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Spielräume wissenschaftlichen Handelns - Die Grauzone der Wissenschaftspraxis? Professor Dr. Klaus Fischer, Universität Trier |
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Inhalt 0. Die Erkennbarkeit der Welt – allgemein
betrachtet 1. Warum betreiben Menschen Wissenschaft? 2. Das Ideal: die „wissenschaftliche Methode“ 3. Stolpersteine der Wahrheitssuche (Überblick) A. Der Mensch als Forscher a) „Hoaxing“: Leichtgläubigkeit und Skepsis in
der Wissenschaft: Ulk oder Jahrhundertfund?
b) „Forging“: Die Fälschung – ein klarer Fall? c) „Trimming“: Die Dehnbarkeit der Wirklichkeit -
oder: Wie man eine Theorie bestätigen kann d) „Cooking“: Wie man „richtige“ von
„falschen“ Daten unterscheidet
e) Diskrete Rückkopplungen und artifizielle Bestätigungen
f) Subtile Effekte: Signale im Chaos, oder bloßes Rauschen?
g) Der Wunsch als Vater des Gesehenen B. Der Forscher als soziales Wesen – Code, System
und Konflikt a) „Zeitgeist“ und die kulturelle Dimension der
Wissenschaft b) Wahrheit, Sozialstruktur und Macht: Die
Interpenetration von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft c) „System Cresson“: Die politische Korrumpierung
der Forschung
d) Wissenschaft im Griff der Ökonomie
e) Der Fall „Arpad Pusztai“
f) Die Verletzung des Rechts an geistigem Eigentum 4. Ein Ordnungsstatut für die Wissenschaft? „Law
and Order” oder
Anarchie? 5. Ursachen und Gründe für wissenschaftliche
Normverletzungen 6. Schäden durch wissenschaftliches Fehlverhalten Literatur 0.
Die Erkennbarkeit der Welt
– allgemein betrachtet In seinem „Treatise
concerning human understanding“ hat John Locke eine Analogie
formuliert. Vielleicht, so Locke, gleicht unsere Erkenntnissituation der
eines „Wurms in einer Schublade“. Der Wurm kann die Grenzen seiner
Welt nicht aus eigener Kraft erkennen, er hält seine kleine Welt für
die ganze Wirklichkeit. Stimmt diese Analogie? Wir wissen es nicht.
Vielleicht ist das kausale Gewebe der Welt zu komplex für unsere
Gehirne. Die britischen Empiristen, aber auch der Forscher Descartes,
haben dies so gesehen. Aber sie haben auch zugegeben, daß unser
Erkenntnisvermögen offenbar ausreicht, um unser praktisches Leben zu
bewältigen. Locke hat noch ein anderes
Argument, das uns zur Vorsicht hinsichtlich unseres Erkenntnisvermögens
mahnt. Wir stehen nach Locke vermutlich in der Mitte einer Kette von
Lebewesen, die von den einfachsten und noch vernunftlosen Wesen bis hin
zu reinen geistigen Wesensformen führt, die in der Leiter weit über
uns stehen und von denen wir ebenso wenig etwas begreifen können wie
der Wurm die menschliche Vernunft begreifen kann. Zu welchen
Erkenntnissen diese Wesen in der Lage sind und zu welchen Schichten oder
Bereichen der Realität sie Zugang haben, werden wir nie wissen. Wie
werden daher auch nie wissen, was es alles zu wissen gibt. Damit ist uns
auch der Umfang unseres Nichtwissens unbekannt. Zugegeben, dies ist ein
transzendentales Argument. Wir müssen einräumen, daß hier eine
prinzipielle Wissensschranke liegen könnte,
aber wir wissen nicht, ob es wirklich so ist. Beschränken wir uns
auf den menschlichen Bereich. Daß wir uns bei der Erforschung unserer
Welt oft irren, ist kein Argument gegen unsere prinzipielle Erkenntnisfähigkeit.
Auch im Alltagsleben unterläuft uns mancher Irrtum. Wenn wir einen
Fehler bemerken, stellen wir ihn normalerweise in Rechnung, indem wir
die zugrundeliegende Hypothese korrigieren. Das funktioniert oft, aber
nicht immer. Es gibt pathologische Lernprozesse, die dazu führen, daß
der Korrekturprozeß schlecht arbeitet oder gar in einer Fehlerschleife
hängen bleibt. Einige dieser Pathologien des Lernens gehen auf
individualpsychologische Faktoren, andere auf
ineffiziente Korrekturroutinen oder auf falsche Lernprogramme,
wieder andere auf soziale Gruppenprozesse, politische Bedingungen, den
Zeitgeist, Wunschdenken oder ideologische Barrieren zurück. Wir werden im folgenden einige dieser Faktoren etwas
genauer betrachten. Zuvor wollen wir uns aber kurz vergegenwärtigen,
was Wissenschaftler in ihren Bemühungen antreibt. Ich unterscheide
dabei ganz grob drei analytisch relevante Ebenen: 1) den Forscher als
Individuum; 2) den Forscher als soziales, ökonomisches, politisches,
kulturelles, etc. Wesen; 3) die Wissenschaft als Subsystem der
Makrogesellschaft. 1.
Warum betreiben Menschen
Wissenschaft? Wissenschaft kann man aus sehr unterschiedlichen Gründen
betreiben. Einige der historisch vorfindbaren Ziele sind zum Beispiel
die folgenden: 1)
die „Gedanken Gottes“ zu lesen (Platon, Ptolemäus, Kepler,
Einstein) 2)
letzte Gründe für Alles zu finden, die „Weltformel“ zu entdecken (Hawking,
Weinberg) 3)
die Struktur der Welt zu erkennen (Aristoteles, Tycho, Galilei,
Heisenberg) 4)
die Schönheit (Ästhetik) der Natur einzufangen (Leonardo, Dirac) 5)
ein geheimnisumwittertes Wissen zu erwerben (Böttger,
Alchemisten) 6)
die Welt durch Erkenntnis zu retten (Roger Bacon, Leo Szilard) 7)
durch Wissen Macht (über die Natur oder über andere) zu
gewinnen (Francis Bacon) 8)
den Nutzen für die Menschheit zu mehren (A. Nobel,
Sozialdemokraten) 9)
Aufklärung zu betreiben, die Natur zu „entzaubern“ (Büchner,
Haeckel, Duerr) 10)
ein ehemals enthülltes, aber jetzt verschüttetes Wissen
wiederzugewinnen (Newton) 11)
Erlösungswissen (in theologischer oder säkularer
Interpretation) zu erwerben (Plotin, Marx) 12)
„Seelenruhe“ zu finden (Epikur, späte Stoa) 13)
dem „Staunen über den gestirnten Himmel über mir“ (Kant) zu
folgen 14)
einen persönlichen Traum zu verwirklichen (Schliemann, W. v.
Braun, Graf v. Zeppelin) 15)
die eigene Neugier zu befriedigen – „erstaunliche Phänomene“
zu untersuchen 16)
berühmt zu werden (J. B. Watson) 17)
Geld zu verdienen (C. Djerrassi) Die Liste ist offen und vermutlich unvollständig.
Jedes dieser Motive kann zur Erkenntnis inspirieren, aber jedes legt dem
Forscher auch besondere Hindernisse in den Weg oder läßt ihn in
spezifische Fallen stolpern. Wir werden im folgenden einige dieser
Fallen untersuchen, ohne die obige Typologie im einzelnen damit
korrelieren zu wollen. 2.
Das Ideal: die
„wissenschaftliche Methode“ Lassen wir für einen Augenblick die soziale
Einbettung des Forschers außer Acht und konzentrieren wir uns auf das
Allerheiligste der Wissenschaft – ihre Methode. Nach der gängigen
Methodenlehre beginnt der Forschungsprozeß mit einem Problem. Zur Lösung
des Problems erfindet man eine Hypothese mit möglichst großem
Informationsgehalt, testet sie durch das Experiment und entscheidet
danach, ob die Hypothese den Test bestanden hat. Ist das nicht der Fall,
erfindet man eine neue. Besteht die Hypothese, nimmt man sich ein neues
Problem vor, das sich in der Regel aus dem Gang der Forschung ergibt.
Erfolg hat man dann, wenn der Informationsgehalt der benutzten
Hypothesen im Zeitverlauf zunimmt. Der Erfolg eines Forschungsvorhabens
ist daher nur im zeitlichen Längsschnitt zu beurteilen. Soweit die vereinfachte Lehrbuchform. Wie sieht die
Praxis aus? Wenn eine Theorie vorhanden ist, die bestimmte Ergebnisse
vorhersagt, gibt sich der Forscher vermutlich zufrieden, wenn die
Messung mit der Prognose im Rahmen des Meßfehlers übereinstimmt. Nur
wenn Diskrepanzen auftauchen, sucht er nach Fehlern und variiert die
Versuchsbedingungen. Hat der Experimentator keine festen Erwartungen,
dann sucht er nach konvergierenden Ergebnissen und ist zufrieden, wenn
der Meßwert stabil wird, nachdem alle denkbaren Fehlerquellen beseitigt
sind. Nehmen wir an, ein Experiment sei nicht so
ausgegangen wie erwartet. Das kann zweierlei bedeuten: ein unerwartetes
positives oder ein unerwartetes negatives Resultat. Negative verlaufende
Experimente sind nicht selten darauf zurückzuführen, daß die
Versuchsanordnung falsch aufgebaut war, mindestens ein
unbekannter Faktor im Spiel war oder ein unerwarteter Meßfehler
auftrat. Manchmal ist unklar, was in einem Experiment eigentlich falsch
gelaufen ist. Das Gefühl sagt, daß etwas nicht stimmen kann, aber der
Forscher weiß nicht was. Dann beginnt er zu tüfteln, um den Grund der
Schwierigkeiten zu finden. Wenn der Forscher keine Fehler im Experiment findet
und wenn nach weiteren Verbesserungen und Verfeinerungen des
Versuchsaufbaus die Resultate in Richtung eines nicht vorhergesagten
Wertes stabil konvergieren,
dann spricht er – als vorsichtiger Experimentator – von einer möglichen
Widerlegung der Hypothese oder Theorie. Dieser Schluß ist in der Regel
interpretationsfähig und verhandelbar und sollte von unabhängigen
Arbeitsgruppen oder Labors bestätigt
werden. Viele Fragen bleiben bei dieser Art der Betrachtung
offen. Ich nenne nur die folgenden: a)
Wo kommen die Hypothesen her, die Wissenschaftler zum Zwecke der
Erklärung benutzen? In welcher Beziehung stehen sie zu
Weltanschauungen, politischen Ideologien, Religionen, usw.? b)
Hat die Wissenschaft bei der Auswahl ihrer Hypothesen und
Probleme Präferenzen (Wahlverwandtschaften) – und zwar bereits vor
jedem Test? c)
Welchen Einfluß haben individuelle Sozialisation,
Lebensgeschichte, Motive und Begabungen auf die Wahl oder die Bewertung
von Problemen und Hypothesen? d)
Welche Rolle spielen Aspekte des sozialen, politischen und
geistesgeschichtlichen Kontextes? e)
Welche Rolle spielt die Machtstruktur innerhalb der sozial
organisierten Wissenschaft beim Zustandekommen ihrer Ergebnisse? f)
Wer setzt die Ziele der Wissenschaft fest und wie beeinflußt die
Zielsetzung die Wahl und Bewertung von Hypothesen und Tatsachen? g)
In welchem Verhältnis steht die Zielwahl zu den genannten
Variablen der Person, der Wissenschaftsstruktur und des weiteren
Kontextes? h)
Welchen Einfluß haben wissenschaftliche Paradigmenwechsel auf
die Wahrnehmung von Hypothesen, Fakten, Problemen, Zielen und Methoden?
Dies ist ein zentraler Punkt, denn die Wissenschaftsgeschichte zeigt, daß
die zur Sicherung „guter wissenschaftlicher Praxis“ erhobene
Forderung nach Beachtung der „wissenschaftlichen Methode“
zweischneidig ist. Die Forderung zieht nicht in Betracht, daß sich die
Mehrheit der an einem Konflikt beteiligten Wissenschaftler hinsichtlich
der Sache oder der Korrektheit der Methode irren könnte, aber der
Wissenschaftshistoriker weiß, daß dies am Anfang wissenschaftlicher
Umbrüche (oder Paradigmenwechsel) der Regelfall ist. Ob etwas ein
„ernsthafter und seriöser Versuch zur Ermittlung der Wahrheit“ war,
wird nach vollzogenem Paradigmenwechsel oft anders beurteilt als vorher.
3. Stolpersteine
der Wahrheitssuche (Überblick) A. Der Mensch
als Forscher (Überblick) Im Jahre 1830 machte sich der später als
Computerpionier bekannt gewordene britische Forscher Charles Babbage
Gedanken über den Niedergang der Wissenschaft in England und seine
Ursachen (Babbage 1830). In diesem Zusammenhang sprach er auch über „Frauds
of Observers“ und unterschied vier Formen des Schwindels in der
Wissenschaft: Hoaxing, forging,
trimming und cooking (Babbage
1830, 174ff). a)
„Hoaxing“ bedeutet, andere zum Narren zu halten, indem man
Ihnen „zufällig“ ein Beweisstück zukommen läßt, das diese für
echt halten. b)
„Forging“ ist das Erfinden von Daten oder die Fabrikation von
Beweisstücken zum Zwecke der Täuschung anderer Wissenschaftler. c)
„Trimming“ besteht im Zurechtstutzen von Daten und Beweisen,
indem der Betreffende hier eine Zahl etwas verkleinert, dort einer
anderen ein wenig hinzufügt (z.B. zur Kompensation vermuteter Meßfehler),
um seine Hypothese hinterher als gestützt zu erklären, während die
Daten in Wirklichkeit bestenfalls ambivalent sind. d)
„Cooking“ liegt dann vor, wenn ein Forscher aus einer großen
Menge insgesamt inkonsistenter Daten nur jene auswählt und sie der Fachöffentlichkeit
präsentiert, die mit den eigenen Annahmen am besten übereinstimmen.
Oder wenn er bei der Berechnung von Parametern verschiedene Formeln
ausprobiert und dann jene auswählt, die die besten Werte im Sinne der
eigenen Beobachtungen ergibt. Babbage weist darauf hin, daß solche
Methoden durchaus nicht immer verwerflich, sondern manchmal praktisch
unumgänglich sind (als Beispiel nennt er die Berechnung beobachtbarer
Sternpositionen aus den Angaben verschiedener Sternkataloge). Diese
Klassifikation umfaßt zwar einige Hindernisse auf dem Weg zur Wahrheit,
aber es gibt weitere, wie zum Beispiel: e)
Falsche Bestätigungen, die der Erwartungshaltung des
Experimentators oder einer subtilen Rückkopplung zwischen
Experimentator und Versuchsobjekt zuzuschreiben sind („Kluger
Hans-Effekt“). f)
„Kunstprodukte“: Die Ausbeutung von Effekten in der Nähe der
Wahrnehmungsgrenze zum Zwecke der Konstruktion verwegener Hypothesen
oder der Postulierung bisher ungekannter Zusammenhänge, neuer
Eigenschaften bekannter Objekte oder Prozesse oder gar vollkommen neuer
Entitäten. Solche Effekte werden zuweilen eine Fallgrube für Forscher,
die sich einer bahnbrechenden Entdeckung auf der Spur wähnen, aber am
Ende feststellen müssen, daß sie einem Phantom nachjagten und sich zum
Gespött der Fachkollegen gemacht haben. Auch die „normale“
Wissenschaft ist manchmal Opfer solcher Effekte. g)
„Wunschdenken“ läßt den Forscher Dinge sehen, die anderen
verborgen bleiben müssen, weil sie – wie Schiaparellis und Lowells
„Marskanäle“ – nicht existieren. Wahrnehmungsverzerrungen
verbunden mit phantastischen Hypothesen erzeugen schlechte Wissenschaft.
B.
