1. Vorbemerkung
Das Thema "Universitäten und Fachhochschulen" - Leitgedanken zu einer künftigen Aufgabenteilung - ist kein dankbares Thema. Das meiste ist Insidern bekannt. Das Thema ist emotional stark belastet. Man liest immer wieder von den "Geburtsfehlern" der Fachhochschule, und sie sei den Universitäten nicht gleichwertig. Bei der Universität aber stolperte ich z.B. über das Wort des ehemaligen Vorsitzenden des Wissenschaftsrats, Dieter Simon (1991): "Die deutsche Universität ist im Kern verrottet. Sie bedarf einer Neuorientierung" (zitiert von Christoph Führ, vergleiche Fußnote 39). Das Thema ist auch sehr umfangreich. Der Verfasser sah sich genötigt, es holzschnittartig
anzugehen.
Das Thema geht davon aus, dass Universitäten und Fachhochschulen sich verändern werden und in eine neue - eben die künftige - Aufgabenstellung münden werden. Aber was heißt "künftig"? Sagen wir einmal die nächsten 15 - 20 Jahre. Wenn dann 2020 die Studienberechtigten- und Anfängerzahlen abrupt zurückgehen, wird sich die Bildungs-politik spätestens dem Thema in ganz anderer Form stellen müssen. Dieses Thema - sowohl, was das "Ist" wie auch was das "Soll" angeht - hat eine Vielzahl von sog. "bösartigen" Problemen zum Gegenstand, für die z.B. folgende Aspekte charakteristisch sind:
- Lösungen für bösartige Probleme lassen sich nicht berechnen,
- die Definition von "Ist" und "Soll" hängt von den Wertvorstellungen des Problemlösers ab,
- Lösungen für bösartige Probleme sind nie eindeutig richtig oder eindeutig falsch, manchmal scheinen es nur Lösungen zu sein,
- Lösungen lassen sich kaum auf die Lösung parallel erscheinender bösartiger Probleme übertragen, und
- die Folgen einer Problemlösung sind in der Regel irreversibel.
Wer die Problematik aus der Entwicklungsgeschichte der letzten 30 Jahre kennt, weiß, wie zutreffend diese Kategorisierungen sind. Zu diesen bösartigen Problemen zählen viele der nachfolgend angesprochenen Fragen, z.B. die Einführung von Bachelor, Master, die Juniorprofessur und die Abschaffung der Habilitation.
Trotzdem könnte man sich eigentlich bei dieser Themenstellung beruhigt zurücklehnen, denn die Beteiligten wissen, genau genommen ist für die künftige Aufgabenteilung bereits alles gesagt, die Weichen sind gestellt. Ich verweise - andere zahlreiche einschlägige Beschlüsse, Empfehlungen und Prognosen außer Acht lassend - auf z.B.
- die „Thesen des Wissenschaftsrats zur künftigen Entwicklung des Wissenschaftssystems in Deutschland" von 2000 (Hrsg. Wissenschaftsrat Köln 2000),
- die „Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur Entwicklung der Fachhochschulen" von 2002 (Hrsg. Wissenschaftsrat Köln 2002),
- Bericht zur Realisierung der Hochschulstrukturreform, Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) vom 01.03.1996,
- Bund - Länder - "Eckwertepapier" vom 05.05.1993
- Personalgewinnung an Fachhochschulen, Positionspapier der KMK vom 30.01.1998,
- Steigerung der Attraktivität des Studienstandorts Deutschland, hier: Internationale Bezeichnung der
Fachhochschulen, Beschluss vom 17./18.09.1998,
- Laufbahnrechtliche Zuordnung von Bachelor-/Bakkalaureus- und Master-/Magisterabschlüssen gem. § 19
HRG, Beschluss der KMK vom 14.04.2000,
- Strukturvorgaben für die Einführung von
Bachelor-/Bakkalaureus - und Master-/Magisterstudiengängen, Beschluss der KMK vom 05.03.1999 in der Fassung vom 14.12.2001, geändert durch KMK-Beschluss vom 17./18.10.2002,
- Vereinbarung "Zugang zu den Laufbahnen des höheren Dienstes durch Masterabschluss an Fachhochschulen", Beschluss der
Innenministerkonferenz vom 06.06.2002 und der KMK vom 24.05.2002.
