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Vorwort Oberstudiendirektor Dr. Winfried Holzapfel |
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Sehr geehrte Damen und Herren, der amerikanische Philosoph Francis Fukuyama beschreibt in seinem neuen Buch „Das Ende des Menschen“ die Dringlichkeit politischer Kontrollen zur Umsetzung eines verantwortlichen Umgangs mit den Ergebnissen der biotechnologischen Forschung. Er vertritt ausdrücklich die These, daß die Aufstellung von Regeln nicht der Selbstkontrolle der Wissenschaftler überlassen bleiben dürfe. Die Wissenschaftler seien anfällig für Entscheidungen aus Ehrgeiz oder Geldgier. Unter der Fahne der menschlichen Freiheit griffen viele nach der Macht, den Wesenskern des Menschen im Laufe der Zeit zu verändern. Sie wollten die Freiheit von Eltern maximieren, sich die Gestalt ihrer Kinder auszuwählen, desgleichen die Freiheit von Wissenschaftlern, Forschungen voranzutreiben, und die Freiheit von Unternehmern sich einer Technologie zu bedienen, um reich zu werden.
Wer alles aufgrund von Liberalität der freien Entwicklung überlassen wolle, handele möglicherweise so, daß er die in Jahrhunderten gewonnenen und erkämpften Natur– und Menschenrechte abschaffe. Nach Fukuyama sind Kontrollinstanzen nötig. Dies widerspricht seiner Meinung nach der gegenwärtig als Weisheit empfundenen Überlegung, möglichst Deregulierungsprozesse zu initiieren, nur scheinbar. Wenn wir beim heutigen Forum die Frage der Ethik in den Wissenschaften aufwerfen, so kommen sicherlich auch vor dem Hintergrund der soeben dargestellten möglichen Entwicklungen Fragen auf und wir können ein Stück weit erkennen, wie sich die Bundesrepublik Deutschland in Forschung und Wissenschaft auf diese Fragen einstellt und wie sie biotechnologischen Neuerungen entgegentritt bzw. die Auseinandersetzungen über die biotechnologischen Neuerungen führt. Angesichts der schwierigen Problematik ist es besonders gut, daß mit Frau Professor Dr. Engels die Sprecherin eines Institutes eingeladen ist, das sich gerade mit Fragen der Ethik in den Wissenschaften beschäftigt. Zugleich sind Sie, sehr geehrte Frau Engels, Mitglied des nationalen Ethikrates. Man kann an Ihren verschiedenen Funktionen ablesen, daß in der Bundesrepublik Deutschland Institutionen eingerichtet sind, die sich der oben aufgeworfenen Fragen annehmen. Diese Einrichtungen arbeiten im Auftrag von Wissenschaft und Politik, sie arbeiten in der Institution Wissenschaft und mit dem Gesetzgeber zusammen bzw. diesem zu, der ja auch mit dem Embryonenschutzgesetz aus dem Jahre 1990 schon klare Regelungen getroffen hat. Sicherlich ergeben sich in der Diskussion neben Fragen nach der Legitimität von Forschungen auch Fragen nach der Praktikabilität und dem Sinn nationaler Entscheidungen angesichts der noch vorhandenen Uneinigkeit auf internationaler Ebene. Das IZEW, das Internationale Zentrum für Ethik in den Wissenschaften, dessen Aufgaben Sie uns gleich darstellen werden, kann uns dabei Analogon sein für andere Institutionen und Regelungsinstitutionen - nach Charakter, Kompetenz und Handlungsweise. So erwarten wir Ihren Eröffnungsvortrag mit großer Spannung. Wenn sich – wie soeben gezeigt - ethische Fragen als Aufgaben von Institutionen und Wissenschaftlern – als eine Art Bereichs- und Orientierungsfragen – definieren lassen, die ihren Ort in einem wissenschaftlichen Gremium oder einer politischen Institution haben, und dementsprechend ein sozusagen objektives Gewicht bekommen, so darf darüber die subjektive Seite des Wissenschaftlers nicht übersehen werden, der in seiner Eigenschaft als Forscher ethischen Prinzipien verpflichtet ist