Der Forscher als soziales Wesen (Überblick) a)
Der „Zeitgeist“: Wirkungen des Zeitgeistes oder der „political
correctness“ sind eine subtile Quelle für die Erzeugung von
Wahrnehmungstäuschungen, die falsche Bewertung wissenschaftlicher
Theorien und Daten und die Diffamierung Andersdenkender. Sofern das
Spiel konsequent und mit Beflissenheit gespielt wird, kann es der
Wissenschaft großen Schaden zufügen. b)
Organisierte Interessen und soziale Schichtung in der
Wissenschaft (Statushierarchie unter Personen, Laboratorien, Nationen)
können die Entwicklung neuer Paradigmen strangulieren, die Karrieren
der damit verbundenen (in der Regel jungen) Wissenschaftler behindern
und zu ungerechter Leistungsbewertung führen. Ein besonderer Aspekt
sozialer Strukturiertheit ist jener, der an die bindende Wirkung von
Paradigmen gekoppelt ist. Wie organisierte Interessen und
Statushierarchien wirken auch starke paradigmatische Bindungen in der
Regel innovations-hemmend. c)
Die Verflechtung korrupter Behörden und finanzieller Interessen
einiger Forscher oder Forschungsinstitutionen: das „System Cresson“. d)
Die Verflechtung von Wissenschaft und Ökonomie, die in
dokumentierten Fällen das wissenschaftliche Urteilsvermögen von
Wissenschaftlern beeinträchtigt. e)
Direkte politische Einflußnahmen, die teils durch
wirtschaftliche Interessen, teils durch Ideologien motiviert, durch die
Staatsmacht sanktioniert, aber von der Wissenschaft vollzogen werden:
das „Arpad Pusztai-Syndrom“. f)
Die Verletzung von Eigentumsrechten in der Wissenschaft, wie sie
zum Beispiel beim Plagiat oder – in einer Zeit, die Wissenschaft auch
über scientometrische Indikatoren evaluieren will – beim mangelhaften
Zitieren zum Ausdruck kommen. 3. A. Der
Mensch als Forscher a) „Hoaxing“:
Leichtgläubigkeit und Skepsis in der Wissenschaft – Ulk oder
Jahrhundertfund? Wie im Leben überhaupt, so gibt es auch in der
Wissenschaft Zeitgenossen, denen es Spaß macht, ihre Mitmenschen an der
Nase herumzuführen. Im allgemeinen sind solche Leute in der sogenannten
Gemeinschaft der Wissenschaftler nicht gerne gesehen. Auf negative
Reaktionen stoßen selbst solche Wissenschaftler, die aus
therapeutischen Gründen zum Mittel der Satire greifen, um einer
Situation, die schwer zu ertragen ist, zumindest noch eine komische
Seite abzugewinnen. Für die große Mehrheit der Wissenschaftler ist die
Wissenschaft eine ernste, man könnte sogar sagen todernste
Angelegenheit, in die menschliche Regungen wie Gefühle oder auch Komik,
nicht eindringen dürfen. Daß der dabei zum Vorschein kommende
Bierernst auf Wissenschaftler, die ihren Humor noch nicht am Mausoleum
der „wissenschaftlichen Vernunft“ geopfert haben, selbst komisch
wirkt, macht die Sache nicht einfacher. Jedenfalls erklärt diese Einstellung der Majorität,
daß man in der Wissenschaft nicht geliebt wird, wenn man mit ihr
Schabernack treibt. Einige Zeitgenossen hat dies jedoch nicht von
entsprechendem Tun abgehalten. Die bekannt gewordenen Fälle von
Schabernack in der Wissenschaft reichen von der scherzhaften Erfindung
neuer Tiergattungen wie der „Rhinogradentia“ (Stümpke 1998) bis zur
nichtaufgedeckten Irreführung von Archäologen und Paläontologen durch
scheinbar echte Fundstücke wie den frühen Menschen von Piltdown (Broad
& Wade 1984, Kap. 6; Fölsing 1984, 52ff). Wie viele Beispiele
sogenannter archäologischer „Out-of-place artifacts“ (Patton
1982; Cremo & Thompson 1993) oder von Beweisen für die Echtheit von
UFOs, Yetis, Poltergeistern und Seeungeheuern (Bauer 1988; Hitching
1983) in Wirklichkeit von Scherzbolden oder geltungssüchtigen Amateuren
zum Zwecke der Irreführung von Forschern fabriziert wurden, ist nicht
bekannt. Wichtiger als diese Umstände, die vermutlich keine
großen Hindernisse auf dem Weg zur Wahrheit sind, ist aber eine ganz
andere Beobachtung. Gut dokumentierte Fälle zeigen zweierlei: 1) die schier grenzenlose Leichtgläubigkeit
von Wissenschaftlern gegenüber Funden, die sich in ihr Weltbild einfügen
lassen und ihm womöglich noch eine weitere Stütze hinzufügen (Broad
& Wade 1984, 136ff.; vgl. auch die sogenannte Sokal-Affäre); 2) die komplementäre
Konstellation, nämlich die Errichtung
einer geradezu undurchdringlichen Mauer der Skepsis, wenn von
Funden oder Phänomenen berichtet wurde, die das gerade akzeptierte
Weltbild der Wissenschaft – ihre „Standardmodelle“ und konventionellen
Sichtweisen – untergraben könnten. Insbesondere der zweite Befund ist ein starkes
Hindernis für die Wissenschaftsentwicklung – ganz abgesehen von den
manchmal tragischen Auswirkungen auf einzelne Wissenschaftler, die sich
dem mainstream nicht einordnen
wollen. Viele Beispiele zeigen, daß Phänomene, die für die
Wissenschaft zunächst unglaublich, reißerisch und unseriös schienen,
sich später tatsächlich als echt erweisen:
- die griechische Rechenmaschine
von Antikythera (Price
1975), - die Meteore (Chladni 1979;
Westrum 1978), - der von der Sonne ausgehende
Partikelstrom („Sonnenwind“), - die Spaltung des Atoms, - die Wanderung der Kontinente, - die Reverse Transskriptase (Kevles
1996), - infektiöse Proteine oder - Leben über dem Siedepunkt und
unter extremem Druck. Es ist deshalb zu empfehlen, „Out-of-place
artifacts“, verstanden als allgemeiner Typus „unpassender“ Phänomene,
mit besonderer Aufmerksamkeit zu untersuchen, weil sich hinter ihnen
Marksteine wissenschaftlicher Entwicklung verbergen können. Wer hinter
solchen „erstaunlichen Phänomenen“ regelmäßig Betrug, Inkompetenz oder Marktschreierei wittert und entsprechend agiert, baut,
selbst wenn er in 90% der Fälle Recht hat, eine Barriere für den
Erkenntnisfortschritt auf – weil es in ihm auf genau jene 10% der
restlichen Fälle ankommt. (Ob das Verhältnis 90 zu 10 oder 95 zu 5
ist, macht keinen prinzipiellen Unterschied.) b) „Forging“:
Die Fälschung – ein klarer Fall? Wissenschaftler, die ihre Tätigkeit in erster Linie
als Weg zu Ruhm, Macht und Reichtum sehen, sind vermutlich eher als
andere dazu prädisponiert, über ein ganz spezielles Hindernis zu
stolpern – den sogenannten Mogelfaktor. Die Dimension, aber auch die Komplexität des
Problems wird durch einen der jüngsten Betrugsfälle in der deutschen
Wissenschaft verdeutlicht. Es war der bisher größte aufgedeckte Fall
hierzulande, verursacht von dem Forscherduo Friedhelm Herrmann und
Marion Brach („Task Force“-Bericht; Finetti und Himmelrath 1999,
33ff; Bartholomäus & Schnabel 1997; DIE ZEIT, 10.6.1998, 38; FAZ
28.6.2000, N2; Simon 1997). Von 347 untersuchten Publikationen des
Medizinprofessors Friedhelm Herrmann erwiesen sich insgesamt 94 als fälschungsbehaftet
bzw. konkret fälschungs-verdächtig. In mindestens 29 dieser 94
Publikationen hat eine speziell für diese Aufgabe eingesetzte
Kommission eindeutig erfundene oder manipulierte Daten und Abbildungen
entdeckt. Die restlichen 65 Publikationen (von den genannten 94) gelten
als konkret fälschungsverdächtig („Task Force“-Bericht 5; Finetti
& Himmelrath 1999, 33ff.; Flöhl 2000). 121 zusätzliche Veröffentlichungen
konnten „von dem Anfangsverdacht nicht befreit werden“, obwohl keine
„handfesten Hinweise auf Datenmanipulationen gefunden wurden“ („Task
Force“-Bericht 5). Herrmann und Brach waren keine Einzeltäter, sondern
durch ein Netz von Coautorschaften mit mindestens 27 weiteren Autoren
verbunden, die dadurch ebenfalls in Fälschungsverdacht gerieten („Task
Force“-Bericht, 59). Der Task Force-Bericht konstatiert, daß im
Umkreis von Herrmann über einen langen Zeitraum (mindestens seit
1988) Daten und Abbildungen gefälscht worden sind (a.a.O., 1), so daß
sich die Frage stellt, warum diese massive Serie von Fälschungen erst
zehn Jahre später aufgefallen ist. Eine nachdenklich machende Antwort
gibt der „Task Force“-Bericht später: Überraschend sei nicht, daß
die Fälschungen so spät aufgefallen sind, sondern daß sie überhaupt
entdeckt wurden. Und dies, so der Bericht weiter, sei darauf zurückzuführen,
daß „in den meisten Fällen die wichtigsten Indizien (...)
unglaublich auffällig und plump ausgeführt“ sind. „Die Urheber
dieser Duplikationen haben anscheinend kaum Mühe darauf verwendet, ihr
Tun zu verbergen, obwohl es bei dem üblichen Ausstoß an ‚Blots’ in
einem großen molekularbiologischen Labor bestimmt möglich gewesen wäre,
alle diese Abbildungen zu fälschen, ohne jemals eine Bande doppelt
auftauchen zu lassen“. Die Chance, so der Bericht, „in einer
fertigen Publikation sorgfältig eingefügte Fälschungen
nachzuweisen“, sei angesichts der verfügbaren Möglichkeiten der
Nachprüfung „recht gering“ (a.a.O., 48). Für potentielle Fälscher
ergibt sich daraus allerdings auch eine nützliche Empfehlung! Der deutsche Festkörperphysiker Jan Hendrik Schön,
Anwärter auf den Nobelpreis und auf eine Direktorenstelle in einem
Max-Planck-Institut, ist dieser impliziten Empfehlung jedenfalls nicht
gefolgt. Auch seine Datenmanipulationen im großen jüngsten
Forschungsskandal der
deutschen Wissenschaft beruhen auf simplen Duplikationen von Meßkurven.
Dennoch hat es Jahre gedauert, bis sie erkannt wurden. Sechzehn Artikel,
die Schön (teilweise mit Koautoren) in Science und Nature veröffentlicht
hatte, mußten widerrufen werden. Das Ende seiner wissenschaftlichen
Karriere bestand darin, daß Schön von seinem Arbeitgeber, den Bell
Laboratories, nach Kenntnisnahme eines Berichts über die Praktiken
ihres vermeintlichen shooting stars fristlos entlassen und von der Sicherheit des
Laboratoriums unverzüglich vom Gelände verwiesen wurde. Auch die Datenfälschungen des britischen Psychologen
Sir Cyril Burt (Hearnshaw 1979) sind klare Beispiele für „forging“
(trotz Mackintosh 1995). Burt, der von Richard Herrnstein als „Titan
der Psychologie des zwanzigsten Jahrhunderts“ bezeichnet wurde (Broad
& Wade 1984, 246), hat nicht nur Daten zur Intelligenzentwicklung
eineiiger Zwillinge in ziemlich plumper Weise gefälscht, sondern auch
Mitarbeiter und Autoren frei erfunden, die dann in der von ihm
herausgegebenen Zeitschrift für seine eigenen Auffassungen eintraten
und Kritiker unfair niederbügelten. In Wirklichkeit hatte Burt die
Artikel selbst geschrieben. In ähnlicher Weise verfaßte Burt unter
anderem Namen Rezensionen seiner eigenen Publikationen. Über Burts Motive kann man nur spekulieren. Eines
dieser Motive bestand sicherlich darin, den Schwierigkeiten seiner
Theorie in einem veränderten Umfeld zu begegnen. Ab den fünfziger
Jahren verlor der nach Burts Ansicht richtige genetische Determinismus
zumindest in England mehr und mehr an Einfluß. Die auf ihm basierenden
Begabungstests wurden 1969 abgeschafft. Burt sah sein Lebenswerk in
Gefahr und schob neue Daten nach, die den dominierenden Einfluß der
Vererbung auf die Intelligenz scheinbar hieb- und stichfest belegten (Broad
& Wade 1984, 243f). Allerdings müssen andere Faktoren hinzukommen, um
das ganze Ausmaß der Affäre erklären zu können: Charakterliche
Dispositionen wie ausgeprägter Machtwille, geringe Toleranz für Kritik
an den eigenen Vorstellungen, mangelnder Respekt gegenüber den Methoden
der Forschung und den ethischen Grundlagen der Wissenschaft. Wesentlich
für den Fall waren jedoch auch die strukturellen Bedingungen, die Burts
Verhalten erst ermöglichten: hierarchische Struktur des Burtschen
Forschungsimperiums, große Machtfülle innerhalb dieses Imperiums,
mangelnde Transparenz seiner Forschungen, Verfügung über exklusive
Publikationsmittel. Überraschend ist allerdings, daß Burts
Datenmanipulationen erst 1972 auffielen. Der Psychologe Leon Kamin störte
sich daran, daß Burt ungeachtet einer mehrfachen Veränderung seines
Samples bis auf die dritte Stelle hinter dem Komma stets die gleiche
Korrelation erhielt. Als Praktiker wußte Kamin, daß eine solche Übereinstimmung
sehr unwahrscheinlich ist. Eine Überprüfung des hierdurch erregten
Verdachts förderte die weiteren, zunächst unglaublich klingenden
Unregelmäßigkeiten zutage. Neben Stephen Jay Gould ist Leon Kamin
einer der härtesten Kritiker der Vererbungstheorie der Intelligenz. Daß
eine bereits bestehende Sympathie für die Umwelttheorie Kamins Blick für
die Schwächen der Burtschen Daten geschärft haben könnte, wird
dadurch nahegelegt, daß andere Psychologen wie Richard Herrnstein oder
Hans J. Eysenck, die die entgegengesetzte Theorie vertraten, Burt noch
lange danach gegen Angriffe dieser Art verteidigten. Schwieriger zu bewerten ist der Fall des bekannten
deutschen Biologen Ernst Haeckel. Haeckel hatte 1874 in seinem Buch „Anthropogenie
oder Entwicklungsgeschichte des Menschen“ Zeichnungen der
Entwicklungsstadien der Embryonen verschiedener Lebewesen veröffentlicht.
Haeckel glaubte zeigen zu können, daß sich die Embryonen verschiedener
Lebewesen in den ersten Phasen der Reifung auch dann stark ähneln, wenn
sie entwicklungs-geschichtlich sehr weit auseinander liegen (wie Fisch,
Huhn und Mensch). Wenn sich Arten entwicklungsgeschichtlich näher
standen (wie etwa Schwein, Kaninchen und Mensch), dann ähnelten sich
die Embryonen auch noch in späteren Stadien. Dieses Phänomen nannte
Haeckel das biogenetische Grundgesetz. Dieses Gesetz stellte eine klare Bestätigung
der Evolutionstheorie dar, um die es in dieser Zeit heiße Debatten gab.
Für Haeckel war dies ein sehr erwünschtes Ergebnis, aber war der
Wunsch auch die Ursache des Ergebnisses? Heute weiß man, daß die
Zeichnungen ungenau sind und daß Haeckel dort, wo er keine Präparate
zur Verfügung hatte, auch einmal interpolierte. Auch die Stadien der
Entwicklung von Embryonen sind nicht sauber auseinander gehalten. Schon
früh wurde Haeckel wegen seiner Darstellungen scharf angegriffen (Teudt
1909). Einige meinen allerdings, daß Haeckels Zeichnungen
wegen der damals noch unzulänglichen Technik und der schlechten Präparate
kaum besser ausfallen konnten (Müller-Jung 1997). Vielleicht war im
Falle Haeckels auch eine Prise Wunschdenken beteiligt. Er war in
weltanschauliche Konflikte involviert und brauchte Unterstützung durch
„Fakten“. Interessant ist, daß sich einige der modernen Kritiker
Haeckels im Umkreis des Biologen Michael Richardson von der St. George's
Hospital Medical School in London von ihrem Betrugsvorwurf deutlich
distanziert haben, seitdem „sie von den in den Vereinigten Staaten
(...) aktiven Kritikern der Evolutionslehre, den Kreationisten, als
Kronzeugen mißbraucht wurden“ (FAZ vom 9.9.1998,
N3). Richardson spricht jetzt nur noch von Haeckels „Nachlässigkeit“
und ist im übrigen der Meinung, daß die Entwicklung der Embryonen tatsächlich
viele Gemeinsamkeiten im Bauplan der Wirbeltiere zeige. Haeckel habe
allerdings die Variationsbreite unterschätzt. Dies ist eine
interessante Wahrnehmungsverschiebung, die durch einen veränderten
wissenschaftspolitischen Kontext ausgelöst wurde. Es ist eben nicht
leicht, „Betrüger“ zu entlarven, wenn man plötzlich feststellen muß,
daß man mit ihnen im selben Boot sitzt. Subtile
Wahrnehmungsverschiebungen stellen sich in solchen Fällen völlig
ungewollt aber hochwillkommen ein. Eine andere Frage, die sich in diesem Zusammenhang
stellt, ist diese: Was ist mit den vielen kleinen „Unregelmäßigkeiten“
und Ungereimtheiten des wissenschaftlichen Alltags, die nicht als Betrug
angesehen werden müssen? Welche Freiheit hat der Wissenschaftler bei
der Interpretation und Zusammenfassung seiner Ergebnisse? Man kann
vermuten, daß auf lange Sicht viele kleine Mogeleien und Schlampereien,
in gutem Glauben vorgenommenen „Korrekturen“ und das Verschweigen
negativer Resultate der Wissenschaft größeren Schaden zufügen als die
großen spektakulären Fälschungen. Durch diese „kleinen Sünden“
wird Desinformation ins Kommunikationssystem der Wissenschaft geschleust
– ausgeflaggt mit dem Prestige der beteiligten Forscher – die nur
unter hohen Kosten zu beseitigen ist. c)
„Trimmung“: Die Dehnbarkeit der Wirklichkeit – oder: Wie man eine
Theorie bestätigen kann Isaac Newton gilt als derjenige, der die Physik der
Neuzeit vor der relativistischen und quantentheoretischen Wende im frühen
20. Jh. bestimmt hat. Um so erschreckender war, daß Richard Westfall in
seiner Arbeit über den Mogelfaktor bei Newton (Westfall 1973)
beschrieben hat, wie dieser in systematischer Weise Meßwerte (z.B. der
Schallgeschwindigkeit in der Luft, der Entfernung des Mondes von der
Erde, der komparativen Anziehungskräfte von Sonne und Mond auf die
Erde, also der Massen von Sonne, Mond und Erde, der Variationen von Ebbe
und Flut) aber auch andere
notwendige Annahmen (z.B.
