33. Bildungspolitisches Forum

 

Vorbild Amerika? 

Professor Dr. Erwin K. Scheuch, Universität Köln


1. Das geistige Umfeld gegenwärtiger Hochschuldiskussionen

"Aufhaltbarer Abstieg" überschrieb Peter Glotz, der früher für die sozialdemokratische Bildungspolitik mitverantwortlich war, seinen Aufsatz zur Hochschulpolitik Anfang September 2002 im Rheinischen Merkur. Nach langjähriger Erfahrung als Wissenschaftler im Hochschuldienst beklagt er eine erhebliche Unterfinanzierung der Universitäten. Seiner Beschreibung des jetzigen Zustandes wird kaum jemand widersprechen: "Die Universitäten sind überfüllt und unterfinanziert, es gibt zu wenig Fachhochschulen und zu wenig passionierte Hochschullehrer, die Schulen bilden, ihre Alumni pflegen und so über Jahre und Jahrzehnte einen geistigen Zusammenhang stiften" .

Seiner Diagnose, wegen der mangelnden Eignung der jetzigen Versuche sei der Abstieg der Hochschulen nicht zu wenden, mag man ebenfalls nicht generell widersprechen wollen. An vielen Orten entstehen inzwischen winzige Wirtschaftshochschulen, oder sie sind bereits entstanden, die von sich selbst den Anspruch erheben, Elitestandards zu genügen. Auf lediglich eine Disziplin beschränkte Hochschuleinrichtungen sind aber ganz offensichtlich überhaupt keine Universitäten, auch wenn sie sich diesen Titel zulegen. Nach wie vor gilt das gebührenfreie Erststudium als ein Dogma. Glotz empfiehlt ein Nebeneinander staatlicher und privater Hochschulen. Sieben Prozent des Bruttosozialproduktes verlangte Roland Berger für Bildungsaufgaben. Glotz schließt sich dem an.

Auch wenn man dem Bild der allgemeinen Kennzeichnung von Glotz nicht ablehnend gegenüber steht, so ist seine Darstellung der Fehlentwicklung doch zu vordergründig. Nebeneinander sind zwei große Entwicklungslinien auszumachen, welche die Misere der Bildungseinrichtungen und insbesondere der Hochschulen in einer ganzen Reihe von Ländern bestimmen. Da ist einmal zu beobachten, wie die Autonomie der Wissenschaften immer weiter reduziert werden soll. An sich ist das verwunderlich, weil wir doch mit der publizistischen Vorherrschaft des Neoliberalismus eine Vergrößerung der Autonomie des Teilbereichs Wirtschaft als Voraussetzung für dessen größere Wirksamkeit betreiben. Auf diese verschiedenen Ausdrucksformen einer Zurücknahme der Autonomie von Wissenschaft und wissenschaftlichen Einrichtungen wird noch einzugehen sein.

Aber zunächst ist die zweite allgemeine Entwicklungsrichtung zu nennen: nämlich der Versuch, in die Universität Steuerungsmodelle einzugliedern, von denen behauptet wird, sie hätten sich in anderen Lebensbereichen bewährt. Das hat in Deutschland die Ausdrucksform eines wirren Knäuels von neoliberalen und kollektiven Steuerungsmechanismen, die mit denen der universitas magistrorum et scholarium nichts zu tun haben. Sehr oft werden dabei amerikanische Organisationsformen der Wissenschaft zitiert, nach denen wir unsere Hochschulen umgestalten sollen.

2. Amerika als Vorbild?

Die Bezugnahme auf die Bildungseinrichtungen der USA und insbesondere der Hochschulen dort muß jemanden verwundern, der sich mit der Geschichte der Bildungseinrichtungen in den USA etwas beschäftigt hat. Ein Teil der amerikanischen Universitäten reformierte sich um die Wende zum 20. Jahrhundert nach dem Vorbild gerade der deutschen Universitäten, wobei insbesondere das damalige Heidelberg die Bewunderung amerikanischer Professoren auf sich zog. Für zukünftige Wissenschaftler mit hohen Ansprüchen an sich selber war es ein Herzenswunsch, in Deutschland studieren zu können. Berühmte Sozialwissenschaftler wie damals Albion W. Small und später Talcott Parons ließen sich in ihrem Verständnis von Wissenschaft von der deutschen Ordinarienuniversität prägen.