oder vielleicht ein Berufsethos hat. Zufällig sah ich kürzlich im Fernsehen zur mitternächtlichen Stunde ein altes Interview oder einen Film über Karl Jaspers, der nur Karl Jaspers in einem Stuhl oder in einem Sessel sitzend zeigte und immer wieder vor allem den weißhaarigen Gelehrtenkopf ins Bild rückte. Es war ein Zusammenschnitt von Antworten auf Fragen, wobei aber die Fragestellung selbst nicht, sondern nur die Antworten eingeblendet waren, so daß sich ein langer, diskontinuierlicher Monolog ergab (diskontinuierlich, weil er von den im Film ausgeblendeten Fragen unterbrochen wurde und neue Anstöße und Richtungsänderungen erhielt). An einer Stelle sagte dieser weißhaarige Kopf mit großer Emphase, daß der Wissenschaftler der Wahrheit verpflichtet sei und nur der Wahrheit. Colorandi causa möchte ich aus diesem Interviewteil einige kurze Passagen wörtlich wiedergeben: "Da gehöre ich (- als Student und Professor an der Universität -) einer Gemeinschaft an, die mich nicht bindet an Staat und dergleichen, sondern da gehöre ich der Gemeinschaft an, die nichts will als bedingungslos und uneingeschränkt Wahrheit" .. "Ich kam zunächst nach Heidelberg, im Herbst 1901, 1902 ging ich nach München, dann nach Berlin, dann nach Göttingen. In Göttingen blieb ich jahrelang um zu arbeiten. Göttingen ist die eigentümliche Luft, in der man nüchtern einfach tätig ist und lernen soll und will, während in München meine Beschäftigung mit der Schwabinger Welt intensiver war als mit der Universität, aber nur ein Semester" ... "Die einzige (Universität), die einen Adel hat, ist Heidelberg, das habe ich ein Semester erlebt, da geht es merkwürdig zu. In Heidelberg nämlich kommen alle Völker zusammen. Das ist eine europäische Luft. Da gibt es Leute, die wie Max Weber zwar nicht lehren, aber gleichsam anwesend sind, und andere, von so hohem Niveau, von so einer Dimension einer Geistigkeit, die über die bloße Wissenschaft noch hinausgeht. Dort gibt es die merkwürdigsten Leut' aus aller Welt, die da zusammenkommen. Besonders die Zeit vor 1914. Da gibt es die vielen Russen, Revolutionäre, die dort ihre Gruppen bildeten, eigene Bibliotheken hatten, eine große Rolle spielten, wegen ihres überlegenen Geistes. Dann gab es Amerikaner. Da kamen aus aller Welt die Leute. Man fühlte sich in Deutschland weit über Deutschland hinaus. Und diese Luft war schwer zu schildern. Ich habe es mal irgendwo gedruckt. Als ob man einen Meter über dem Boden lebe. In der Luft schwebe. Mit der Bevölkerung hat das kaum einer Zusammenhang" ... "Es ist etwas, als ob es sich hier um die Menschheit handele und als ob hier quer durch die Fakultäten hindurch die Professoren sich träfen, in Gesprächen trotz aller Spezialisierung auf ein Ganzes gerichtet, mit merkwürdig ausgeweiteten Interessen, mit einer merkwürdigen Beteiligung einer ganzen Anzahl von Frauen. Die Gattinen der Professoren, natürlich nur ein kleiner Teil, spielten in dieser geistigen Welt eine wesentliche Rolle"... "Dieses Bewußtsein der Universität, das mich so ganz durchdrang, schon als Student, dann als Professor, als ob dies hier wie ein Märchenland sei. Vom Staate eingerichtet, vom Staate gewollt, etwas Staatsunabhängiges, Überstaatliches, etwas vom Staat, in dem man, anständig bezahlt, bescheiden leben kann, man muss keine großen Ansprüche stellen. Man kann in der Welt viel mehr erreichen, aber wenn man das in Kauf nimmt, dann so frei ist, wie nirgends in der Welt sonst. Niemand erteilt einem Weisungen. Die Weisungen, was man tun soll, kommen von einem selber, die ganze Verantwortung liegt bei uns. Also etwas an Freiheit und Weite Unvergleichliches, ein Märchen in unserer Zeit."