Wenn man diese Thesen, Empfehlungen und Beschlüsse gelesen hat, dürfte alles für die künftige Aufgabenverteilung zwischen Universitäten und Fachhochschulen klar sein, so weit bei bösartigen Problemen je etwas klar ist. Die Ausführungen werden sich also teilweise auf eine Referierung dieser Vorgaben und der erkennbaren Fakten stützen. Allerdings vermute ich, auch für Insider gibt es da noch Überraschendes, und außerdem geht es darum, aus dem "Ist" und dem "Soll" dieser Verlautbarungen eine Beurteilung zu wagen.
2. Blickpunkte, Analysen
Ich verwies eingangs darauf, dass es sich hier um sog. bösartige Probleme handelt, deren Lösung risikobehaftet ist. Das lässt sich leicht belegen. Lassen Sie sich mit 3 Spots vertiefend in die Sachlage einführen:
1. Spot:
Insider in der Bundesrepublik verweisen darauf, dass alle beteiligten Gremien stets darauf abheben, die Aufgabenteilung zwischen Universitäten und Fachhochschulen sei z.B. auf der Grundlage obiger Empfehlungen und Beschlüsse völlig klar und werde fortbestehen. Aber tatsächlich, so wird ergänzt, führten diese Beschlüsse die beiden Einrichtungen immer mehr aufeinander zu, so dass die Unterschiedskriterien dahinschwinden würden. Man ahne, aber wisse doch nicht so genau, auf was das letztlich hinauslaufe.
2. Spot:
Roland Schmidt, der sich in einer kleinen Schrift mit der "Juristenausbildung an Fachhochschulen - Erfahrungen und Perspektiven" befasst hat, sieht die Weiterentwicklung des Hochschulsystems wie folgt:
"Diese Weiterentwicklung des Hochschulsystems hat bereits begonnen und verläuft zunächst in zwei getrennten Entwicklungslinien:
Die eine Entwicklungslinie wird gelegentlich - oft mit abwertend-polemischer Tendenz - auch als "Fachhoch-schulisierung" der Universitäten bezeichnet. Sie betrifft dort im wesentlichen den Bereich der berufs-feldbezogenen Studiengänge, zu denen insbesondere auch alle juristischen Studiengänge gehören - also genau den Bereich, in dem nach den Vorstellungen des Wissenschaftsrates in Zukunft eigentlich die Fachhoch-schulen den überwiegenden Teil der Ausbildungen übernehmen sollten. Diese "Fachhochschulisierung" der Universitäten findet ihren Ausdruck insbesondere in folgenden schrittweisen Veränderungen bzw. zunächst in entsprechenden hochschulpolitischen Forderungen:
- zunehmende Praxisorientierung der berufsfeldbe-zogenen Studiengänge,
- wesentliche Erhöhung der Curricularnormwerte auch für universitäre Studiengänge und damit Ermöglichung kleinerer Lehrveranstaltungsgruppen mit seminaristi-schem Unterrichtsstil,
- verstärkte Einführung studienbegleitender Prüfungen anstelle von punktuellen Abschlussprüfungen,
- zunehmender Verzicht auf die Habilitation als Berufungsvoraussetzung für Professoren,
- stattdessen: verstärkte Einführung der zusätzlichen Berufungsvoraussetzung einer mehrjährigen qualifi-zierten praktischen Berufserfahrung außerhalb des Hochschulbereiches (wie übrigens schon bisher bei Ingenieuren und Medizinern) und schließlich
- nicht unwesentliche Erhöhung der grundsätzlichen Lehrverpflichtung der Professoren; zugleich: Lehrentlastung für Forschung nur auf Antrag und befristet für nachweisbar betriebene konkrete Forschungsprojekte.