über die Masseverteilung im Erdkörper oder über die innere
Konstitution der Materie) an die Berechnungen aus seiner Theorie angepaßt
hat, um jene phantastische empirische Genauigkeit von 1 : 3000 zu
erreichen, die in den Augen der Zeitgenossen das stärkste Argument für
Newtons Theorie und gegen die Cartesische darstellte. Anders gesagt, die
Genauigkeit bestand nur scheinbar, sie war selbstfabriziert und nicht
das Ergebnis der Korrelation theoretischer Prognosen und unabhängiger
Messungen. Dies ist ein schwerer Vorwurf. Allerdings kann man
Newtons Vorgehen auch anders beschreiben. Niemand kannte um das Jahr
1800 die wahren Werte dieser Größen (also die Massen der Himmelskörper,
die Verteilung der Masse im Erdkörper, die genauen Entfernungen von
Mond und Sonne, den genauen Wert der Schallgeschwindigkeit und die
innere Konstitution der Materie). Solange keine genauen Informationen
vorlagen, fühlte sich Newton nicht daran gehindert, die hypothetisch
angenommenen Werte in der ihm am plausibelsten erscheinenden Weise an
neue theoretische Berechnungen anzupassen. Er war von der Richtigkeit
seiner Theorie überzeugt –
also wählte er jene Anpassungen, die mit ihr konsistent waren. Newton
wußte natürlich, daß seine empirischen Annahmen auf unsicherem Boden
standen. Die mit ihnen erzielte Genauigkeit der Übereinstimmung ist
deshalb kein echtes Argument zugunsten der Theorie, sondern zumindest
teilweise selbsterzeugt. Was man ihm vorwerfen kann, ist, daß er diesen
Tatbestand nicht offengelegt hat und dadurch zumindest bei den
„Dilettanten“ unter seiner Leserschaft mit Absicht einen falschen
Eindruck erzeugt hat. Nehmen wir einmal an, Newton sei ein „guter
Empirist“ im Sinne einer puristischen (das heißt praxisfernen)
Methodenlehre gewesen und habe die empirischen Schwierigkeiten seiner
Theorie als „Falsifikationen“ gewertet. Was würden
Wissenschaftshistoriker und Physiker heute sagen, wenn Newton seine neue
Mechanik, die er in einer unvorstellbaren geistigen Anstrengung
geschaffen hatte, aufgrund der numerischen Diskrepanzen zwischen seinen
theoretischen Deduktionen und einigen zu Vergleichszwecken eingeführten
empirischen Annahmen verworfen hätte? Würden sie Newton als vorzüglichen
Empiristen loben, weil er die richtige methodische Konsequenz aus einer
empirischen Falsifikation gezogen hätte? Oder würden sie ihn als
Narren bezeichnen, weil er die unsichere Basis seiner empirischen
Annahmen nicht erkannt und ihnen eine Theorie von unvergleichlichem
Potential geopfert hatte? Natürlich sind diese Fragen nicht ernst
gemeint. Newtons Theorie hatte keine größeren Probleme als andere die
Weltsicht umstürzende Gedankenkonstruktionen – jene von Kopernikus,
Galilei, Darwin, Einstein. Wie jene mußte sich auch Newtons neues
System erst mühsam seinen Rang gegen harte Konkurrenten wie etwa den
Cartesianismus erkämpfen. Es ist die rhetorische, wenn man will: die
propagandistische Seite der Wissenschaft, die in Newtons Jonglieren mit
Hypothesen (von denen er angeblich keine benötigte: Hypotheses non fingo!) zum Ausdruck kommt. Die kommunikativen
Strategien, die der Überzeugungsarbeit eines Wissenschaftlers zugrunde
liegen, sind kein Teil des Methodenkanons, aber sie gehören zu jenem
sozialen und politischen Prozeß, in dem das Neue sich durchsetzt. Es
ist ein Bereich wissenschaftlicher Argumentation, der in die Grauzone
zwischen guter wissenschaftlicher Praxis und manifestem Betrug fällt. d) „Cooking“:
Wie man „richtige“ von „falschen“ Daten unterscheidet Robert Millikan ist bekannt als derjenige, der die
elektrische Ladung des Elektrons genau bestimmt hat, indem er die
Bewegung geladener schwebender Öltröpfchen im statischen elektrischen
Feld mit einem Mikroskop vermessen hat. Dafür, sowie für seine
Arbeiten über den photoelektrischen Effekt, bekam er 1923 als zweiter
Amerikaner den Nobelpreis für Physik. Millikan wirft man heute vor, bei
der Präsentation seiner Versuchsergebnisse gelogen zu haben (Broad
& Wade 1984, 36ff.). Warum? Von 107 Messungen, die er zwischen
Februar und April 1912 gemacht hatte, präsentierte er der Fachöffentlichkeit
nur 58. Dafür hatte er ein klares Kriterium: interne Konsistenz und
Konvergenz gegen einen festen Wert, den er als die gesuchte
Elementarladung des Elektrons bzw. als ganzes Vielfaches dieser Ladung
interpretierte. Diesen Wert kannte man bereits ungefähr aus der
Elektrolyse, aber es war ein aus Abscheidungsäquivalenten errechneter,
kein direkt gemessener Wert. Davon abweichende Werte führte Millikan,
wie die Bemerkungen in seinem Laborbuch belegen, auf vermutete
Fluktuationen der Versuchsbedingungen zurück (Holton 1981, 104f;
Franklin 1989, Kap. 5). Leider behauptete Millikan in seinem
publizierten Aufsatz zur Erhöhung der Glaubwürdigkeit seiner
Ergebnisse, er habe keine Selektion vorgenommen, sondern das publizierte
Resultat repräsentiere alle in der fraglichen Zeit unternommenen
Versuche. Nicht nur
das, in seinem Buch „The Electron” behauptete er auch: „I have
observed, all told, the capture of many thousands of ions in this way,
and in no case have I ever found one the charge of which, when tested as
above, did not have either exactly the value of the smallest charge ever
captured or else a very small multiple of that value” (Millikan 1935,
72). Seine Laborbücher widerlegen diese Behauptung klar. Eine wohlgesonnenen
Deutung würde vielleicht sagen, daß er Versuche, die
nicht die erwarteten Werte ergaben, mental als „fehlerhaft“ aus der
Klasse der „wirklichen Messungen“ ausgeschieden und die anderen
stillschweigend um den unvermeidlichen Meßfehler korrigiert hatte. Aber
wo liegt die Grenze zwischen der erlaubten
Ausscheidung fehlerhafter Messungen und der unerlaubten
Vernachlässigung möglicher falsifizierender Evidenz – wenn das
Kriterium für die Güte einer Messung in der Übereinstimmung mit der
Ausgangshypothese liegt? Der Wiener Physiker Felix Ehrenhaft erhielt
jedenfalls ganz andere Resultate, z.B. auch fraktionierte Ladungen, die
bis zu zehnmal kleiner waren als die, die Millikan gemessen hatte.
Ehrenhaft nannte sie „Subelektronen“ (Ehrenhaft 1914). Obwohl
Ehrenhaft über bessere Instrumente verfügte und mit sehr viel
kleineren Trägerteilchen experimentierte als Millikan, waren die
Physiker skeptisch und sahen seine Resultate als fehlerhaft an.
Ehrenhaft machte keine Selektion unter den Daten, sondern verwandte alle
und suchte anschließend gewissermaßen nach dem kleinsten gemeinsamen
Nenner. Doch einen solchen schien es nicht zu geben. Millikans
Selektionskriterium konnte er nicht akzeptieren, da er der atomistischen
Hypothese generell mißtraute. Aus seinen Messungen schloß er, daß
auch der elektrische Atomismus falsch war (Holton 1981, 114ff). In
gewisser Weise war auch sein Ergebnis ein erwünschtes Ergebnis. Leider
gab es keine Theorie, die die Existenz fraktionierter Ladungen im
Elektron prognostizierte. Ehrenhaft war sicherlich kein Betrüger,
sondern ein sehr gut informierter Außenseiter (heute würde man ihn
vielleicht als „Querdenker“ bezeichnen), der sich gerne dadurch
unbeliebt machte, daß er seine Kollegen mit Fragen torpedierte, die sie
nicht beantworten konnten. Es ist bis heute unklar, was an seinem
Experiment falsch war. Daß Ehrenhaft nicht lege
artis gearbeitet habe, ist jedenfalls eine unbewiesene Vermutung. Wir erhalten das unbehagliche Resultat, daß sich in
der Kontroverse zwischen Millikan und Ehrenhaft nicht der Forscher mit
den besseren Instrumenten und der größeren Wahrhaftigkeit, sondern der
mit dem besseren Spürsinn für Plausibilitäten durchgesetzt hat. e) Diskrete Rückkopplungen
und artifizielle Bestätigungen In gutem Glauben an ihre experimentellen Ergebnisse
handelten in den zwanziger Jahren wohl auch Hans
Pettersson und Gerhard Kirsch vom Institut für Radiumforschung in Wien, das damals
von Stefan Meyer geleitet wurde. Die Wiener glaubten nachweisen zu können,
daß man die Atome fast aller Elemente mit
-Strahlen zertrümmern konnte (Pettersson & Kirsch 1926). Am
Cavendish Laboratory in Cambridge glaubte man dies nicht, obwohl die
Wiener zugegebenermaßen die empfindlichere Apparatur hatten. Zur Klärung
der Standpunkte schickte Rutherford seinen Mitarbeiter Chadwick 1927
nach Wien, damit er die dort gemachten Experimente mit eigenen Augen
bewerten konnte. Chadwick fand heraus, daß die meisten Zählungen der
Wiener Kernzertrümmerer zum geringeren Teil auf Kontamination, hauptsächlich
aber auf subtile Wahrnehmungseffekte zurückgingen. Jedenfalls beruhten
sie nicht wie behauptet auf Lichtblitzen, die die Protoneneinschläge
auf den Fluoreszenzschirmen erzeugten. Pettersson und Kirsch hatten zwar
nicht betrogen, aber sie hatten das Institut für Radiumforschung schwer
blamiert. Sie hatten die Tücken der menschlichen Wahrnehmung im
Grenzbereich nicht hinreichend in Rechnung gestellt und unkritisch den Zählungen
ihrer Laborantinnen, die den Erwartungen der Versuchsleiter zu
entsprechen versuchten, vertraut. Die Ergebnisse Chadwicks wurden, entsprechend der
Politik Rutherfords, solche Angelegenheiten im Stillen zu regeln, nur im
kleinsten Kreis diskutiert und bekannt. Selbst die anderen Forscher des
Instituts für Radiumforschung bekamen von der Affäre nichts mit.
Pettersson, der von den Erklärungen Chadwicks nicht überzeugt war, kämpfte
weiter für seine Theorie, doch es gelang ihm nicht, dauerhaft in der
Kernphysik Fuß zu fassen. Schließlich orientierte er sich beruflich
neu und wurde ein sehr erfolgreicher Forscher auf dem Gebiet der
Ozeanographie. Auch Kirsch migrierte in ein angrenzendes Gebiet, die
Geophysik (Stuewer 1985). Diese Art „glaubensgesteuerter“
wissenschaftlicher Praxis mit diskreten Rückkopplungseffekten ist weit
verbreitet. Sie liegt z.B. auch dann vor, wenn Psychologen oder Pädagogen
aufgrund falscher Ausgangsinformationen über angebliche
Intelligenzunterschiede bestimmter Gruppen von Tieren oder Menschen
genau diese Intelligenzunterschiede im Experiment zu reproduzieren vermögen
(Broad & Wade 1984, Kap. 6). Eine andere Klasse von Phänomenen der
gleichen Kategorie betrifft „falsche Erinnerungen“, seien es
Erinnerungen an ein früheres Leben, an Entführungen durch Außerirdische
(Pritchard et al. 1996), an andere Persönlichkeiten (Hacking 1996) oder
an satanische Rituale oder Vergewaltigung in der Kindheit (Ofshe &
Watters 1996). Natürlich muß nicht jede Erinnerung dieser Art falsch
sein, aber wenn nicht nur einige, sondern Millionen von Amerikanern
glauben, sie seien schon von Außerirdischen entführt worden, dann
liegt es nahe zu vermuten, daß der Grund dieser Häufung jedenfalls
nicht in tatsächlichen Entführungen zu suchen ist (zu einer möglichen
Erklärung solcher „Hystorien“ vgl. Showalter 1997). Wie weit die angebliche Sprachfähigkeit bestimmter
Tiere in die Kategorie der artifiziellen Phänomene fällt (Umiker-Sebeok
& Sebeok 1981), wird kontrovers beurteilt. Grund für Skepsis ergibt
sich aus dem bekannten Fall des Pferdes, das angeblich zählen konnte.
Zumindest behauptete dies der pensionierte deutsche Schulmeister Wilhelm
von Osten, der dem Pferd diese Kunst beigebracht hatte. Wie drückte
sich diese Fähigkeit aus? Das Pferd mit dem passenden Namen „Kluger
Hans“ klopfte mit einem Vorderhuf auf den Boden und hörte genau dann
auf, wenn die verlangte Zahl erreicht war. Der Versuch gelang auch dann,
wenn nicht der Besitzer, sondern ein anderer die Zahl vorgab. Eine
Untersuchung dieser phänomenalen Fähigkeit durch den Psychologen Oskar
Pfungst enthüllte den Grund des Erfolgs: das Pferd achtete sehr genau
auf minimale Signale des jeweiligen Kontaktpartners. Solche Signale
(z.B. ein kaum wahrnehmbares Kopfnicken) waren regelmäßig vorhanden,
wenn die gewünschte Zahl erreicht war. Verhinderte man, daß das Pferd
seine Kontaktperson sehen konnte, so hatte es keine Anhaltspunkte mehr,
wann es mit dem Klopfen aufzuhören hatte. Der Versuch mißlang. So kann man sagen, daß der „Kluge Hans“ zwar
nicht zählen konnte, aber immerhin intelligent genug war, viele
Akademiker an der Nase herumzuführen. Aber in Wirklichkeit haben sie
sich natürlich selbst getäuscht – indem sie einem Pferd
unterstellten, es könne wissen, daß man von ihm die Repräsentation
einer Zahl durch Klopfen mit dem Vorderhuf erwartete, geschweige denn
den Vorgang des Zählens tatsächlich ausführen. Das Pferd ist
vollkommen unschuldig, es reagierte nur in der erwarteten Weise auf
bekannte Signale (und bekam als Belohnung vermutlich ein Stück Zucker).
Seine Intelligenzleistung bestand darin, ein Signal zu entdecken, das
der Sender gar nicht übermitteln wollte, aber unterschwellig preisgab.
In ähnlicher Weise, so vermuten Umiker-Sebeok & Sebeok, kann man
die angebliche Sprachfähigkeit vieler Tiere als Fähigkeit zur Entschlüsselung
nichtintendierter, aber dennoch vorhandener Botschaften, die vom
Versuchsleiter unbewußt und unbeabsichtigt übermittelt werden,
verstehen (vgl. auch Rosenthal 1976). f) Subtile
Effekte: Signale im Chaos, oder bloßes Rauschen? Besonders tückisch, weil sehr anfällig für Wahrnehmungs-Täuschungen, aber auch für Betrug, sind Effekte in der Nähe
der Meß- und Beobachtungsgrenze. Beispiele dafür waren oder sind
paranormale Erscheinungen beim Erraten von Würfelresultaten (Drösser
2000, Collins & Pinch 1982), Benvenistes Hypothese der Wirkung
hochverdünnter homöopathischer Arzneimittel (Schiff 1997), die
biologischen Effekte niedriger Dosen an Radioaktivität, Schiaparellis
„Marskanäle“, Blondlots N-Strahlen (Nye 1980), die Messung von
Gravitationswellen (Collins 1981), die Entdeckung neuer
Elementarteilchen durch Identifikation von „Resonanzen“, die
optische Entdeckung ferner Planetensysteme, die Entzifferung der Signale
fremder Intelligenzen, die Risiken des Verzehrs bestimmter
Nahrungsmittel, Emil Abderhaldens Abwehrfermente (Deichmann & Müller-Hill
1998; Charpa 1999) oder der Allison-Effekt. Es ist in einigen Fällen
schwer zu entscheiden, ob wir es mit Betrug, Selbsttäuschung,
Wunschdenken oder einem subtilen Naturzusammenhang zu tun haben. Viele
der interessantesten Entdeckungen vollziehen sich in den Grenzbereichen
der heutigen Meßkunst. Einige davon sind nobelpreisverdächtig.
Andererseits sollten sich die beteiligten Forscher der Risiken
derartiger Untersuchungen bewußt sein. Sie sollten wissen, daß bei der
Erforschung der Natur seltsame Effekte auftreten können, die sie zu
narren vermögen. Dazu ein Beispiel. Der Chemiker Irving Langmuir
(Nobelpreis 1932) berichtete in einem Vortrag über „Pathological
Science“ (Hall 1989) über die Identifikation von Isotopen durch den
Allison-Effekt. Dieser Effekt nutzt Unterschiede in den gemessenen Verzögerungen
beim Auftreten des Faraday-Effektes, d.h. der Drehung der
Polarisationsebene des Lichtes durch ein magnetisches Feld, zur
Identifikation von Elementen in hochverdünnten Lösungen. Die Methode
erwies sich ab 1927 für etliche Jahre als außerordentlich erfolgreich.
Sie wurde in Hunderten von Publikationen in den besten physikalischen
Fachzeitschriften der USA dokumentiert. Fred Allison und seine Mitarbeiter entdeckten mit ihrer Hilfe 5 neue
Elemente im periodischen System, die sie Virginium, Alabamine, Russium,
Alcalinium und Moldavium nannten – Bezeichnungen, die den heutigen
Chemiker vermutlich ratlos lassen. Dazu fand die Allison-Gruppe noch
eine große Zahl bis dahin unbekannter Isotope. Unglücklicherweise
konnten andere Labors diese Entdeckungen nicht replizieren. Während
noch Unklarheit über den methodischen Wert des Allison-Effekts bestand,
hatte der Chemiker Wendell Latimer im Labor von G. N. Lewis mit Hilfe
des Allison-Effektes Tritium (Wasserstoff mit Atomgewicht 3) entdeckt,
nachdem er die Methode bei Allison gelernt hatte. Eine kurze Notiz darüber
wurde in Physical Review 44 (1933), 690 publiziert. Die Methode war äußerst
sensitiv, hatte aber den Nachteil, daß die Ergebnisse quantitativ nicht
sehr stabil waren. Als Zweifel an der Zuverlässigkeit auftauchten,
machte Latimer unter der Aufsicht skeptischer Kollegen einen
Doppelblindversuch, in dem er die Isotope in 20 oder 30 verschiedenen Lösungen
(Langmuir konnte sich nicht genau erinnern) fehlerlos
identifizierte. Nach 1952 gab es kaum noch Veröffentlichungen über
den Allison-Effekt und seine Anwendung. Selbst Latimer, dessen
Doppelblind-Versuch seinerzeit die Skeptiker in Lewis' Labor überzeugt
hatte, und dessen Arbeit darüber von der American Chemical Society zur
Publikation akzeptiert wurde, konnte seine Ergebnisse später nicht mehr
reproduzieren. Anderen ging es ebenso. Schließlich kamen die
wichtigsten Fachzeitschriften überein, keine Arbeiten über den
Allison-Effekt mehr zu drucken. Wendell Latimer war übrigens kein labiler Phantast,
sondern ein hartgesottener Experimentator, der im Rahmen des Manhattan
Projekts die Leitung der Plutoniumforschung in Berkeley innehatte. Fürwahr
eine seltsame Geschichte, aber beileibe keine einzigartige. Über ähnliche
Merkwürdigkeiten, die scheinbar oder tatsächlich auf eine Änderung
des Verhaltens der Natur oder unserer Empfindlichkeit für schwache natürliche
Effekte, oder auf eine bedeutungslos erscheinende Veränderung der
Apparaturen zurückgehen, berichtet Michael Polanyi im Anhang seines
Buches „Science, Faith and Society“. Es ist leicht verständlich, daß
der ungläubige Beobachter unter diesen Umständen an Betrug denkt.
