29.09.2009

Josef Kraus: "Ist die Bildung noch zu retten?"

 Argumentationsmächtig und wortgewaltig brilliert Josef Kraus (*1949) auch mit seiner aktuellen Streitschrift „gegen eine Bildungspolitik mit der Abrissbirne“. Bildungsgerechtigkeit wird aktuell nicht aus der Perspektive von Erziehungsträgern, sondern nach einem Raster von Bildungsökonomen definiert. Mit Theodor Adorno (1959) sieht Josef Kraus den Rückbau von Bildung zur „Halbbildung“, weil ihr seit fünfzig Jahren durch gesellschaftlich relevante Kräfte die Basis entzogen wird. Wo Bildungsfragen nur „angedacht“ werden, fehlt das „Durch-Denken“, und Reformen entpuppen sich als „De-Formen“, wo Sach- und Fachkunde abschätzig vorverurteilt wird, gerät Information zur systematischen Desinformation.

 


Josef Kraus,

Ist die Bildung noch zu retten?

Eine Streitschrift,

München, F.A. Herbig-Verlag,
2009, 223 S., geb.,

ISBN 978-3-7766-2610-0, 16,95 EURO


Methodisch zielt die Abrissbirne auf die Zerschlagung differenzierter Strukturen unseres vielfach gegliederten Schul- und Hochschulwesen, inhaltlich wird Bildung als Begriff geschleift: weg von einem Bildungs- und Literaturkanon, weg von einer grammatikalisch korrekten Übersetzung, weg von Idiomatik und Sprachstil – Josef Kraus geißelt den „curricularen Nihilismus der Entrümpelungs-Reformen“, die Kurzatmigkeit von Modellversuchen, das Fehlen einer (Bildungs-) Idee und mit Martin Walser (1994) die Intoleranz des intellektuellen Klimas in Deutschland, die Entwertung von Freiheitselementen und die Tendenz, „jede Art von anthropologischer Differenz für ungültig zu erklären“ als Gründungsmythos der modernen Gesellschaft (Peter Sloterdijk, 2000). Abtprimas Notker Wolf, OSB bringt es auf den Punkt, wenn er von „(sozialer) Gleichheit als deutscher Obsession“ spricht, die er als „nicht menschengerecht“ ansieht, Helmut Schoeck (1988) forderte als humane Grundthese das „Recht auf Ungleichheit“ –  man denke an die Start- und Ziellinie beim Sport.

 

Auf die Bildung bezogen könne es – so Josef Kraus – kein „Jedem das Gleiche“ geben, denn es geht nicht um Chancenverteilung, sondern um die Nutzung von Chancen durch Bildungsangebote und „für Chancen gibt es keine Garantien“.

Josef Hitpaß, der 1981 davor gewarnt hat, dass „Massenbildung als Tribut Niveauverlust fordere“, wurde 2008 bestätigt, als behördlich verfügt wurde, komplexe Sprachstrukturen durch vereinfachte „codes“ zu ersetzen, denn „was nicht alle (verstehen) können, darf keiner können“.

 

Josef Kraus sieht den Weg zur Rettung von Bildung in einer Erziehungsoffensive, verweist auf  die bundesweite Initiative „Mut zur Erziehung“ (Bonn, 1978) und fasst deren 9 Thesen 2009 neu (S. 193-200). Er schließt mit einer Satire gegen Volksverdummung und Inkompetenz: „Inkompetente Menschen sind nicht nur blind für ihre schlechte Leistung, sie überschätzen ihr Können sogar – sie realisieren nicht nur nicht, wie schlecht sie sind, sie erkennen auch nicht, wie gut andere sind“. Fazit: eine verbindlich präsentierte Lesekost, inhaltlich die Auflehnung eines engagierten Pädagogen und Schulpsychologen, der im Berufsalltag und verbands-politisch ein Macher ist. Seine Streitschrift: eine Pflichtlektüre für Eltern, Erzieher, (Hochschul-) Lehrer – und Bildungs- und Kulturpolitiker.

 

Zeigen wir gemeinsam Zivilcourage und machen wir Ernst mit dem „Mut zur Erziehung!“

 

Willi Eisele, OStD
Kiefernweg 1
82515 Wolfratshausen