Als damals in den USA ein Hochschulstudium noch keine Masseneinrichtung war, hatten sich die amerikanischen Colleges an Oxford und Cambridge in Großbritannien für das Studium der "Undergraduates" orientiert, also der Anfänger in einer wissenschaftlichen Laufbahn. Wenn dies hohen Qualitätsstandards entsprechen soll, dann ist diese Ausbildung sehr personalintensiv. Ein wesentliches Element ist dabei auch die Herauslösung der Studierenden und Professoren aus dem normalen Leben ihrer Gesellschaft. In Oxford und Cambridge bilden Professoren und Studenten analog den mittelalterlichen Klöstern eine Internatsgemeinschaft. Für die modernen Wissenschaften erwies sich diese Art der Einübung von Gelehrsamkeit aber als nicht ausreichend.

Harvard und Cambridge, Stanford und Princeton - um nur vier amerikanische Spitzenuniversitäten anzuführen - entwickelten eine sogenannte Graduate School als Lehrlingsausbildung in Wissenschaft nach dem, was sie als das deutsche Modell der Ordinarienuniversität verstanden. Beim Übergang zur Massenuniversität wurde diese Modellvorstellung einer Kombination von Oxford und Heidelberg - um die Inhalte an zwei Beispielen festzumachen - selbstverständlich verwässert. Ganz abgesehen von den Kosten taugte dieses Modell auch nur für eine Minderheit höchst begabter und motivierter Studenten.

Die USA wollten schon früh Bildung als Massenveranstaltung, analog der Ausrichtung der Wirtschaft am Massenwohlstand. Das wurde gefördert durch den Moril Act von 1862, der Entscheidung für die Zuweisung erheblicher Ländereien als Geschenk an neugegründete Universitätseinrichtungen - die sogenannten land grants. Diese Staatsuniversitäten befinden sich als land-grant-universities durchweg in entlegenen Gegenden und führen auf diese Art und Weise ein Prinzip weiter fort, nämlich der Ausbildung unter den Bedingungen der Kasernierung für Studenten - nicht für Professoren. Zum Teil haben diese großen Staatsuniversitäten ein ansprechendes Niveau, wie insbesondere die University of Michigan oder Berkeley oder die New York University in Stonybrook. Die meisten sind aber Fachhochschulen mit bestenfalls mittlerem Niveau der Ausbildung. Sie sollen nicht zuletzt Entwicklungshilfe in Landgebieten leisten - wozu auch viele dieser Hochschulen große Abteilungen für Agrarwirtschaft unterhalten.

Inzwischen sind zu diesen Spitzenuniversitäten und den großen Staatsuniversitäten eine Fülle kleinerer Einrichtungen hinzu gekommen - insbesondere in den siebziger bis achtziger Jahren -, die teils privat und teils öffentlich sind. Als lokale Einrichtungen (wie "Community Colleges") sind sie überwiegend nach ihrem Niveau bestenfalls dem Niveau eines mittleren deutschen Gymnasiums zuzurechnen.

Etwas über 2.000 Einrichtungen gibt es in den USA, die sich Colleges oder Universities nennen. Davon sind nach unseren Standards etwa 50 Einrichtungen als Universitäten anzusehen. Sie haben sich inzwischen in den USA die Sonderbezeichnung "Research University" gegeben. Die Mehrzahl dieser exzellenten Hochschulen ist relativ klein, mit einem ungefähren Durchschnitt von 15.000 Studenten - die Universität zu Köln hat 64.000 und erreicht damit den Umfang einer großen Staatsuniversität in den USA. Die Gebühren und Aufenthaltskosten, die sie erheben, sind teilweise so hoch wie das Jahresgehalt eines deutschen Durchschnittverdieners. Amerikanische Eltern der Mittelschicht schließen deshalb oft bei der Geburt eines Kindes für dieses eine Ausbildungsversicherung ab, damit später für die vier bis sechs Jahre Universität ausreichende Mittel angespart sind.

Die Spitzenuniversitäten haben als Finanzierungsquelle die Einnahmen aus gewaltigen Kapitalien dank der Stiftungen erfolgreicher Absolventen. Das Einkommen aus dem Kapital von Harvard ist durchaus mit den Jahressteuereinnahmen eines weniger entwickelten kleineren Landes zu vergleichen. Ein solches Kapital kommt selbst in Amerika erst im Verlauf vieler Generationen zusammen, weshalb auch nicht gehofft werden kann, daß eine der deutschen Neugründungen eine halbwegs vergleichbare wirtschaftliche Situation haben wird wie beispielsweise die Spitzenuniversitäten University of Chicago oder University of Pennsylvana, oder gar Stanford in Kalifornien. Die Vorstellungen bei einer neuen Wirtschaftshochschule wie der Business School in Berlin - gemeint als Elite-Hochschule - blenden diesen Vorlauf amerikanischer Eliteuniversitäten aus. Die angeblich private Universität Witten-Herdecke wäre ja auch ohne öffentliche Mittel bisher nicht lebensfähig gewesen.