So empfand Jaspers. Die aura academica durchzitterte den Weißhaarigen. Wie heute Wissenschaftler dieses Forschungsprinzip – die Verpflichtung zu Wahrheit und Wahrhaftigkeit - , das zugleich ein sittliches ist, umsetzen, ob sie dagegen verstoßen, ob sie vielleicht auch in Zwangslagen gebracht werden durch das Forschungs- und Erkenntnisinteresse anderer, mag beim Vortrag von Herrn Professor Dr. Fischer eine Rolle spielen. Der Wahrheit, die es zu entdecken bzw. zu enthüllen gilt, korrespondieren auf der Seite des forschenden Subjekts Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit als Kardinaltugenden des akademischen Lehrers. So scheint es leicht, denjenigen zu verurteilen, der aus niederen Motiven Täuschung und Betrug betreibt, z. B. Erfolge anderer als seine ausgibt: Wie ist es aber mit dem Fähigen, der – wie oben angedeutet – aufgrund politischer Verbote nicht forschen darf, soll er, der der Wahrheit verpflichtet ist, aufhören zu forschen, obwohl er sich der Wahrheit weiter nähern könnte? Wir werden sehen, daß es auch auf der subjektiven Seite von Ethik viele Themen gibt, deren Brisanz manchmal unterschätzt wird. Zur Universität gehören die Studenten – wir haben es bei Jaspers gehört (und wissen es natürlich auch selbst). Die Universität als „Alma Mater“ nährt nicht nur die Lehrenden, sondern auch die Lernenden (wenn auch nicht in jeder Hinsicht in der gleichen Weise). In Deutschland erleben rund zwei Millionen Studenten Wissenschaftler und Wissenschaften. Sie bilden sich an den Hochschulen in Studiengängen. Sie bereiten sich auf „erste und zweite berufsqualifizierende Studienabschlüsse“ vor. In weniger Fällen streben sie eine akademische Laufbahn an. Die Gestaltung dieser Ausbildungswege obliegt nicht ihnen selbst. Neuerdings werden unter Mitwirkung von Akkreditierungsagenturen unter der Oberaufsicht eines Akkreditierungsrates neue Studiengänge entwickelt unter Fragestellungen, die sicherlich sehr wichtig sind. Dazu gehören Fragen des Studienprofils, der Qualität der Ausbildung, der internationalen Vergleichbarkeit und anderer Dinge, die vielleicht unter dem Begriff „Bologna-Prozeß“ oder dem neuen Schlagwort „Eliteuniversität“ zusammengefasst werden können. 2 Millionen Studenten mühen sich in 15 000 Studiengängen oder mehr: In welcher Weise werden sie ausgebildet? Neben der Berufsausbildung ist auch immer die Ausbildung der Person, des Charakters, also die sittliche Formung ein Thema dieser Lebensphase. In der Universität St. Gallen ist für die Ausbildung der Studierenden, für ihre Lehr- und Studienpläne, für die Entwicklung eines Konzepts mehrdimensionaler oder ganzheitlicher Ausbildung der Lernenden eigens ein Projektleiter zuständig. Soll heißen, sittliche Bildung will man dort nicht dem Zufall überlassen. Da sie aber auch nicht aufgestülpt werden kann oder durch Drill erzwungen werden sollte, sondern ein Ergebnis autonomer Entscheidung sein sollte, so interessiert besonders, wie dies erreicht werden kann. Wie freuen uns, daß Herr Dr. Spoun als Projektleiter der Neukonzeption der Lehre an der Universität St. Gallen der Einladung zum Forum gefolgt ist und wir über dieses Projekt mit ihm in einen Gedankenaustausch eintreten können. Denn es geht dabei bewußt und gewollt um den sittlichen Kern akademischer Ausbildung. Wir können gespannt sein auf die Vorträge, denn mit „Freiheit und Verantwortung in Forschung, Lehre und Studium - Die ethische Dimension der Wissenschaft“ haben wir – wie ich mit kurzen Worten und mit gedanklichen Anleihen bei Bedeutenderen darzulegen versuchte - ein Kernthema akademischer Professionalität formuliert.
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