Wissenschaftler reden deshalb nicht gerne über seltsame Effekte dieser
Art. Ein aktuelles Beispiel für einen solchen instabilen
oder schwachen Effekt finden wir möglicherweise auch in den Versuchen
des Gießener Physikers Wolfgang Lohmann. Lohmann behauptet, gutartige
von bösartigen Hautveränderungen mit Hilfe
fluorenzenzspektroskopischer Methoden unterscheiden zu können. Dies ist
ein vollkommen neues Verfahren, das andere diagnostische Mittel im
Erfolgsfalle obsolet machen würde. Ein Mitarbeiter Lohmanns bezichtigte
ihn der Manipulation von Daten, doch eine Untersuchungskommission konnte
diesen Vorwurf nicht bestätigen, u.a. deshalb, weil etliche der Primärdaten
nicht mehr auffindbar waren. Die Universitätsleitung forderte Lohmann
anschließend ultimativ auf, seine publizierten Forschungsergebnisse zu
widerrufen. Lohmann ging vor Gericht und erhielt in allen Instanzen bis
hinauf zum Bundesverwaltungsgericht Recht. Nach dem Urteil des
Bundesverwaltungsgerichts können sich unorthodoxe Forscher auch bei
Konflikten mit der gesamten scientific
community auf die Freiheit der Wissenschaft berufen, solange sie
ihre Daten nicht vorsätzlich gefälscht haben. Allerdings stehe es der
Universität frei, zur Aufklärung eines entsprechenden Verdachts eine
Kommission einzusetzen. Diese habe jedoch nur den Fälschungsvorwurf zu
klären, nicht aber die Sachfrage nach der faktischen Richtigkeit der
strittigen Annahmen zu entscheiden (Stegemann-Boehl 1997). Ein etwas anders gelagertes Beispiel für schwache
und zugleich unorthodoxe Effekte ist die Biophotonen-Forschung von
Fritz-Albert Popp, der die Theorie der mitogenetischen Strahlung des
Russen Alexander Gurwitsch aus dem Jahre 1923 wieder aufnahm (Popp
2000). Popp wurde nicht angeklagt. Man verlängerte einfach seinen
Zeitvertrag nicht mehr und er war draußen. Während einige seine
Forschungen so interessant fanden, daß sie vorschlugen, einen Lehrstuhl
für Biophysik für Popp einzurichten (an der Universität
Kaiserslautern), erstellten andere vernichtende Gutachten, in denen sie
Popp als reif für die Irrenanstalt bezeichneten. Der Plan mit dem
Lehrstuhl scheiterte, aber es gelang Popp, private Unterstützung zu
erhalten, die ihm erlaubte, seine Forschungen an anderer Stelle
weiterzuführen. Inzwischen scheinen sich Messungen von Biophotonen
eindeutig reproduzieren zu lassen, es gibt Ansätze einer Theorie des
Zusammenhangs zwischen Biophotonen und Zellsteuerung, und es gibt eine
an ihr orientierte „paradigmatische Gruppe“. Doch selbst wenn Popp
von Teilen der orthodoxen Forschung wieder ernst genommen wird, läßt
sich seine „Exkommunikation“ als Häretiker auch in der Wissenschaft
so einfach nicht rückgängig machen. g) Der Wunsch
als Vater des Gesehenen Ende des 19. Jhdts. bestätigte der berühmte Astronom
Percival Lowell die Existenz der von Schiaparelli behaupteten „Marskanäle“.
Nicht nur das, er fertigte auch detaillierte Zeichnungen von ihnen an (Hetherington
1988, 55). Es war keine Frage des Instruments oder der
Beobachtungsbedingungen, denn andere Astronomen wie Nataniel Green und
E. E. Barnard sahen zur gleichen Zeit keine Kanäle. Lowell fertigte
auch noch andere Zeichnungen an, die die Struktur der Venusoberfläche
und die Libration des Merkurs zeigen (Sheehan 1988, 77 und 205). Beides
schreibt man heute der Phantasie Lowells und nicht den Eigenschaften
der beobachteten Objekte zu. Weitere Beispiele illusorischer Wahrnehmungen sind
die rückwärts, also „abspulend“ rotierenden Galaxien des
Astronomen Adriaan van Maanen, die nur er sah, und die Vergrößerung
des Durchmessers des Uranus, die Wilhelm Herschel unter der Annahme
gemessen hatte, hier nähere sich ein Komet der Sonne. In Wirklichkeit
war Uranus in der fraglichen Zeit kleiner geworden (Hetherington 1988,
Kap. 3 und 8, mit weiteren Beispielen). Andere Astronomen sahen Ringe um
den Neptun und den Uranus oder behaupteten, innerhalb der Bahn des
Merkurs einen noch sonnennäheren Planeten gefunden zu haben (Oeser
1979, Kap. 4). Was sind die Ursachen dieser falschen Objektrepräsentationen?
Eine liegt sicherlich in der Grenze der zeitgenössischen
Beobachtungsmittel. Eine andere in individuellen Unterschieden der
Wahrnehmungsfähigkeit und Wahrnehmungsbereitschaft. Eine dritte in
vorangehenden Hypothesen oder weltanschaulicher Präferenzen. Es gibt
also eine Reihe von Faktoren, die ursächlich dafür verantwortlich sein
können, daß verschiedene Beobachter bereits unter geringfügig
ambivalenten Wahrnehmungsbedingungen zu abweichenden Daten gelangen können.
Manche Wissenschaften erwiesen sich in der
Vergangenheit als anfälliger für Fehldeutungen als andere. So zum
Beispiel auch die Archäologie und die Paläontologie (vgl. Rehork
1987). Aktuelle Beispiele sind die Ausgrabungen am Tempelberg in
Jerusalem (Lehmann 1995) und der Streit um die „ersten Amerikaner“ (Barié
2000). Insbesondere dann, wenn politische Hintergründe im Spiel sind
und das Wehen des Zeitgeistes zu verspüren ist, wird Wissenschaft anfällig
für Wunschdenken, Selbsttäuschungen, missionarischen Eifer und
Wahnvorstellungen. Ohne die einzelnen Beispiele näher analysieren zu
wollen, verweisen wir auf die Debatten um den selbstverschuldeten
Klimawandel, um Risiken durch schlechte Luft, verschmutztes Wasser,
industriell bearbeitete Nahrung, künstlich erzeugte Strahlung und um
die Leukämie-Gefährdung durch bestimmte Kernkraftwerke wie das „Krümmel-Monster“.[1] Fälle wie diese enthüllen eine verblüffende
Begabung selbst guter Forscher zur Selbsttäuschung. Auf der anderen
Seite gibt es hervorragende Beobachter, die selbst unter hochgradig
ambivalenten Wahrnehmungsbedingungen optimale Ergebnisse erzielen
konnten (Tycho Brahe, Galileo Galilei [trotz Feyerabend 1976],
Christiaan Huygens, Caroline Herschel, Josef Fraunhofer, Friedrich
Wilhelm Bessel, Wilhelm Olbers, Michael Faraday, Marie Curie, Ernest
Rutherford, James Chadwick, Wilhelm Conrad Röntgen, Otto Hahn, uva.).
Solche persönlichen Eigenschaften von Forschern (zu denen außer Fähigkeiten
auch Orientierungen, Maximen etc. zählen) sind wesentliche
Determinanten des Forschungsprozesses, die von einer historisch
orientierten Wissenschaftstheorie immer zu berücksichtigen sind (dazu
Charpa 1995, 2000). 3. B. Der
Forscher als soziales Wesen: Code, System und Konflikt Man kann die soziale Einbettung der Wissenschaft aus
einer doppelten Perspektive untersuchen: „von unten“ her, also
mikro-soziologisch, und aus der entgegengesetzten Perspektive, also
makrosoziologisch. Wir beginnen mit der makrosoziologischen Perspektive. Ungeachtet der damit einhergehenden Vereinfachung
kann man Makrogesellschaften modernen Typs in Teilbereiche oder
Subsysteme zergliedern, die 1)
spezifische Aufgaben erfüllen. 2)
sich durch besondere Regeln, Normen, Maßstäbe und Ziele von
anderen Bereichen unterscheiden, 3)
eine besondere Wahrnehmung der Dinge und Prozesse in ihrem
Bereich entwickeln, 4)
ein besonderes Steuerungsmedium verwenden, das mit den Zielen und
Funktionen dieses Subsystems untrennbar verbunden ist. Von allen denkbaren Subsystemen einer
Makrogesellschaft erscheinen die folgenden aktuell als die wichtigsten: -
Wissenschaft und Forschung, -
Technik, -
Politik, -
Recht, -
Massenmedien/Öffentliche Meinung, -
Kunst und Kultur, -
Wirtschaft, -
Religion, -
Gesellschaft (als primärer Gruppenverband). Diese Liste ist offen, weitere Ausdifferenzierungen
moderner Gesellschaften sind zu erwarten. Wir wollen jetzt versuchen,
die in den genannten Subsystemen herrschenden symbolischen Codes zu
bestimmen. Diese Codes sind wiederum Funktionen der Systemziele, mit
denen wir uns hier nicht näher befassen können.
In der Werteordnung von -
Wissenschaft und Forschung besteht der primäre Maßstab für
die Erreichung des primären Systemzieles in lege artis
geprüfter Information, bzw. in zuverlässigen Repräsentationen
der Wirklichkeit, oder kurz gesagt in „Wahrheit“, -
in der Technik besteht
er in Machbarkeit, praktischer
Zuverlässigkeit und Effektivität („Wirkungsgrad“), -
in der Politik in der
Sicherung von Macht und Einfluß
(„Wer bestimmt die
Agenda?“), -
in der Wirtschaft in
der Akkumulation von Kapital, bzw.
der Erwirtschaftung der bestmöglichen
Rendite, -
im Rechtssystem in
abstrakt verfaßter Verläßlichkeit
und Sicherheit von Verhaltenserwartungen, kurz im Gesetz, -
in der Gesellschaft in
persönlichem Vertrauen und
nichtregulierter Solidarität[2],
-
in der Öffentlichen
Meinung bzw. den Massenmedien
in Sicherung von Aufmerksamkeit (nach
dem Leitsatz „Sein ist
Wahrgenommenwerden“), -
in der Kultur in perspektivischer,
aktuell als relevant erachteter Deutung (Interpretation) durch Überlieferung,
Tradition und Diffusion, und -
in der Religion in transzendenter
Sinngebung. Da alle Subsysteme Teile eines umfassenderen
Sozialsystems sind, muß es auch Gemeinsamkeiten, Überschneidungen oder
Schnittstellen zwischen den Subsystemen geben. Andernfalls wäre eine
Koordination nicht möglich, das Gesamtsystem würde auseinanderfallen.
Für diesen Bereich von Gemeinsamkeiten hat die funktionalistische
Soziologie den Terminus technicus „Interpenetration“ gefunden. In
den Interpenetrationszonen zwischen den Subsystemen erfolgt eine Übersetzung
– oder besser: eine Transformation der in den Codes der anderen
Systeme gefaßten Informationen, Regeln und Prinzipien in den Eigencode
des Subsystems – soweit sie für die Funktionsweise dieses Systems
aktuell relevant sind. Dabei geht notwendigerweise ursprüngliche
Information verloren und neue Deutungen werden hingefügt. Interpenetration der Subsysteme einer Gesellschaft
heißt aber auch, daß sich die Werte, Regeln und Ziele, kurz gesagt die
Codes der Subsysteme noch in
anderer Form wechselseitig durchdringen. Handlungen und Kommunikationen
von Systemmitgliedern können unter bestimmten Umständen auch
innerhalb des eigenen Milieus einem systemfremden Code folgen, um
dem Akteur Vorteile zu verschaffen. Dies eröffnet ein weites Feld für
mögliche Konflikte, von denen wir hier nur exemplarisch einige nennen
wollen. Je nach historischer Situation und Kontext können dabei
unterschiedliche Konfliktzonen stärker hervortreten. -
Im Subsystem Wirtschaft stoßen wir zum
Beispiel auf den Konflikt zwischen Geld und Solidarität, Geld und
Gesetz oder zwischen Geld und Macht, -
in der Politik
auf den Konflikt zwischen Macht und Solidarität/Vertrauen, Macht und
Gesetz, Macht und Wahrheit oder zwischen Macht und Geld, -
in der Öffentlichkeit
auf den Konflikt zwischen Aufmerksamkeitswert und Wahrheit,
Aufmerksamkeitswert und Gesetz oder Aufmerksamkeitswert und Solidarität, -
im Recht
auf den zwischen Gesetz und Geld, zwischen Gesetz und Macht, oder
zwischen Gesetz und Wahrheit, -
in der Wissenschaft
auf den zwischen Wahrheit und Macht, Wahrheit und Solidarität, Wahrheit
und transzendenter Sinngebung und zuweilen auch zwischen Wahrheit und
Geld, -
in der Gesellschaft
(gemeint sind hier die Primärgruppen als die unmittelbaren sozialen
Umwelten der Individuen) auf den zwischen Solidarität und Wahrheit,
Solidarität und Gesetz, aber auch zwischen Solidarität und Geld.[3] Bei zu enger Verflechtung mit Politik, Ökonomie,
oder einem der anderen Subsysteme gerät Wissenschaft in große Gefahr.
Wenn die Beziehungen zwischen den betreffenden Teilsystemen einer
modernen Gesellschaft gestört sind, kann es geschehen, daß sich eine
substantielle Zahl von Wissenschaftlern auf die Ziele von Politik,
Massenmedien, Wirtschaft, Kultur, Religion einläßt und dabei die
symbolischen Werte der Wissenschaft über Bord wirft. Diesem Verhalten müssen
keine unlauteren Motive zugrunde liegen. Auch der Wissenschaftler ist
ein Zoon Politicon. Er hat
soziale Bindungen, politische Interessen, ökonomische Motive,
kulturelle und religiöse Bedürfnisse. Aber wann immer – zum Beispiel
– sein politischer Eifer (oder eine falschverstandene politische
Loyalität) über sein wissenschaftliches Urteilsvermögen triumphiert,
wird der Code der Wissenschaft verletzt. Sofern Entscheidungen über die
Richtigkeit wissenschaftlicher Aussagen oder über Wert und Unwert von
Forschungsprogrammen und -problemen aufgrund politischer oder ökonomischer
Interessen fallen, wird Wissenschaft im Kern korrumpiert. Der
symbolische Code des Wissenschaftssystems wird durch den der Ökonomie,
der Religion, der Kultur, der Gesellschaft, der Massenmedien oder der
Politik überlagert. In diesen Fällen kann man von einer
„Kolonisierung“ der Wissenschaft durch andere Subsysteme reden.
Solche Prozesse sind das Ergebnis einer auf pathologische Weise aufgelösten
Spannung zwischen den Systemen. Pathologisch deshalb, weil für
differenzierte Gesellschaften gerade das Bestehen von Spannungen
zwischen den symbolischen Interaktionsmedien verschiedener Subsysteme
typisch, notwendig und fruchtbar ist. Die üblichen Spannungen gefährden
die Funktionsweise der Subsysteme nicht, solange in deren Binnenbereich
der systemspezifische Code dominiert. Interpenetration der Subsysteme
bedeutet, daß Wissenschaft auch eine politische, ökonomische,
rechtliche, kulturelle, soziale, öffentliche, religiöse Dimension
besitzt. Das gilt mutatis mutandis auch für die anderen Systeme. Der ökonomische
Aspekt der Wissenschaft zeigt sich beispielsweise darin, daß das Moment
der Konkurrenz auch in den Grenzen
des Wissenschaftssystems eine herausragende Bedeutung hat.