Mit die wichtigste Entwicklung zum Verständnis der heutigen Hochschullandschaft in den USA ist das Kaputtreformieren der American High School. Die Reformer, die dies bewirkten, beziehen sich auf die intellektuellen Väter wie die späteren Verfechter unserer progressiven Einrichtungen für sekundäre Bildung. Diese High Schools sollten aus Einwandererkinder Amerikaner machen, hatten den Auftrag, Sozialkompetenz zu entwickeln und sollten als Ganztags- und Mittelpunktschulen den zu Bildenden auch Spaß machen. Am Ende einer öffentlichen High-School-Ausbildung steht heute ein Diplom, das für sich genommen kaum noch etwas wert ist. Um Studenten auszuwählen, müssen die High-School-Absolventen bundesweite Tests des Education Testing Service aus Princeton bestehen. Schaffen sie das mit guten Noten, dann können sie hoffen, zu einem Auswahlgespräch in eine der guten Universitäten eingeladen zu werden. Würde man die American High School in Deutschland nachahmen wollen, so müßte man auch die Absicht haben, das Abitur als aus-sagekräftiges Zeugnis zu verschrotten.

Ein Großteil der High-School-Studenten ist bei aller im Einzelfall gegebenen Intelligenz nicht studierfähig. Deshalb haben sich im Laufe der Zeit die meisten Universitäten in den USA darauf eingerichtet, in den ersten beiden Jahren - die Studenten heißen dann "Freshman" und "Sophomores" - die Allgemeinbildung nachzuholen, die ihnen inzwischen die öffentlichen High Schools vorenthalten. Besser gestellt sind da die Schüler der Elite-Internate, die für teures Geld eine unseren Gymnasien mindestens gleichwertige Ausbildung erhalten.

Wer will dieses System extremer Ungleichheiten in der Qualität der Bildung ernsthaft als vorbildlich verstehen? Will man Harvard, Yale, Chicago oder Stanford bei uns nachahmen, so geht dies nur bei einer Ausrichtung nach sehr harten elitären Maßstäben. Alles andere ist reiner Etikettenschwindel.

3. Punktuelle Anleihen aus den USA Vorbild Amerika?

Es ist bei unseren Bildungspolitikern üblich geworden, unter Verwendung von Anglizismen die Reform der Studiengänge zu betreiben. So sind uns wundersamerweise zwei neue Titel in die Vielfalt der Abschlußbescheinigungen für ein Studium geraten: Bachelor als eine Art Bescheinigung für ein Grund-tudium und Master als Titel für ein Studium, mit dem eine Kompetenz auf dem Niveau unserer Diplome erworben werden soll. Beides sind aber mehr als bloße Titel. Sie sind Teil des in Amerika herrschenden "Kreditpunktesystems". Ihre Übernahme würde eine grundlegende Veränderung unserer Ausbildung an Hochschulen bedeuten.

Amerikanische Universitäten offerieren Standardübungen - so müssen sie nach unserer deutschen Nomenklatur genannt werden -, in denen der Unterricht auf der Grundlage eines Lehrbuches abgehalten wird. Auch wenn daneben noch weitere Quellen herangezogen werden, so erhalten die Studenten von Stunde zu Stunde als Lesestoff Hausaufgaben. An diese Vorgaben muß sich dann auch der Dozent halten. Am Ende einer jeden solchen Übung steht eine Prüfung, und oft werden zwischendurch "Klassenaufsätze" bzw. Multiple-Choice-Tests abgehalten. Je nachdem, wie gut diese bestanden sind, gibt es Noten und Kreditpunkte. Sind dann genügend Kreditpunkte angesammelt worden, wird die für diese Punktzahl vorgesehene Bescheinigung erteilt: zunächst der Bachelor. Je nachdem, wie gut die Leistungen in den Kursen bis zum Bachelor waren, erfolgt dann die Zulassung zum Masterstudium. Dies ist nicht so formstreng wie die Ausbildung der Undergraduates, ist aber dennoch eher Unterricht des Gymnasialtyps als ein Studium nach unseren Gewohnheiten. Ist dann die Punktzahl für den Master erreicht, wird wiederum entschieden, ob eine Zulassung zum Doktorandenstudium erfolgen kann oder ob ein sogenannter Terminal vergeben wird.

