63 Weiße wurden genommen, außerdem alle anderen, d. h. 129, die
entweder weiblich waren oder/und einer “ethnischen Minorität"
angehörten. Ein Verein, der sich für die Wahrung der bürgerlichen Freiheiten
einsetzt, “Liberty and Law", hat nun die Polizeiführung von Gloucestershire
bei zwei Kommissionen angezeigt, bei der
Commission for Racial Equality (CRE) und der Equal Opportunities Commission (EOC). -- Man darf gespannt
sein, was sich daraus ergibt. (21) Manch einem wird an dem Beispiel des amerikanischen Schuljungen bewußter
werden, woran unser Verhältnis
der Generationen krankt und worauf unter anderem diese Erkrankung
zurückzuführen ist. Am
zweiten Beispiel sieht man
die verheerenden Auswirkungen von Quotenregelungen in voller Lebensgröße:
Verantwortungsvolle Aufgaben, die von der Gesellschaft zu verteilen sind,
werden nicht nach Leistungsgesichtspunkten vergeben, sondern nach einer
Quotenregelung, die eindeutig eine Diskriminierung der Rasse der Mehrheit
darstellt – im übrigen aber auch zwischen den Minderheiten keine
einsichtige Gerechtigkeit herstellen kann. Mit der “political correctness" wollte man alte Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft heilen -- geschaffen hat man Heuchelei, schmerzliche Risse und neue Ungerechtigkeiten. Fußnoten
(1) The Oxford Dictionary of New
Words. A popular guide to words in the news.
Compiled by Sara Tulloch, Oxford, New York 1991. |
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