Wissenschaftler, aber auch Laboratorien, Disziplinen, Wissenschaften
und Universitäten konkurrieren um Prestige, Erfolg und Ressourcen. Die
politische Dimension der Wissenschaft zeigt sich zum Beispiel in den
Hierarchien, die wir in ihren Institutionen und Kommunikationssystemen
finden. Das soziale Element gerät dann in den Blick, wenn
Gruppenbindungen innerhalb des Wissenschaftssystems die Wirkung von
Argumenten, die in anderen sozialen Kontexten als schwerwiegende Einwände
oder gar als Falsifikationen gelten würden, neutralisieren. Die Deformierung des symbolischen Codes der
Wissenschaft durch ökonomische, politische, kulturelle, massenmediale
und soziale Faktoren kann zu ernsten funktionalen Störungen des
Systems, im Extremfall zur Rechtfertigung seiner Kolonisierung durch
andere Systeme führen. Erscheinungen, die den Normen der Wissenschaft
zutiefst widersprechen (vgl. auch Fischer 2000a), sind zum Beispiel -
die Geheimhaltungsstrategien der Genforschung und der militärischen
Forschung (Dominanz der Codes der Politik und der Ökonomie über den
der Wissenschaft); -
das Verschweigen wichtiger Informationen in experimentellen
Arbeiten (Dominanz des Codes der Ökonomie über den der Wissenschaft); -
das Herunterbügeln eines unten in der Hierarchie stehenden
Wissenschaftlers durch einen Höherrangigen (Dominanz des Codes der
Politik über den der Wissenschaft); -
die rituelle Bewunderung der „Alpha-Tiere“ des
Forschungssystems durch Rangniedrigere (Dominanz des Codes der Politik
über den Wissenschaft); -
„in-group out-group“-Verhalten (wechselseitige Belobigung von
Gruppenzugehörigen/Paradigmaanhängern vs. Ignoranz, Abschottung oder
aggressive Abwehr von Gruppenfremden/Paradigmagegnern) (Dominanz des
Codes der Gesellschaft über den der Wissenschaft); -
Entscheidungen des „Peer Review Systems“ auf der Basis des
Ansehens einer Person, einer Institution, einer Nation oder eines
Paradigmas – und nicht aufgrund der intrinsischen Qualität des zu
begutachtenden Projektvorschlags, Aufsatzes, Forschungsberichts oder
Buches (Dominanz der Codes der Politik und der Ökonomie über den der
Wissenschaft; vgl. Fischer 2004); -
die Bildung von Zitationsgemeinschaften (Dominanz des Codes der
Gesellschaft über den der Wissenschaft); -
die Verwechslung von Produktivität (Ausstoß an „Papers“ pro
Zeiteinheit) mit dem Beitrag zur „Wahrheitsfindung“ in der
Wissenschaft (Dominanz des Codes der Massenmedien über den der
Wissenschaft); -
die Verwechslung der Anzahl von Zitationen (eines Autors oder
einer Publikation) mit dem Beitrag dieser Person oder Publikation zum
Prozeß der „Wahrheitsfindung“ in der Wissenschaft (Dominanz des
Codes der Massenmedien über den der Wissenschaft); -
die kulturelle Umdeutung der Wissenschaft, nach der letztere nur
als ein kulturell
relativierbares Denksystem unter vielen möglichen adäquat zu verstehen
ist (Dominanz des Codes der Kultur über den der Wissenschaft). All dies ist dem Regiment wissenschaftsfremder, in
der Hauptsache ökonomischer, sozialer, politischer und massenmedialer
Maßstäbe zuzurechnen. Am Beispiel der Betrugsfälle, die, wie Kenner
vermuten, weitaus häufiger vorkommen könnten als die geringe Zahl
aufgedeckter Fälle vermuten läßt, kann man die ökonomische Dimension
antiwissenschaftlichen Verhaltens klar erkennen. Betrügereien in der
Wissenschaft sind nicht nur zurückzuführen auf Geltungssucht, günstige
Gelegenheiten und Arglosigkeit von Kollegen, sondern auch auf die in
vielen Bereichen der Wissenschaft herrschende gnadenlose Konkurrenz um
Forschungsmittel und um Reputation. Zumindest teilweise sind sie als
Versuche zu interpretieren, sich in diesem Konkurrenzkampf Vorteile
durch den Einsatz von Mitteln zu verschaffen, die innerhalb des
Wissenschaftssystems (und des Rechtssystems) nicht erlaubt sind. Wir werden im folgenden versuchen, einige Hindernisse
der Wahrheitsfindung in der Wissenschaft, die auf problematische oder
pathologische Beziehungen zwischen dem Wissenschaftssystem und anderen
Subsystemen zurückgehen, zu beschreiben. a)
„Zeitgeist“ und die kulturelle Dimension der Wissenschaft Wie sind Forscher zu bewerten, die sich keiner
methodischen Verfehlung bewußt sind, aber vielleicht etwas unkritisch
sind, die Selektivität der menschlichen Wahrnehmung nicht hinreichend
in Rechnung stellen und deshalb fragwürdige Ergebnisse liefern? Die
Frage ist nicht akademisch, denn vor einigen Jahren wurden zwei
„kanonische Studien“ aus den Bereichen der Soziologie und Ethnologie
aus genau diesem Grund radikal in Frage gestellt. Die erste ist William
Foote Whytes Arbeit über die „Street Corner Society“, die als
bisher unbestrittener Klassiker der Soziologie galt (Adler 1992). Eine
Ethnologin, W. A. Marianne Boelen, stellte bei erneuter Befragung von
Whytes Untersuchungspersonen ernst-zunehmende Diskrepanzen zwischen
ihren Erinnerungen und Whytes Darstellung ihrer ursprünglichen Aussagen
fest. Da es sich um eine qualitative Studie handelt, bei der es
wesentlich auf die Handlungsinterpretationen und Situationswahrnehmungen
der Beteiligten ankommt, sind solche Diskrepanzen zumindest er-klärungsbedürftig.
Es erscheint durchaus nicht unplausibel, daß zeitgemäße Schemata und
Paradigmen dafür mitverantwortlich sind. Eine Quelle der Unsicherheit
bei der Bewertung des Falls ist, daß mittlerweile vier Jahrzehnte
vergangen sind und die Erinnerung der Versuchspersonen nicht
notwendigerweise ein zutreffendes Bild der damaligen Vorgänge liefern
muß. Bei der zweiten ins Zwielicht geratenen
ethnologischen Pionierstudie handelt es sich um Margaret Meads
Untersuchung „Coming of Age in Samoa“ von 1928. Auch hier ist zu berücksichtigen,
daß zwischen der ursprünglichen Studie und ihrer Neubewertung ein
halbes Jahrhundert vergangen ist. Glaubt man Derek Freeman (Freeman
1983; dazu Hellman 1998, Kap. 10), dann gehen die Ergebnisse Meads
weitgehend auf ihre Selektion von Informantinnen, ihre Gutgläubigkeit
und ihre unkritische Interpretation der Daten zurück. Für einen
Ethnologen wären dies elementare methodische Fehler. Ist Margaret Mead,
wenn die Vorwürfe von Freeman zutreffen, eine Betrügerin? Oder, wenn
keine Betrügerin, dann vielleicht eine wissenschaftliche Hochstaplerin?
Oder ist sie vielleicht das Opfer einer Ideologie, die zu ihrer Zeit von
vielen gepflegt wurde, nämlich der Ideologie von der natürlichen
Friedfertigkeit der primitiven Kulturen? Solche Ideologien gibt es auch heute (Gross &
Levitt 1994; Gross 1996; Gumbrecht 1997; Herzog 1999; Schnabel 2000, Günther
2000), und auch heute halten die meisten Wissenschaftler sie für
selbstverständliche Wahrheiten – ob aus Überzeugung oder aus Gründen
der wissenschaftspolitischen
correctness, sei dahingestellt. Bereiche, die in ideologieverdächtiger Weise für
Strömungen des Zeitgeistes anfällig sind, sind Forschungen zu -
Risiko (Bayerische Rück 1993; Douglas & Wildavsky 1982;
Brodeur 1989; Eilingsfeld 1990, Fischer 1998; Efron 1986) -
Klima (Calder 1997; Hasselmann 1997; Maxeiner 1997; Thüne 1998,
1999) -
Intelligenz und geschlechts- und rassenspezifischer Begabung
(Engels 1994; Herrnstein & Murray 1994; Jacoby & Glauberman
1995; Jensen 1982; Kempf 1982; Pearson 1991; Snyderman & Rothman
1988; Zimmer 1988, 1989, 1998) -
Kernenergie (Kellerer 1998; Schuh 1994; Karisch 2000) - Gentechnologie -
Geist und Gehirn, Willensfreiheit (Moravec 1990, 2000; Krischke
2000; Lanier 2000; Joy 2000; Fischer 2003a). Wir wollen uns hier nicht in laufende Debatten
einmischen, sondern nur die Wirkungsweise des Zeitgeistes verdeutlichen.
Diese Wirkung besteht in der Anmaßung eines nicht vorhandenen Wissens,
das sich darin ausdrückt, daß bestimmte Theorien, Hypothesen und
Modelle für sicherer gehalten werden als sie sind. In manchen Fällen
gewinnen sie in der Sicht der Zeitgeistbeflissenen einen Grad an Gewißheit,
der diejenigen, die anderer Meinung sind, geradezu als unanständig und
unehrlich, als Ungläubige oder Ketzer erscheinen läßt. So ergeht es
heute denjenigen, die nicht
glauben, -
daß uns in erster Linie Schadstoffe in Nahrungsmitteln und
Umwelt krank machen und die selbstverschuldeten Risiken demgegenüber
vernachlässigbar sind, -
daß ein selbsterzeugter Klima-GAU bevorsteht, -
daß Geschlecht, Gene und Rasse keinen oder nur geringen Einfluß
auf Intelligenz und Begabung haben, -
daß wir die Kernenergie (in jedweder Form) nicht mehr brauchen, -
daß der Geist des Menschen nur eine informations-verarbeitende
Maschine ist, die im Prinzip durch einen Chip ersetzt werden kann, und
daß die Freiheit des Willens deshalb eine Illusion ist. Wer in diesen Fragen Recht hat, ist nicht
entschieden, und jeder, der sich hierüber ein Wissen anmaßt, das er in
Wirklichkeit nicht besitzen kann, verletzt – sofern er Wissenschaftler
ist – die Regeln seiner Kunst. Sollte man von einem Wissenschaftler nicht zumindest
den Versuch verlangen können, hinter den Schleier der zeitgemäßen
Ideologien zu blicken und – wie es mein Kollege Norbert Hinske
formulierte – die Ansichten des Zeitgeistes durch selbstgewonnene
Überzeugungen
zu ersetzen? Freilich birgt dies die Gefahr, daß der einzelne mit
seinen selbstgewonnenen Überzeugungen am Ende einer Phalanx von
Zeitgenossen gegenübersteht, die ihn aus den gleichen Gründen
angreift, die heute gegen Margaret Mead vorgebracht werden: vorgefaßte
Meinung, mangelhafte Methodik, selektive Wahrnehmung. b) Wahrheit,
Sozialstruktur und Macht: Die Interpenetration von Wissenschaft, Politik
und Gesellschaft Wir hatten oben über Robert Millikans problematische
Selektion unter seinen Experimentaldaten berichtet. Millikans Arbeit ist
aber noch aus einem weiteren Grund ins Gerede gekommen. Sein berühmter
Aufsatz von 1910 ist zumindest teilweise nicht von ihm selbst, sondern
von einem Doktoranden namens Harvey Fletcher geschrieben worden.
Fletcher war auch derjenige, der Millikan erst auf die Idee gebracht
hatte, statt schnellverdunstender Wassertröpfchen solche aus Öl als Träger
der elektrischen Ladung zu benutzen. Trotz der wesentlichen Beteiligung
Fletchers firmierte Millikan als Alleinautor (Broad & Wade 1984,
281) und erhielt auch den Nobelpreis ungeteilt. Dies ist ein Beispiel
der Wirkung der Statushierarchie in der Wissenschaft, die dazu führt,
daß zwischen Leistung und Belohnung zweier Forscher eine Lücke klafft,
die in auffälliger Beziehung zur Statuslücke zwischen ihnen steht.
Interessant ist natürlich, daß man darin erst in jüngerer Zeit ein
forschungsethisches Problem sieht: die Beteiligung Fletchers an
Millikans Arbeit war den Eingeweihten bekannt, doch deren Bewertung hat
offensichtlich erst im Zuge der Wandlungen des wissenschaftlichen
Umfeldes im dritten und letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts
begonnen, sich langsam zu verändern. Ungeachtet dessen scheint die
Verwendung der Ideen und Ergebnisse von Diplomanden und Doktoranden
durch Betreuer und Doktorväter auch heute noch durchaus als
„Gewohnheitsrecht“ der Letzteren angesehen zu werden. Ein anderer bekannter Fall der Verwendung der
Ergebnisse von Qualifikationsarbeiten durch Statushöhere ist der des
Radioastronomen Anthony Hewish und seiner Doktorandin Jocelyn Bell, die
1967 die kurzperiodischen Radiopulsare entdeckte, aber im Gegensatz zu
Hewish keine Anerkennung seitens des Nobelpreiskommitees erfuhr (Wade
1975). Hewishs Rechtfertigung dafür bestand in der Behauptung, Bell
habe die Entdeckung nicht aus eigenem Antrieb, sondern im Zuge der
Erledigung eines ihr von ihm erteilten spezifischen Forschungsauftrags,
nämlich die Durchmusterung des Himmels nach ungewöhnlichen
kurzperiodischen Radioimpulsen, gemacht. Auch bei der Entdeckung des Top-Quarks ist es nach
dem Bericht eines Beteiligten (Graßmann 1997, 178f) nicht ganz mit
rechten Dingen zugegangen, insofern die Erstentdecker nicht zu jenen gehörten,
die innerhalb des Statussystems der Physik die Möglichkeit hatten, ihre
Priorität auch durchzusetzen. Die Ergebnisse wurden als „noch
unsicher“ bewertet, bis eine statushöhere Arbeitsgruppe die gleichen
Resultate erhielt. Erst dann galt das Top-Quark als „entdeckt“. Wenn
Graßmanns Darstellung stichhaltig ist, dann wäre dies eine skandalöse
Verdrehung der Prioritäten, die dem Einfluß des politischen Systems
der Wissenschaft geschuldet ist und die wahren Entdecker um die Früchte
ihres geistigen Eigentums betrügt. Die genannten Episoden widersprechen klar dem Geist
der Wissenschaft, nach dem Verdienste ohne Ansehen von Person,
Geschlecht, Rasse oder Status zu bewerten sind, doch außergewöhnlich
sind sie nicht. Sie sind Ausdruck der Doppelnatur der wissenschaftlichen
Erkenntnistätigkeit als eines sowohl kognitiven als auch
politisch-sozialen Prozesses (Kuhn 1967; Fischer 1992). Diese
Doppelnatur bewirkt, daß wissenschaftliche Tätigkeiten und Produkte
auch einer politisch-sozialen Bewertung unterliegen, in der das
erworbene Prestige, der Ruf des Instituts oder der Universität, die
bisherige Erfolgs- oder Mißerfolgsgeschichte, etc. eine entscheidende
Rolle spielen (Collins 1975, 1981). Positionsunterschiede im sozialen
System der Wissenschaft bewirken aber auch verschiedene Wahrnehmungen
von Problemsituationen und infolgedessen verschiedene Reaktionen auf
Konflikte und Widersprüche seitens der Beteiligten (Bloor 1978; Caneva
1981). Es ist nicht nur, aber auch eine Frage der Machtverteilung
innerhalb des sozialen Systems der Wissenschaft, welche Wahrnehmungen
und Lösungsversuche sich zu einer bestimmten Zeit durchsetzen. Diese Koppelung von sozialer, politischer und
kognitiver Struktur in der Wissenschaft kann den Erkenntnisfortschritt
behindern, weil sie aufgrund der Trägheit der sozialen Komponente ein
retardierendes Moment in die Wissenschaft importiert. Selbst wenn wir
unterstellen können, daß die heute hochgeachteten Forscher, Labors,
Universitäten ihren Ruf aufgrund wirklicher und nicht nur
zugeschriebener Verdienste erworben haben, wäre es ein logisch ungültiger
Schluß, daraus auf zukünftige Leistungen zu schließen. Hochrangige
Personen oder Institutionen sind per se keineswegs besser als andere in
der Lage, innovative Entwicklungen zu beurteilen. Sie haben mehr zu
verlieren als andere und tendieren deshalb dazu, neue Ideen unabhängig
von ihrer „objektiven Qualität“ kritischer zu bewerten als Personen
oder Institutionen, die durch Förderung dieser Ideen einen Statusgewinn
erhoffen können. Daraus resultiert ein gewisser Konservatismus der in
der Statushierarchie der Wissenschaft höher angesiedelten Personen und
Institutionen. Die soziale Struktur der Wissenschaft gewinnt auf
diese Weise eine wissenschaftspolitische Dimension:
Entscheidungsprozesse über Theorien, Fakten, Publikationen, Ausstattung
und Drittmittel erfolgen nicht nur auf der Grundlage objektivierbarer
Qualitäten, sondern auch auf dem Hintergrund der politischen Macht der
Beteiligten innerhalb des Wissenschaftssystems. Nur so ist es zu
verstehen, daß vom Konsens der „wissenschaftlichen Gemeinschaft“
abweichende Ideen, die von jungen Forschern vorgetragen wurden, deren
Hochbegabung erst später erkannt wird, von den „Wächtern“ an den
Toren des Publikations- und Drittmittelwesens nicht selten brüsk zurückgewiesen
werden. (Beispiele in Abschn. 5 – vgl. auch Wade 1975; Arp 1987, Kap.
10; Wali 1991, Kap. 6; Horeis 1997; Graßmann 178f; Milton 1996; Kevles
1996; Fischer 1998a, 1998b, 1998c). Hier liegt eine der gefährlichsten
Fehlfunktionen der Wissenschaft: ein strukturell begründeter
Dogmatismus, der das Entwicklung des Neuen behindert. Wenn wir über wissenschaftliches Fehlverhalten
reden, können wir diese politische Dimension und den
innovationshemmenden Effekt der sozial strukturierten Wissenschaft nicht
vernachlässigen. „Das Akzeptieren von Betrug ist die eine, der
Widerstand gegen neue Ideen die andere Seite der bekannten Medaille.
Betrügerische Ergebnisse werden in der Wissenschaft eher akzeptiert,
wenn sie plausibel dargestellt werden, wenn sie zu bestehenden
Vorurteilen oder Erwartungen passen, und wenn sie von einem entsprechend
qualifizierten Wissenschaftler stammen, der einer Eliteeinrichtung angehört.
Radikal neue Ideen in der Wissenschaft werden gern abgelehnt, wenn ihnen
genau [...] diese Eigenschaften fehlen“ (Broad & Wade 1984, 166). Die soziale Strukturiertheit der Wissenschaft kann
selbst zum Objekt von Manipulationen werden: durch „strategisches
Zitieren“, durch Bildung von „Zitationsnetzwerken“, durch bewußtes,
nicht durch Qualitätsmaßstäbe gesteuertes Ignorieren oder Bevorzugen
der Arbeiten bestimmter Personen, Gruppen oder Nationen. Diese
Verhaltenstendenzen sind ein gutes Beispiel für soziale Rückkopplung,
also für das Phänomen, daß die Kenntnis eines Zusammenhangs dazu führen
kann, diesen aufzulösen und neue Regelmäßigkeiten zu erzeugen. In
diesem Fall wird die Messung kognitiver Parameter über Indikatoren der
Nützlichkeit und der Wertschätzung (ausgedrückt in Zitationsmaßen)
zu falschen Ergebnissen kommen. In einem Wissenschaftssystem, das
wissenschaftliche Leistung über scientometrische Indikatoren messen
will, gehört diese Form wissenschaftlichen Fehlverhaltens deshalb nicht
mehr zu den Kavaliersdelikten. Es gibt eine besondere, aber sehr wichtige Form
wissenschaftlichen Fehlverhaltens, die auf die Einbettung des Forschers
in ein soziales Netzwerk zurückgeht. Diese Einbettung geht sehr oft
einher mit einer Fehleinschätzung und Abwertung der wissenschaftlichen
Arbeit anderer Netzwerke bei gleichzeitiger Überhöhung der eigenen.