Die andere Entwicklungslinie betrifft Veränderungen im Bereich der Fachhochschulen - gewissermaßen ihre Universitätisierung -, die ebenfalls zum Teil schon begonnen haben, z.T. mit mehr oder weniger großer Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft bevorstehen:
- Gleichstellung der Absolventen von Fachhochschul-Studiengängen mit Universitätsabsolventen beim Zugang zum höheren öffentlichen Dienst,
- prinzipielle besoldungsrechtliche Gleichstellung von Fachhochschul-Professoren mit Universitäts-Professoren,
- Herabsetzung der viel zu hohen Lehrverpflichtung der Fachhochschul-Professoren,
- Umbenennung der Fachhochschulen, die schon jetzt zusätzlich die englische Bezeichnung "Universities of Applied Sciences" führen dürfen und auch tatsächlich führen, zunächst in "Hochschulen" (so die neueste Empfehlung des Wissenschaftsrates") und über kurz oder lang in "Universitäten", und schließlich
- Verleihung des Promotionsrechtes an diese dann Universitäten neuen Typs.
Wenn man nun diese beiden Entwicklungslinien im Zusammenhang betrachtet, wird deutlich, dass sich die beiden Hochschulbereiche aufeinander zu bewegen und sich jedenfalls im Bereich der berufsfeldorientierten Ausbildungsgänge gegenseitig weitgehend angleichen. Der logische Endpunkt dieser Entwicklung wird dann vermutlich die auch institutionelle Zusammenführung beider Systeme in einem erweiterten einheitlichen Universitätssystem sein. Und dieser Schritt würde dann vermutlich gar kein so großer politischer Kraftakt mehr sein. Vielmehr würde er sich für die meisten Beteiligten - auch in beiden bisherigen Hochschulsystemen selbst - geradezu anbieten."
3. Spot:
Bei unserer Fragestellung wird man auch - im europäischen Rahmen - etwas "benchmarking" machen müssen. Da bietet sich die Entwicklung im United Kingdom (UK) an.
Seit 1965 war das britische Hochschulwesen im dort sogenannten "binary system" geordnet. "Binary" heißt, dass es sich in Universitäten einerseits und andererseits in sonstige Institutionen, also vor allem die "polytechnics" und "teacher training colleges", aufteilte. Wobei die beiden letzteren sich an beruflichen und angewandten Ausbildungszielen ausrichteten und vom Lehrkörper keine wissenschaftliche Forschung - wenngleich nicht verboten - erwartet wurde. (Die Beziehung der 1965 gegründeten Polytechnics zu unseren 1968 gegründeten Fachhochschulen ist evident.) 1992 wurde das "binary system" mit dem "Further and Higher Education Act" abgeschafft. Die meisten Polytechnics und Trainer Colleges wurden "Universities". Sie wurden den bestehenden Universitäten gleichgestellt.
So wurden z.B. die meisten "senior teachers" Professoren, die Forschungsmittel werden seither im Wettbewerb aller Einrichtungen vergeben, alle Abschlussgrade gelten offiziell als gleich ("all degrees are equal").
1997 legte "the National Committee of Inquiry into Higher Education" - bekannt als Dearing Report - seinen Bericht vor, nach dem in diesem Punkt der erreichte Stand (z.B. von 176 Einrichtungen im Tertiärbereich hießen 115 Universitäten) vorläufig festgeschrieben werden sollte.
(Im übrigen ist der Dearing Report nicht ohne deutliche Auswirkungen auf die Thesen des Wissenschaftsrats zur Künftigen Entwicklung des Wissenschaftssystems in Deutschland geblieben.)
Mit dieser kompromisslosen Überleitung der meisten Polytechnics in Universitäten ist der Schritt getan, den Roland Schmidt für Deutschland prophezeit.
Richard F. Gombrich, ein Professor an der Universität Oxford, beurteilte in einem Vortrag im Januar 2000 in Tokyo diese Entwicklung sehr sarkastisch. Er sagt, mit Blick auf die massive Forderung, die Universitäten sollten verstärkt berufsorientiert für den Arbeitsmarkt ausbilden:
"I recognise that every country has an obligation to do this for its citizens as well as it can. I do, however, see a crucial difference between education and training, ..."
So viel zum Blick über den "Zaun" !
Aber was sagen uns die 3 Spots? Ich denke, sie legen die Problemlage offen und machen deutlich, um was es - auch - geht.
[...]
(fehlendes Material wird schnellstmöglich
ergänzt)
|