Dies hat wichtige Folgerungen, wenn es zum Beispiel um die Begutachtung
von Arbeiten oder Projektanträgen von Mitgliedern anderer Netzwerke
geht. Wie arbeitet der Mechanismus, der solche Konsequenzen hat? Die
Einbindung in eine kohärente Gruppe beschränkt die Zahl der
Informationskanäle, die das Gruppenmitglied durchschnittlich nutzt und
behindert somit (wegen unserer begrenzten Kapazität zur
Informationsaufnahme und Informationsverarbeitung) effektiv das
Eindringen dissonanter, also paradigmagefährdender Information in das
Binnenmilileu der Gruppe (vgl. Fischer 1992, 2002). Sie installiert
einen kommunikativen Filter, der zugleich als selektiver Verstärker
fungiert. Gruppenstärkende Information wird hervorgehoben und durch ständige
Wiederholung ins Bewußtsein eingebrannt. Dies verhindert die
Infiltration anderer Informationen nicht völlig, denn auch das wäre
dysfunktional. Bestimmte Informationen sind – obwohl vom Inhalt her
unerwünscht – so essentiell für die Arbeit und den Bestand der
Gruppe, daß man sie nur um den Preis der Gefährdung der eigenen
Existenz vernachlässigen könnte. Die höhere Dichte der Binnen- gegenüber der Außenkommunikation
hat neben der Begrenzung der Quantität „unkontrollierter“ und
deshalb möglicherweise dissonanter Informationen noch eine weitere
Funktion. Sie zeigt dem Gruppenmitglied, was und wie die anderen denken
und übt deshalb über subtile verbale Verstärkungen und Sanktionen
einen dominanten Einfluß auf sein eigenes Denken aus. Zumeist
verzerrte, aus dem Zusammenhang gerissene und durch die
Kommunikationsmechanismen der Gruppe auf geeignete Weise deformierte
Informationen werden benutzt, um das Bild des wissenschaftlichen Gegners
und seiner Ansichten konstruieren und die Grenzen der Gruppe definieren
zu können. Ein Paradigma
sorgt, solange es sich als Instrument zum Lösen von Problemen bewährt,
ebenso für den Zusammenhalt der Gruppe, wie der soziale Konsens mit
seinen kognitiven Funktionen den Fortbestand des Paradigmas sichert. Da
die Sicherung des Konsenses in einer Welt konkurrierender Gruppen nur
auf Kosten einer korrekten Repräsentation der Ansichten dieser
Konkurrenten möglich ist, ist der skizzierte Mechanismus auch zentral für
das Verständnis der Ursachen von geistiger Intoleranz in einer durch
paradigmatische Gruppen geprägten Wissenschaft. Wichtig ist zu
beachten, daß es verschiedene Grade des Konsenses und der Intoleranz
gibt. Man darf sich diesen Mechanismus nicht als
intentionalen, bewußt gesteuerten Vorgang vorstellen. Der Prozeß verläuft
vielmehr autokatalytisch. Die „normalen Wissenschaftler“ Kuhns sind
zwar (von außen betrachtet) Dogmatiker, sie tragen (wiederum von außen
betrachtet) Scheuklappen - aber sie tun dies nicht willentlich. Ihr
Dogmatismus, ihre Scheuklappen, ihr verzerrtes Bild des
wissenschaftlichen Gegners sind Folgen der sozialen Struktur der Gruppe,
die über die Auswahl von Kommunikationskanälen die prinzipiell in
Betracht zu ziehenden Informanten und Informationen bestimmt. Die
Forscher in den Zentren der normalen Wissenschaft sind keine
schlechteren Menschen als die anderen, sie handeln und bewerten ganz
einfach so, wie sie auf der Grundlage ihrer Theorien und der von ihnen
ausgewählten Informationen glauben, handeln und bewerten zu müssen. So
gesehen, ist Intoleranz gegenüber gruppenfremden Ideen eine
strukturelle Folge der sozialen Lage des Gruppenmitglieds. Eine
deprimierende Schlußfolgerung. Doch ist sie unausweichlich? Die Beobachtungen zur Bildung und Auflösung
paradigmatischer Gruppen legen nahe, daß die Schlußfolgerung zwar
statistisch gültig, aber im Einzelfall nicht unausweichlich ist.
Letzteres liegt daran, daß die zugrundeliegenden Vorgänge (wie fast
alles im menschlichen Bereich) nicht streng deterministisch sind,
sondern chaotische Aspekte enthalten. Dies hat verschiedene Ursachen. Es
gibt zum einen individuelle Unterschiede in sozialer Lage, Motivation,
Lerngeschichte, Informationsverarbeitung, zum zweiten aber auch Unschärfen
der sozialen Wahrnehmung und Bewertung, die dafür sorgen, daß eine
paradigmatische Gruppe keine monolithische Einheit und die normale
Wissenschaft nicht so monoman ist, wie sie zunächst erscheinen könnte.
Insbesondere an den strukturellen Rändern paradigmatischer Gruppen, an
denen die sozialen Kontrollen nur unvollkommen wirken, führen Störungen
von außen (etwa durch das Eindringen dissonanter Information) nicht
selten auch zur Perforation der kognitiven Barrieren und damit zu
Zweifeln an dem paradigmatischen System (vgl. Fischer 1998d). c) „System
Cresson“: Die politische Korrumpierung der Forschung Dies ist ein „heißes Eisen“ und zugleich eine
nicht zu unterschätzende Gefahr für die Forschung. Sie droht
insbesondere dann, wenn große Summen von Drittmitteln nicht über das
Gutachtersystem der Wissenschaft, sondern über persönliche Beziehungen
zwischen Ministerialbeamten und Forschern vergeben werden. Dies kann ein
sehr guter Verteilungsmodus sein – wenn die Verantwortlichen fähige,
kenntnisreiche und weitblickende Personen sind. Auch das Gutachtersystem
der Wissenschaft hat schwere Mängel (Fischer 2004), auch hier wird
zuweilen geklüngelt, persönliche Beziehungen sind keineswegs
unwichtig, hochinnovative und deshalb zumeist riskantere Projekte
erhalten vom „Peer Review-System“ der Wissenschaft in der Regel
schlechtere Noten als konventionelle Projekte, hinter denen die Absicht
steht, dem Mosaik des Gewohnten und Bekannten ein weiteres Fragment
hinzufügen. Genau hier könnten Drittmittel, die von Landes- oder
Bundesministerien, bzw. von der EU direkt vergeben werden, hilfreich
sein. In vielen Fällen sind sie das auch – etwa bei der frühen Förderung
der Nanotechnologie durch das Bonner Forschungsministerium Anfang der
siebziger Jahre (Leserbrief von Hans-Joachim Queisser in der FAZ vom
19.5.04). Doch leider versteht man in den politischen Etagen unter
Innovation zuweilen etwas anderes als in der Wissenschaft. So wurden
unter der Leitung der EU-Forschungskommissarin Edith Cresson
beispielsweise für teures Geld Scheinstudien erstellt, die bereits
vollzogene politische Entscheidungen nur mehr rechtfertigen, nicht aber
vorbereiten sollten (FAZ 11.2.2000
und 24.2.2000). Damit wurden Loyalitäten erkauft und Verpflichtungen
geschaffen – eine Praxis, die als Hypothek für die zukünftige, von
EU-Mitteln profitierende Forschung angesehen werden muß. Verwicklungen mit der Politik scheinen dem Objektivitätsstreben
der Wissenschaft generell ebensowenig zuträglich zu sein wie der allzu
intensive Flirt mit der Wirtschaft. Insbesondere dann, wenn politische
Forschungsförderung durch korrupte Behörden veranlaßt ist, wird auch
die Wissenschaft, die auf solche Forschungsmittel angewiesen ist,
korrumpiert. Ob das volle Ausmaß des skandalösen „Systems Cresson“
jemals aufgedeckt wird, bleibt offen. Ob das Problem mit dem Austausch
der Spitze beseitigt ist, kann bezweifelt werden. Direkte politische Einflußnahmen auf die
Wissenschaft, scheinbar legitimiert durch komplementäre Interessen
bestimmter Wissenschaftler oder wissenschaftlicher Disziplinen,
motiviert durch Ideologien und sanktioniert durch die Staatsmacht, gab
es im 20. Jahrhundert sehr häufig. Die krassesten Fälle findet man
sicherlich im ehemaligen kommunistischen Herrschaftsbereich sowie im
nationalsozialistischen Deutschland (Fischer 2000). Die oft bemühten
Standardbeispiele hierfür sind Lyssenkos „proletarische Biologie“ (Medvedev
1969; Roll-Hansen 1985; Lecourt 1976; Lyssenko 1951), Eugenik und
Biologie (Bäumer 1990; Weindling 1993; Weingart u.a. 1988), sowie
„Deutsche Physik“ und „Deutsche Chemie“ im NS-Staat (Vonderau
1994). In diesen Fällen gab es eine Symbiose zwischen politischen
Vorgaben und den Interessen wissenschaftlicher Gruppierungen, die sich
in der Favorisierung bestimmter Vor-stellungen und der Unterdrückung
anderer trafen. Obwohl die genannten Beispiele am besten bekannt sind,
waren in den beiden totalitären Systemen mehr oder weniger alle
Disziplinen betroffen, wobei die Interessen der Wissenschaft und die der
Politik zumeist nur teilweise konvergierten. Mißverständnisse hatten
jedoch in der Regel für die Wissenschaft die fataleren Folgen (Beyrau
2000; Mehrtens & Richter 1980; Lundgreen 1985; Braun et al. 1974;
Geyer 1967; Graham 1974; Gorelik 1995). In etwas anderer Form findet man auch heute wieder
politische Vereinnahmungen der Wissenschaft in Staaten mit religiösem
Machtmonopol (Tibi 1992). Dies heißt nicht, daß säkularisierte
Staaten von derartigen Versuchungen frei sind (Greenfield 1995). d)
Wissenschaft im Griff der Ökonomie Insbesondere in der biomedizinischen
Auftragsforschung finden wir eine sehr gefährliche Vermischung zwischen
den Codes von Wissenschaft und Wirtschaft. Pharmazieunternehmen vergeben
Aufträge zum Testen von Wirkstoffen und Medikamenten, von deren
Ergebnissen nicht nur die weitere Verwendung dieser Wirkstoffe und
Medikamente – und somit die Erträge des Konzerne – sondern auch
weitere Aufträge an die betreffenden Laboratorien abhängen. Dies
erzeugt einen starken Druck zur Erzeugung von Ergebnissen, die im Sinne
der Auftraggeber ausfallen. Für viele Laboratorien ist es eine Frage
des Überlebens im Konkurrenzkampf, daß sie ein genügend großes
Auftragsvolumen aus der Wirtschaft erzielen. Diesem Druck fallen in
diesem Bereich der Forschung leider allzu oft die Normen guter
wissenschaftlicher Praxis zum Opfer. Diese Vermischung der Sphären erzeugt offenbar sehr
subtile Effekte. Selbst wenn sich die betreffenden Wissenschaftler um
Objektivität bemühen, gibt es Wirkungen, die über die Selektion von
Wahrnehmungen zu laufen scheinen. „So fand die Universität Toronto
vor zwei Jahren heraus, dass bei den lukrativen Herzmitteln aus der
Klasse der Kalzium-Antagonisten Forscher wesentlich häufiger zu
positiven Resultaten kamen, wenn sie mit den entsprechenden Firmen
verbandelt waren. Und Mark Friedberg von der Northwestern-Universität
belegte, dass nur fünf Prozent der industriegesponserten Studien über
Krebsmittel zu negativen Schlüssen kamen, aber 38 Prozent aller
Arbeiten von unabhängigen Instituten“ (Albrecht 2000). Zu ähnlichen
Ergebnissen kam Bodil Als-Nielson von der Universität Kopenhagen bei
der „Analyse von 370 Untersuchungen“ (Paulus 2004). Dabei geht es häufig
nicht um direkte Datenfälschung, sondern um unerlaubte statistische
Manipulationen, um gezielte Selektionen, Datenschönungen, das
Unterschlagen von Befunden u.ä. (Paulus 2004). Die Vermischung der
gesellschaftlichen Subsysteme Wissenschaft und Wirtschaft erzeugt
offenbar in einigen Fällen eine „gefährliche Liaison“ (Albrecht
2000; Kreeger 1997; Finzen 2000), die für die Wissenschaft und ihre
Betreiber drastische Konsequenzen haben kann (Martin 1986, 1992, 1997,
sowie die Aufsätze in Bultmann & Schmithals 1994). Das Problem ist also bekannt. Leider denkt niemand in
den Wissenschaftsverwaltungen oder -ministerien darin, diese Liaison zu
beenden oder sie in platonische Formen zu überführen. Im Gegenteil.
Das aktuelle Motto heißt „Wissenschaft im Dienst von Ökonomie und
Gesellschaft“. Dieser Nährboden für Wissenschaftsbetrug bleibt uns
also erhalten. In den Biowissenschaften kommt die Komplexität der
Zusammenhänge hinzu. Verschiedene Menschen oder Zellen reagieren oft
unterschiedlich auf Substanzen. Oft gibt es Schwierigkeiten,
Testsubstanzen einheitlichen Charakters herzustellen oder
Experimentalsysteme und Verfahren zu standardisieren. Dieses Problem
ist um so gravierender, je mehr wir uns der Forschungsfront näheren.
Nicht exakt standardisierte Verfahren, heikle Testsubstanzen, unklare
theoretische Grundlagen, instabile Effekte, dies ist ein idealer Nährboden,
um im Bedarfsfall gewünschte Ergebnisse zu erzielen. e) Der Fall
Arpad Pusztai An einem Beispiel, das die Problematik der
Verflechtung von Wissenschaft, Ökonomie und Politik wie in einem
Brennglas bündelt, können wir dies verdeutlichen.[4]
Das Beispiel zeigt insbesondere die Folgen, die ein ungehindertes
Eindringen der in der Ökonomie und der Politik herrschenden Maßstäbe
in die Wissenschaft für deren Funktionsweise hat. Abgesehen von der
biomedizinischen und pharmazeutischen Forschung ist das Beispiel (noch!)
nicht typisch für die Situation der heutigen Forschung insgesamt. Es
zeigt jedoch in erschreckender Klarheit die Konturen einer Wissenschaft,
die nicht mehr durch ihre eigenen Normen, sondern durch die Codes der Ökonomie
und der Politik geprägt ist. Im August 1998 erhält der international renommierte
Biologe und „Genfood-Forscher“ Arpad Pusztai von seinem Arbeitgeber,
dem „Rowett-Institut“ in Aberdeen/Schottland eine fristlose Kündigung,
nachdem er 35 Jahre dort gearbeitet hatte. In den Wochen danach wird er
als Fälscher diffamiert; ihm wird vorgeworfen, den Ruf des Instituts
geschädigt zu haben. Er darf seinen früheren Arbeitsplatz nicht mehr
betreten und ist von seinen Ressourcen und Experimenten abgeschnitten.
Verteidigen kann er sich nicht, denn sein Arbeitgeber untersagt ihm
zugleich, über seine Ergebnisse weiterhin öffentlich zu berichten. Was war geschehen? Am 10. August 1998 wurde in einem
englischen Fernsehkanal (ITV) ein Interview mit Pusztai gesendet, in dem
er über Ergebnisse seiner Experimente mit Ratten berichtete, denen er
über Wochen gentechnisch veränderte Kartoffeln verfüttert hatte. In
diese sogenannte „Lektin-Kartoffel“ hatte man ein Schneeglöckchen-Gen
eingebaut, das angeblich für Menschen und andere Säugetiere unschädlich,
aber für Insekten tödlich war. Diese Kartoffel war von Prof. Gatehouse
von der University of Durham konstruiert worden und sollte patentiert
werden. Tierversuche waren dafür nicht vorgeschrieben, üblich waren
nur chemische Analysen der wichtigen Inhaltsstoffe. Pusztai machte sie
trotzdem und fand heraus, daß nach einigen Wochen innere Organe der
Ratten zu schrumpfen begannen und teilweise schwere Schädigungen
aufwiesen. Die Leiter des Instituts, Philip James, stimmte mit Pusztai
darin überein, daß dies ein sehr wichtiges Ergebnis war und gab seine
Genehmigung für ein Fernsehinterview. Nur kurze Zeit, nachdem das Interview gesendet worden
war, änderte sich seine Meinung. Pusztai erhielt eine fristlose Kündigung,
ebenso seine Frau. Er durfte sein Labor nicht mehr betreten und ihm
wurde untersagt, über seine Arbeit öffentlich zu berichten. Eine nähere
Untersuchung der Hintergründe dieses Kurswechsels ergab, daß James in
einen Loyalitätskonflikt zwischen den Normen „guter
wissenschaftlicher Praxis“ und seinen politischen Bindungen geraten
war. Großbritanniens Premierminister Tony Blair hatte gerade eine große
Kampagne zur Förderung der Gen-Branche gestartet, von der er sich
Impulse für die britische Wirtschaft erhoffte. Zur Beruhigung der
Verbraucher, die der Gennahrung immer noch mit Skepsis begegneten,
sollte die Oberste Behörde für Nahrungsmittelsicherheit einen neuen
Leiter erhalten, dem man einen Vertrauensbonus zuerkannte. Philip James
erschien als der geeignete Kandidat für diese Aufgabe. Die Entdeckung
von Pusztai kam für Tony Blair (und für Philip James, der es aber
nicht sofort begriffen hatte) zur Unzeit. Offenbar war eine politische
Intervention „von oben“ notwendig, um James auf den Ernst der
Situation hinzuweisen. Daß man Pusztai im politischen Visier hatte, wurde
durch die Folgeereignisse hinreichend belegt. Im September 1998 mußte
Pusztai auf Wunsch der britischen Regierung eine EU-Forschungskommission
verlassen, in der er bisher als Chairman fungiert hatte. Es gab eine
„Krisensitzung“, in deren Verlauf Pusztai praktisch aus dem Raum
verwiesen und die Sitzung zum Befremden der übrigen Mitglieder unverzüglich
zu verlassen hatte. Pusztai rekurrierte nun auf die Normen korrekten
wissenschaftlichen Arbeitens und suchte Unterstützung durch andere
Forscher. Diese erhielt er auch. 23 Forscher aus verschiedenen
Laboratorien (u.a. Prof. Ian Pryme, Universität Bergen; Prof. Udo
Schumacher, Univ. Hamburg) verfaßten ein Memorandum, in dem sie die
Ergebnisse von Pusztai und sein Recht auf eine Publikation dieser
Ergebnisse verteidigten. 1999 erschien ein Artikel von Pusztai (zusammen
mit einem Koautor) in der Zeitschrift Lancet. Offenbar hatte es Widerstände
gegeben. Die Lancet Redaktion jedenfalls behauptete, insbesondere die
britische Royal Society habe Druck ausgeübt, um die Publikation zu
verhindern. Auch hier ergaben Nachforschungen der Medien, daß
involvierte Vertreter der Royal Society – wie z.B. Prof. Peter
Lachmann – über Beraterverträge an Biotech-Firmen gebunden waren.
Einer von Lachmanns bekannteren Leitsprüchen lautete: „Genfood is
safe“. Immerhin wurde der öffentliche Gegendruck auf das
Rowett Institut und seinen Leiter so groß, daß dieser seinen Stuhl räumen
und das Rowett verlassen mußte. Pusztai hat es nichts genutzt. Er wurde
formell nicht rehabilitiert und auch vom Rowett Institut nicht wieder
eingestellt. Er remigrierte nach Ungarn, von wo er 1956 geflohen war.
Mittlerweile hat er Stellenangebote von verschiedenen Institutionen,
darunter allerdings keine aus England. Auch aus seinen Befunden wurden
keine Lehren gezogen. Die experimentellen Standards für die Zulassung
gentechnisch veränderter Pflanzen wurden nicht verschärft;
Tierexperimente sind weiterhin nicht vorgeschrieben. Werden sie dennoch
gemacht, sind die Ergebnisse nicht entscheidend für die Zulassung. Da
sie nicht verlangt werden, muß über negative Befunde nicht berichtet
werden. So wurde z.B. eine genetisch veränderte Tomate zugelassen,
obwohl in einem Testprotokoll des Labors festgehalten ist, daß die Mägen
von 4 (von insgesamt 20) Ratten nach der Verfütterung große
Gewebszerstörungen aufwiesen. Was kann man daraus schließen? Natürlich gibt es
politischen Druck auf die Wissenschaft und ökonomische Interessen
schlagen zuweilen hart durch. Aber die größte Gefahr droht der
Wissenschaft nicht von direkten Einmischungsversuchen der Politik oder
der Wirtschaft, sondern von jenen unter ihren eigenen Vertretern, die
sich auf die Forderungen von Politik und Wirtschaft (scheinbar zum
eigenen Vorteil) einlassen, manchmal ohne zu merken, daß sie damit
wissenschaftsfremde Maßstäbe akzeptieren und die Funktionsweise des
Subsystems Wissenschaft, die gerade von der Spannung zu den Standards
anderer Subsysteme lebt, gefährden. Die historischen Erfahrungen
zeigen, daß die Wissenschaft zwar von außen „versucht“, aber nur
von innen korrumpiert werden kann. f) Die
Verletzung des Rechts an geistigem Eigentum Solange
wissenschaftliche Erkenntnis als kollektives Eigentum (in religiöser
Deutung: als System von Ideen im Geiste Gottes) gilt, braucht der
Beitrag des Einzelnen nicht festgehalten zu werden. Er ist ein weiterer
Tropfen im großen Ozean des Wissens, und nur dieser zählt. Noch im
Mittelalter war es gang und gäbe, eine von anderen übernommene Idee
nicht besonders zu kennzeichnen. Zitiert wurden vor allem die kirchlich
anerkannten Autoritäten: Aristoteles, Augustinus, Dionysios Areopagita,
der hl. Thomas usw., aber nicht der Kollege in der gleichen Fakultät
oder von der benachbarten Universität. Oft wurden lange Passagen aus
anderen Schriften kopiert, ohne dies besonders zu vermerken. Ein
Problem wird diese Praxis erst, wenn Wissenschaft zum Beruf und
Forschung teuer wird. Dann taucht das Problem der Zuschreibung von Beiträgen
zum Erkenntnisfortschritt auf. In einer Gesellschaft, die die
Wissenschaft als eigenes Subsystem institutionalisiert hat oder diese
gar als Leitinstitution ansieht, sollen diejenigen, die in dieser
Institution arbeiten, je nach ihren Leistungen ein unterschiedliches Maß
an Anerkennung finden. In der Wissenschaft findet diese Anerkennung in
einer besonderen Form statt, die sich mit dem, was Politiker unter einer
„Belohnung nach Leistung“ verstehen, nicht deckt. Auch
Wissenschaftler sind zumeist keine reinen Idealisten, doch tatsächlich
geht es ihnen nicht in erster Linie um ein hohes Einkommen, sondern um
die sichtbare Anerkennung ihrer Arbeit durch die Fachgemeinschaft, um
gute Forschungsbedingungen, um die Fortführung ihrer Arbeit durch Schüler
usw. Doch
was heißt in der Wissenschaft „sichtbare Anerkennung“? Natürlich
gibt es eine Vielzahl von Preisen, die für wissenschaftliche Leistungen
– zu Recht oder zu Unrecht – verliehen werden. Doch die Basis dieser
rituellen Formen der öffentlichen Anerkennung ist sehr unspektakulär.
Sie besteht darin, daß Wissenschaftler jene Arbeiten ihrer
Fachkollegen, die sie für ihre eigene Arbeit benutzt haben, zitieren.
Warum ist diese sichtbare Anerkennung für die Wissenschaftler so
wichtig? Der Soziologe Robert K. Merton hat vor vielen Jahren auf den
anomalen Charakter des wissenschaftlichen Eigentums hingewiesen (Merton
1979). In der Wissenschaft kann eine Idee erst dann einer Person
zugeschrieben werden, wenn sie der Fachgemeinschaft zur freien Verfügung
überlassen, also unentgeltlich „weggegeben“ wurde (bei
patentierbaren Ideen ist es anders). Als einzige Gegenleistung darf der
Urheber verlangen, daß man ihn als Quelle nennt, wenn sein Produkt
benutzt wird. Dies ist zunächst nur eine immaterielle Gegenleistung,
die aber den Bekanntheitsgrad und das Prestige des Betreffenden erhöht
und materielle Folgen haben kann (Preise, höheres Gehalt, höhere
Nebeneinkünfte, Autorität bzw. Macht in der Wissenschaft etc.). Die
Codes der Massenmedien, der Politik und der Wirtschaft fungieren hierbei
als sekundäre Steuerungsmedien der Wissenschaft. Zur Deformation der
Forschung führt dies dann, wenn einer dieser Sekundärcodes den Primärcode
der Wissenschaft zu verdrängen droht. Wenn
die Gegenleistung regelmäßig ausbleibt, also die Norm dauernd verletzt
wird, dann gerät das Verteilungssystem für Belohnungen in der
Wissenschaft aus den Fugen. Das gleiche gilt auch dann, wenn die Norm in
anderer Richtung verletzt wird, wenn also Personen nicht deshalb
zitiert werden, weil man ihre
Arbeiten benutzt hat, sondern
weil man sich vom Zitieren des Betreffenden einen Nutzen verspricht.
Dies ist das Problem des Mißbrauchs von Zitationen, wie es uns im Falle
von Zitierkartellen, der pflichtgemäßen Nennung höherrangiger
Forscher oder über Ressourcen gebietender Forschungsmanager, oder
einfach aufgrund der höheren Wahrscheinlichkeit des Zitierens bereits
bekannter Personen entgegentritt. Eine
der Ursachen der Verletzung von Eigentumsrechten liegt in der
politischen Struktur des internationalen Wissenschaftssystems. Während
es bis zum 2. Weltkrieg vorkam, daß bei europäisch-amerikanischen
Parallelforschungen die Amerikaner benachteiligt wurden, kehrten sich
die Verhältnisse nach 1945 tendenziell um. In einem langen Leserbrief
an die FAZ erbringt der Marburger Virologe Werner Slenczka den
detaillierten Nachweis, daß bei der Entdeckung und Erforschung des
sogenannten Marburg-Virus amerikanische Forscher die Priorität hiesigen
Forschern zukommt, obwohl sie im anglo-amerikanischen Sprachbereich
nicht bekannt oder anerkannt zu sein scheint (Slenczka 2002). Da auch
die meisten Literaturberichte und Lehrbücher von Amerikanern
geschrieben wurden, hat sich nach Slenczka in der betreffenden
Teilgemeinschaft der Wissenschaftler der Eindruck verfestigt, daß nicht
die Arbeitsgruppe von Rudolf Siegert in Marburg, sondern die Amerikaner
Kissling und Murphy von „Center for Disease Control“ in Atlanta und
der Engländer Simpson das Virus als erste isoliert hätten. Ärgerlich
sei, so Slenczka, daß „Murphy in den Vereinigten Staaten und Simpson
in England (…) nicht nur trotz, sondern wegen ihrer Lügenmärchen
Karriere machen (konnten). In Deutschland war das Interesse an diesem
Virus so gering, daß wir in Marburg erst im Jahre 1987, zwanzig Jahre
nach der Entdeckung des Erregers, ein angemessenes Sicherheitslabor
erhalten haben.“ Dies deutet darauf hin, daß die Verletzung von
Eigentumsinteressen in der Wissenschaft zwar auf persönlichen Motiven
beruhen mag, daß aber ihre Erfolgschancen auch von der politischen
Einbettung der Wissenschaft abhängen. In
einem Wissenschaftssystem, das das Recht auf geistiges Eigentum kennt,
ist das Plagiat verpönt oder gilt sogar als justiziables Vergehen. Das
Beispiel zeigt jedoch, daß es in der Praxis zuweilen nicht leicht ist,
das Recht auf geistiges Eigentum auch durchzusetzen. Nicht nur bei der
Kennzeichnung direkter Zitate, auch beim Verweis auf die Arbeiten
anderer, denen die Priorität bei der Formulierung von Hypothesen und
Argumenten zukommt, zeigen Wissenschaftler oft mangelnde Sorgfalt. Eine
empirische Studie über Arbeiten zur Geschichte der Genetik hat gezeigt,
daß im Durchschnitt nur etwa 30% jener Quellen, die man zur Abdeckung
der dargebotenen Information idealerweise benötigen würde, tatsächlich
genannt sind – bei einer Varianz von 0% bis 64% (MacRoberts &
MacRoberts 1986, 166). In einer Zeit, in der man erwägt, Universitäten,
Fächer, Institute und Wissenschaftler auch über scientometrische
Indikatoren zu evaluieren, gewinnen diese Abweichungen der wirklichen
Zitationsmuster von den idealerweise – also durch Anwendung einer
korrekten Ethik des Zitierens – zu erwartenden geradezu eine
wissenschaftspolitische Dimension. Wenn systematische Meßfehler größer
sind als das „Signal“, das man eigentlich messen will, dann wird das
neue Steuerungs- und Verteilungsinstrument zu einer enormen
Fehlallokation von Mitteln führen. Eine
andere Form der Verletzung von Eigentumsrechten in der Wissenschaft ist
der Diebstahl von Forschungshardware. Einer der bekanntesten Skandale
der jüngsten Vergangenheit wurde durch den Vorwurf ausgelöst, der
amerikanische Aidsforscher Robert Gallo habe seinen Virusstamm von
seinem französischen Konkurrenten Luc Montagnier gestohlen. Der Vorwurf
der Fälschung von Forschungsergebnissen auf der Grundlage einer vorgetäuschten,
aber nicht vorhandenen Virusvariante schloß sich an (Tagesspiegel
1.6.1991; FAZ 27.5.1992).
Mittlerweile haben sich die Wogen der Kontroverse wieder geglättet
(vgl. auch Gallo 1991). Diese
Art des wissenschaftlichen Fehlverhaltens scheint so selten nicht zu
sein. Im Jahre 1999 gestand der Direktor des Max-Planck-Instituts für
Medizinische Forschung in Heidelberg, Peter Seeburg, daß er 1978 in
einem Labor der University of California eine Kolonie gentechnisch veränderter
Bakterien gestohlen hatte, die der Firma Genentech zu Millionengewinnen
verhalf (Blech 1999). Nach dem Bericht in DIE ZEIT beabsichtigt die
Max-Planck-Gesellschaft, den Fall zu untersuchen, wobei die Konsequenzen
„von der Abmahnung bis zur Kündigung“ reichen können. Ob es bis
heute Ergebnisse oder gar Konsequenzen gibt, ist mir nicht bekannt.
Angesichts der absehbaren Explosion der biotechnischen Forschung und
der damit verbundenen wirtschaftlichen Chancen kann man erwarten, daß
sich solche Fälle in der Zukunft häufen werden. 4.
Ein Ordnungsstatut für die
Wissenschaft? “Law
and Order” oder Anarchie? Die Wissenschaft laviert in der Frage eines bindenden
Normenkanons (Merton 1968; Spinner 1987) zwischen zwei gefährlichen
Klippen: sie kann zuviel erlauben und sie kann zuviel verbieten. In
beiden Fällen schädigt sie sich selbst. Wissenschaft braucht Freiheit,
um sich zu entfalten. Wie die Toleranz in der Demokratie hat jedoch auch
die Freiheit in der Wissenschaft Grenzen, wenn sie sich nicht selbst
negieren will. Ich möchte zunächst kurz die Konsequenzen
schildern, die ein Scheitern an jeder dieser beiden Klippen für die
Wissenschaft hätte. Die erste Klippe kann man auch die des
methodologischen Anarchismus oder Laisser-faire nennen. Toleriert die
Wissenschaft ein zu breites Spektrum an Unregelmäßigkeiten, dann ist
folgende Entwicklung abzusehen: -
die Zahl der Nachlässigkeiten steigt, weil es sich nicht lohnt,
sorgfältig zu arbeiten; -
die wechselseitigen Kontrollen werden noch schlechter als bisher
funktionieren, weil selbst nachgewiesene Fehler und Schludrigkeiten
keine Folgen für die Urheber haben; -
es kommt zu einer Zunahme des Gebrauchs methodisch fragwürdiger
bis abenteuerlicher Praktiken des Experimentierens, Argumentierens und
Präsentierens. Das Resultat dieser durch eine Politik des
Laisser-faire ermöglichten pathologischen Lerneffekte ist eine
Wissenschaft, die sich in einer Spirale wachsender sachlicher und
methodischer Inkompetenz abwärts bewegt, bis sie im Getümmel der
Politik und der Massenmedien angelangt und von diesen ununterscheidbar
geworden ist. Dies ist nicht polemisch gemeint. Für diesen Übergang läßt
sich ein klares Kriterium finden. In der Politik kommt es im Gegensatz
zur Wissenschaft nicht primär auf Wahrheit, sondern auf Macht,
Aushandlung von Interessen und Konsensfindung an. In den Massenmedien zählt
nicht die Güte einer Information, sondern ihre Aussicht, die
Aufmerksamkeit des Rezipienten zu erregen. In einigen Bereichen der
Wissenschaft (Klimaforschung, Risikobewertung, Intelligenzforschung,
Kernenergie etc.) sind wir nicht mehr weit von diesem Zustand einer
durch und durch politisierten Wissenschaft entfernt. Wissenschaft im
politisierten Zustand belohnt nicht mehr jene, die auf sorgfältiges, zähes
und beständiges Arbeiten, sauberes Experimentieren, das Erkennen und
Eliminieren von Fehlern, klares Argumentieren und eigenes Urteilen
setzen – wenn nötig auch gegen die Meinung der politischen Tugendwächter,
der Zeitgeistbeflissenen und der „scientific community“. Sie führt
im Gegenteil jene an die Spitze, die ein sicheres Gespür für neue
Trends haben, die die Fähigkeit besitzen, sich am schnellsten
anzupassen und sich auf die Woge des Zeitgeistes und der
Mehrheitsmeinung zu schwingen, die am geschicktesten manipulieren, am
schnellsten und häufigsten publizieren, die einflußreichsten Netzwerke
knüpfen und sich am effektvollsten in Szene setzen. Kommen wir zur zweiten Klippe, an der die
Wissenschaft scheitern kann. Ich nenne sie die Gefahr des
methodologischen Totalitarismus, in abgeschwächter Form: der
„Law-and-order-Wissenschaft“. Dieses Wissenschaftsideal geht davon
aus, daß es einen festen Katalog methodologischer Normen gibt und daß
man darüber hinaus zwischen guter und schlechter wissenschaftlicher
Praxis klar unterscheiden kann. Wer sich an die Regeln hält, ist zwar
zunächst nur ein gesetzestreuer oder normenkonformer Wissenschaftler.
Da die Befolgung der Normen der Wissenschaft aber die Voraussetzung des
wissenschaftlichen Fortschritts ist, hat er die
Chance, ein solider und vielleicht sogar ein guter Wissenschaftler
zu werden. Wer die Regeln verletzt, ist definitionsgemäß kein guter
Wissenschaftler. Solche Personen sollten sofort nach Erkennen ihrer
Verfehlungen mit passenden Sanktionen auf den Pfad der Tugend zurückgeführt
oder bei schweren Vergehen aus dem Wissenschaftssystem entfernt werden.
Um den Selbstreinigungsprozeß der Wissenschaft in Gang zu halten,
brauchen wir effektive Mechanismen der Kontrolle – eine möglichst große
Gruppe von Wächtern oder „whistle-blowers“ (andere würden sagen:
Spitzel und Denunzianten) – die ihren Kollegen auf die Finger sehen
und vermeintliche Verfehlungen an Standesgerichte melden, und zwar bevor
sie ihren Niederschlag im Publikationssystem gefunden haben. Man sieht bereits an dieser kurzen Schilderung die
Problematik dieses Vorschlags. Ich greife nur drei der zentralen Punkte
auf. 1) Daß das wachsame Auge des Institutsleiters und
seine regelmäßige Anwesenheit die Arbeitsgruppen in seinem Labor zu größerer
Sorgfalt motivieren und möglicherweise manche Nachlässigkeit
verhindern kann, darf man annehmen (Goodman 1997) – solange nicht, wie
im Falle Sir Cyril Burts, gerade der Chef der Fälscher ist. Doch wie sähe
ein Wissenschaftssystem aus, in dem die wechselseitigen Kontrollen zur
Durchsetzung eines festen Regelwerks perfekt funktionieren? Vielleicht
so ähnlich wie eine modifizierte und modernisierte Version von Orwells
utopischer Welt des Jahres 1984. Natürlich wären die ausgesprochenen
Sanktionen milder als im Orwellschen Überwachungsstaat, aber in einem
Punkt bestünde Übereinstimmung: das Ergebnis, also der Ertrag der
wissenschaftlichen Arbeit insgesamt wäre suboptimal. Die Hauptaufgabe
des Systems bestünde in der Verwaltung und kognitiven Rationalisierung
des Mangels, in unserem Fall des Mangels an neuen Ideen. Dafür gibt es
verschiedene Gründe. a) Die Kontrolle anderer ist nicht sonderlich
kreativ, sondern hält insbesondere kreative Geister von eigener schöpferischer
Tätigkeit ab. Wer einen Teil seiner Arbeit damit verbringt, die
Experimente anderer zu replizieren, zu kontrollieren und zu begutachten,
kann diese Zeit nicht zur Verfolgung der eigenen Ziele nutzen. Dies
schließt nicht aus, daß sich weniger Kreative von der Beobachtung
ihrer einfallsreicheren Kollegen zu frischen Taten angespornt fühlen
können. b) Kontrollierbarkeit in Permanenz setzt sozusagen
das „gläserne Labor“, das transparente Laborbuch, das öffentliche
Arbeitszimmer voraus. Doch wer sich permanent ins Reagenzglas oder auf
die Tasten schauen lassen muß, gibt vorzeitig Informationen preis, die
andere benutzen können, um ihn zu überholen oder auszustechen. Im
gleichen Zuge erhält er natürlich auch Informationen, indem er andere
beobachtet. Doch Gewinne und Verluste verhalten sich im allgemeinen
nicht symmetrisch. Psychologisch ist diese Situation insbesondere für
die kreativsten Forscher schwer zu ertragen. Vor allem sie müssen fürchten,
daß ihre Ideen gestohlen werden. Um dies zu verhindern, werden die
Beobachteten neue Strategien der Selbstinszenierung entwickeln, die den
Beobachtern eher ein gewolltes als ein wahrheitsgetreues Bild
vermitteln. Das beobachtete oder „gestörte“ System verhält sich
anders als das unbeobachtete oder „ungestörte“. Die Hoffnung, daß
ein Maximum an Transparenz für die Wissenschaft insgesamt funktional
sein könnte, weil sie das Tempo des Informationsaustauschs und damit
des wissenschaftlichen Fortschritts beschleunigt, wird sich nicht erfüllen.
Dies ist das Problem vieler Vorschläge, die die Zahl der Betrugsfälle
in der Wissenschaft durch stärkere Kontrollen verringern wollen. c) Wer die Kontrollen übertreibt oder den
Kontrolleuren zuviel Macht einräumt, schädigt die Wissenschaft. Ich
erinnere an die Baltimore-Affäre, in deren Verlauf zumindest drei
wissenschaftliche Karrieren schwer geschädigt oder faktisch beendet
wurden: die der Anklägerin, deren Behauptung falsch war, die der
Beschuldigten, die den Anschluß an die Forschung verlor, und die des
Chefs und Koautors der Beschuldigten, David Baltimore, ein ehemaliger
Nobelpreis-träger, dessen Ruf schwer gelitten hat und der als Präsident
der Rockefeller University zurücktreten mußte. Die Aufklärung des
„Falles Baltimore“ dauerte fast zehn Jahre und kostete etliche
Millionen Dollar (Kevles 1996; Kevles 2000; E. P. Fischer 2000). Falsche
Anschuldigungen von Forschern, die sich bei näherer Untersuchung als
haltlos erweisen, führen in jedem Fall zu einer starken Belastung ihrer
Arbeit und hinterlassen nicht selten schmerzhafte Narben (Goodman 1997). 2) Der Kern des Problems liegt jedoch an anderer
Stelle. Der Idee einer durch einen festen Kanon an Regeln gesteuerten
Wissenschaft fehlt die Basis. Weder die Wissenschaftstheoretiker noch
die Wissenschaftler selbst waren bisher in der Lage, das gewünschte
Normensystem zu finden. Die Geschichte der Wissenschaften läßt
vermuten, daß ein solcher Kanon methodologischer Normen, dessen
Beachtung eine notwendige (und vielleicht sogar hinreichende) Bedingung
für Erkenntnisfortschritt wäre, nicht existiert. Dieser Punkt ist sehr komplex, die vorgetragenen
Argumente sind teilweise sehr subtil und nur anhand detailliert zu
schildernder Episoden der Wissenschaftsgeschichte zu verstehen (Kuhn
1967; Feyerabend 1976; Donovan 1988, Fischer 1995). Selbst wenn man die
Übertreibungen der konstruktivistischen Ethnographie der Wissenschaft (Latour
& Woolgar 1979; Gilbert & Mulkay 1984) in Rechnung stellt, kann
man zusammenfassend vielleicht folgendes sagen. Soweit die diskutierten
Kriterien nicht logisch defekt waren oder nur in Modellwelten
funktionierten, zeigte sich bei ihrer Anwendung auf die Geschichte der
real existierenden Wissenschaften, daß keines von ihnen in der Lage
gewesen wäre, die erfolgreiche Praxis der Wissenschaften insgesamt
anzuleiten und abzudecken. Manchmal hat derjenige Erfolg, der stur einer
scheinbar verrückten Idee folgt, manchmal der, der an einer scheinbar
überholten Theorie ungeachtet ihrer Schwierigkeiten festhält. Zuweilen
belohnt die Wissenschaft der Zukunft denjenigen, der einer winzigen
Abweichung zwischen Prognose und Resultat nachgeht, zuweilen aber auch
den, der massive widersprechende Evidenz ignoriert, weil er Meßfehler
oder das Einwirken unerkannter verfälschender Faktoren vermutet. Immer
zeigt erst die Zukunft, wer die klügere Wette abgeschlossen bzw. den
besseren Forscherinstinkt oder Realitätssinn bewiesen hatte. 3) Wenn wir der Wissenschaft, vielleicht aus
Unkenntnis ihrer Geschichte, einen festen Methodenkanon unterstellen,
dann verwandeln wir sie in einen Sündenpfuhl. Von Ptolemäus über
Kopernikus, Galilei, Newton, Pasteur, Mendel, Darwin, Millikan bis
Einstein – die Großen der Wissenschaft waren dann allesamt betrogene
Betrüger, und wer noch nicht entlarvt ist, hatte sich vermutlich nur
geschickter im Täuschen von Zeitgenossen und Nachwelt angestellt als
andere. Einzig Aristoteles bleibt uns als Monument wissenschaftlicher
Grandeur erhalten, doch wie weit dies sein Verdienst ist, bleibt unklar.
Da fast alle Schriften seiner Vorläufer verloren sind, können wir
nicht mehr feststellen, von wem er abgeschrieben hat. Es gibt verschiedene Strategien, auf diese Analyse zu
reagieren. Man könnte zum Beispiel sagen, daß die Verfehlungen der
Genannten unwesentlich sind, weil sie an ihren Hauptleistungen nichts ändern.
Diese Argumentation würde Friedhelm Herrmann gefallen. Wenn von seinen
500 Publikationen nur 94 manipulierte Daten enthielten (Task Force F. H.
2001), so waren 406 in Ordnung – und dies ist schließlich eine ganz
ordentliche Zahl, die nur wenige erreichen – „Ehrenautoren“ einmal
ausgenommen. Im Falle der genannten Koryphäen neuzeitlicher
Wissenschaft ist die Sachlage anders. Was wäre, wenn die angeblichen
Verfehlungen eines Kopernikus oder Galilei für ihre Hauptleistungen
durchaus nicht unwesentlich sind, sondern in innerem Zusammenhang mit
diesen stehen. Wenn dies richtig ist, dann wäre es inädaquat zu sagen,
die Verfehlungen der Genannten würden zeigen, daß sie eben noch keine
perfekten Wissenschaftler waren. Es wäre inadäquat, darüber zu
spekulieren, was die Betreffenden hätten leisten können, wenn sie den
Regeln korrekten wissenschaftlichen Arbeitens gefolgt wären. Anders
gesagt, es könnte sich als unmöglich erweisen, Kopernikus (Galilei,
Newton ...) den Fälscher von Kopernikus (...) dem guten Wissenschaftler
zu trennen. Bevor wir die Gründer des neuzeitlichen Weltbildes als Fälscher
abstempeln (Schürmann 1989), sollten wir zuerst der Vermutung
nachgehen, daß die Forschungsmethoden der Betreffenden, die zu ihren
(vom heutigen Blickwinkel aus gesehen) fragwürdigen Entscheidungen und
Ergebnissen geführt hatten, auch für ihren Erfolg wesentlich gewesen
sein könnten. 5.
Wo liegen die Ursachen und
Gründe für wissenschaftliche Normverletzungen? Über Betrug in der Wissenschaft wird heute viel
geredet, doch es ist lehrreich, sich die Dimensionen des Problems in
vergleichender Perspektive zu vergegenwärtigen. Die Zahlen sprechen dafür,
daß das Problem insgesamt überschätzt wird – sofern man über
direkte, unverblümte Fälschungen redet (Shafir & Kennedy 1998).
Das amerikanische Office for Research Integrity, das sich dem Verhalten
der Drittmittelempfänger des National Institute of Health widmet,
erhielt zwischen 1993 und 1997 1000 Hinweise auf wissenschaftliches
Fehlverhalten. 150 Verfahren wurden inzwischen abgeschlossen, 76 davon
mit positivem Ergebnis. Die Zahl der Geldempfänger in dieser Periode
betrug 150.000 (Abbott 1999). Hinter der Zahl der bekannten Missetäter
verbirgt sich allerdings eine Dunkelziffer, über deren Größe die Schätzungen
weit auseinandergehen. Über Ideenklau und den Mißbrauch von
Vertrauensstellungen (Gutachter) wird zumeist nur unter der Hand
geredet; entsprechende Vergehen werden, wenn überhaupt, intern
geregelt. Nach amerikanischen Befragungen ist die Bereitschaft von
Forschern, gewisse Formen des Fehlverhaltens bei Kollegen zu tolerieren
oder sie auf Anweisung des Instituts- oder Laborleiters selbst zu
begehen, beängstigend groß (Broad & Wade 1984, 100). Auch die
„kleinen Fouls“, wie Mehrfachveröffentlichung der gleichen Daten in
verschiedenen Zeitschriften oder des gleichen Artikels in verschiedenen
Nationalsprachen, „Salamitaktik“ beim Publizieren, Nachlässigkeit
der Angabe von geistigen Gläubigern kommen häufiger vor als erwartet (Rögener
1998). Andererseits gibt es auch legitime Formen von gestückelter oder
Mehrfachveröffentlichung. Interessanterweise sind die Fälle wissenschaftlichen
Fehlverhaltens statistisch nicht gleichmäßig verteilt, sondern zeigen
eine eigentümliche, aber nicht zufällige Affinität zu bestimmten
Forschungsbereichen. Die meisten Fälle gibt es in den
Biowissenschaften, vor allem in der Medizin, die wenigsten in der
Astronomie/Astrophysik und der Mathematik. Es ist zu vermuten, daß die geringe Zahl von
bestimmter Typen des Betruges in der Astronomie nicht nur ein
statistisches Phänomen ist, das auf die sehr viel größere Zahl von
Biomedizinern im Vergleich zu Astronomen zurückgeht, sondern daß sie
etwas mit dem Charakter des Faches zu tun hat. Zunächst ist der
Gegenstandsbereich der Astronomie klar definiert (Harwit 1983), die Zahl
der Phänomene ist begrenzt, die Methoden weitgehend standardisiert, die
Objekte lassen sich nicht manipulieren, es gibt eine überschaubare Zahl
von Observatorien, die in ständigem Kontakt stehen und ihre Messungen
im Bedarfsfall koordinieren. Eine Entdeckung läßt sich im Zweifelsfall
in sehr kurzer Zeit mit anderen Instrumenten überprüfen. Es gibt nur
wenige kurzzeitige Phänomene wie Röntgenblitze und Gammastrahlenausbrüche,
bei denen man im Prinzip einen Fälschungsverdacht erheben könnte, wenn
jemand entsprechende Messungen behauptet. Natürlich lassen sich
astrophysikalische Phänomene verschieden interpretieren, aber falsche
empirische Behauptungen hätten vermutlich nur kurzfristig Erfolg, der
Urheber würde sich schnell unglaubwürdig machen. Andere Formen
wissenschaftlicher Verfehlung, wie die Benachteiligung der Vertreter
abweichender Theorien (siehe Halton C. Arp und Fred Hoyle), kommen
dagegen in Astronomie und Astrophysik ebenso häufig vor wie anderswo (Arp
1987; Wade 1975). Ähnliches könnte man vielleicht für die
Hochenergiephysik sagen (Graßmann 1997). Noch ein anderer Umstand spricht dafür, daß nicht
alle Wissenschaften gleichermaßen für alle Formen des Betrugs anfällig
sind: die Nähe zur Ökonomie, also die wirtschaftliche Verwertbarkeit
der Ergebnisse. So ist zum Beispiel der ökonomische Nutzen der
Astronomie begrenzt – zumindest seit wir Atomuhren haben. Astronomie
ist Grundlagenforschung. Die Vermischung ökonomischer und
wissenschaftlicher Interessen, wie sie in den Biowissenschaften immer
mehr üblich ist, spielt in der Astronomie so gut wie keine Rolle. Auch
Astrophysik ist noch Grundlagenforschung. Ob die Raumfahrttechnologie
jemals so weit kommt, daß sich die wirtschaftliche Nutzung anderer
Himmelskörper lohnt, steht noch in den Sternen. Andere Faktoren, die wissenschaftliches Fehlverhalten
begünstigen, sind bekannt und werden auch in der Denkschrift der DFG
genannt: a) Wachsender Konkurrenzdruck zwischen den
Wissenschaftern beim Kampf um knappe Drittmittel; b) weiterhin steigender Publikationsdruck, der dazu führt,
nicht nur sachlich redundante Papers zu veröffentlichen und auf der
Suche nach der kleinsten publizierbaren Einheit die Salami-Taktik als
probates Mittel zur Aufblähung der eigenen Publikationsliste zu
entdecken, sondern auch einmal frei Erfundenes zu präsentieren – um
im Gespräch zu bleiben und den Erwartungen der Zunftkollegen oder der
Forschungsförderer zu genügen. Die DFG empfiehlt in ihrer Denkschrift (DFG 1998)
allen Berufungskommissionen und Gutachtergremien, nicht mehr die Länge
der Publikationsliste, sondern die Qualität der fünf besten Artikel
von Bewerbern oder Antragstellern zum ausschlaggebenden Kriterium der
Entscheidung zu machen. Ein kluger Vorschlag, der nicht nur die
Informationskanäle der Wissenschaft entlasten könnte, sondern auch
einem der Motive für Betrug den Boden entziehen könnte. 6.
Schäden durch
wissenschaftliches Fehlverhalten So schädlich der offene Betrug oder die kleine
Gaunerei für die Wissenschaft sind, so droht der Wissenschaft von einer
anderen Seite eine viel größere Gefahr. Schädlicher als der kleine
Gauner, der sich Publikationen oder Drittmittel durch Lügen
erschwindelt, ja sogar schädlicher als der Schurke, der sich durch gefälschte
Daten Hunderttausende an Drittmitteln erschleicht, sind
innovations-hemmende soziale Strukturen der Wissenschaft, die Bildung
von Oligarchien und Gefälligkeitsnetzwerken, die zur unsichtbaren
Fehlverteilung von Forschungsmitteln in großem Maßstab und zur
Ausgrenzung hochinnovativer Wissenschaftler und unkonventioneller
junger Talente führen. Nicht der manifeste Betrug einzelner schädigt
die Wissenschaft am stärksten, sondern die mehr oder weniger subtile
Interessenpolitik ihrer Standesvertreter, die sich insbesondere in
Fehlfunktionen des Peer-Review System bemerkbar macht (dazu auch
DiTrocchio 1995, Kap. II.3.). Noch gefährlicher wird diese
Interessenpolitik für die Wissenschaft, wenn sie im Verein mit
Inkompetenz auftritt. Wenn zur Interessenpolitik mittels extensiver
Gutachtertätigkeit, Nepotismus und Klüngelei noch die zum
Wissenschaftsbetrug führende kriminelle Energie hinzutritt, wie im
Falle von Friedhelm Herrmann, sind die Konsequenzen verheerend. Hierin,
nicht in der Erfindung von Daten und der Manipulation einiger
Abbildungen, besteht der wahre Skandal der Affäre Herrmann & Brach. Literatur Abbott,
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33 [1]
Dabei sollte man bei Leukämie vielleicht eher an eine Gefährdung
durch Benzol denken, aber dies interessiert zur Zeit kaum jemanden.
Allein in Deutschland werden pro Jahr ca. 2,5 Mio. Tonnen davon
produziert. [2] Gesellschaft als makrosoziales Subsystem ist nicht das gleiche wie die das, was man üblicherweise „Die Gesellschaft“ nennt. Letztere ist in unserer Diktion identisch mit dem Makrosystem. Gesellschaft als Subsystem meint die Primärgruppen, die mikrosozialen Beziehungsgeflechte, in denen Menschen in direkter Weise miteinander umgehen: Familie, Schulklasse, Betriebsabteilung, Freundschaftszirkel, aber auch flüchtigere Formen alltäglicher Interaktionen. In der Überschrift „Der Forscher als soziales Wesen“ ist nicht der Umstand gemeint, daß der Forscher in mikrosoziale Bezüge verwickelt ist, sondern daß er als Teil eines Makrosystems mit allen Subsystemen (auch mit dem sozialen, der „Gesellschaft“) verbunden ist. [3] Mannigfaltige Beispiele für alle genannten Konflikte findet der Leser in den Tageszeitungen oder in den populären Massenmedien, wobei im Falle der letzteren auf die Gefahr einer doppelten Brechung der kommunizierten Beispiele zu verweisen ist - indem nämlich vornehmlich über jene Fälle berichtet wird, die die geforderte Aufmerksamkeitsschwelle überschritten haben. [4]
Die folgenden Informationen stammen aus einer Dokumentation von
Thomas Liesen, die unter dem Titel „Risiko Genfood. Der Fall Arpad
Pusztai“ im Jahr 2000 vom Westdeutschen Rundfunk ausgestrahlt
wurde. Ich habe den Fall bereits in einem andern Aufsatz behandelt
(vgl. Fischer 2003b, 73f. Weitere Beispiele findet der Leser in:
Brian Martin, Suppression Stories, Wollongong 1997). |
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