Gegenwärtig herrscht an deutschen Hochschulen nach der Art der Ausrichtung der Lehrveranstaltungen ein ziemliches Chaos. Die sogenannte Reformuniversität Erfurt wurde nur wiederbegründet mit der Auflage, das Kreditpunktesystem als alleiniges Lehrangebot einzuführen. Andere Universitäten blieben bisher beim System Vorlesung - Übung - Seminar. An einer Reihe deutscher Hochschulen werden aber heute nebeneinander solche Kurse und die Abschlüsse Bachelor bzw. Master vergeben sowie weiter in den Unterrichtsformen Vorlesungen, Übungen und Seminare gelehrt.

Das ist natürlich auf Dauer kein haltbarer Zustand, weil sowohl vom Professor als auch vom Studenten die Art der Stoffübermittlung und Stoffverarbeitung völlig verschieden ist. Man muß sich wohl für das eine oder andere entscheiden, und die Tendenz geht dahin, unter Berufung auf amerikanische Vorbilder - die allgemein keine sein können - das Kurssystem der Kreditpunkte als Form der Lehre von Amts wegen zu verordnen. Damit wäre dann die deutsche Universität zur Fachhochschule umfunktioniert. Nichts gegen Fachhochschulen, die auf ihre Weise sehr nützlich sind und den Motiven eines hohen Prozentsatzes unserer Studierenden mindestens so gut entsprechen wie die Universitäten. Aber es ist ein anderes Prinzip für wissenschaftliche Einrichtungen.

Die amerikanischen Universitäten in ihrer Vielgestaltigkeit sind Teil eines ganzen Bildungssystems, aus dem nur bei Berücksichtigung der Andersartigkeit Elemente übernommen werden können. Aber dann muß man dieses System auch verstehen, was der damalige Rektor der Frankfurter Universität, die sich Goethe-Universität nennt, Werner Meißner, offensichtlich nicht vorweisen kann. "Warum sollte es nicht gelingen, die Idee der amerikanischen land-grant-universities, das heißt die Campus-Idee, in Deutschland, in Frankfurt am Main beispielsweise zu ihrer Vollendung zu bringen?" . Die Campus-Universität ist aber keine Folge der land-grant-universities, sondern geht diesen voraus, ist eine Weiterentwicklung der Verankerung von Bildung in klösterlichen Gemeinschaften. Die land-grant-universities sind dann im späten 19. und im 20. Jahrhundert Versuche eines Übergang zur Massenbildung an Universitätseinrichtungen. Bei den meisten Berufungen auf amerikanische Vorbilder argumentieren ihre Verfechter vergleichbar oberflächlich.

4. Umstrukturierung der Hochschulen durch Konkurrenzmodelle

Deutsche Studienzeiten sind zu lange, der Unterricht zu wenig zweckmäßig und das Interesse vieler Professoren zu einseitig an Forschung orientiert. Das sind häufige Begründungen, wenn neue Steuerungsmodelle für das Verhalten im Hochschulkontext vorgeschlagen werden. Dabei werden nebeneinander zwei Leitideen ziemlich gedankenlos für die Einzel-vorschläge miteinander vermischt.

Gegenwärtig haben Vorstellungen, die sich an einer neo-liberalistischen Abwesenheit von wirtschaftlicher Ordnungspolitik orientieren, Konjunktur. In möglichst vielen Bereichen wissenschaftlichen Verhaltens sollen Konkurrenzelemente vorherrschen. Forschungsmittel sollen im Wettbewerb eingeworben werden, und die Besoldung von Hochschullehrern soll sich nach der Bewertung von Leistungen richten. Eine solche Konkurrenz kannte die viel gescholtene Ordinarienuniversität insbesondere bei der Besoldung bereits. Es ist völliger Unsinn, wenn die Bildungsministerin Bulmahn in einer Broschüre ihres Hauses - "An unseren Hochschulen bewegt sich etwas" - behauptet, daß sich die Gehaltssteigerung eines Hochschullehrers im wesentlichen nach dem Alter richtet . Im wesentlichen richtet sie sich nach der Zahl der Berufungen und den dabei in Bleibeverhandlungen erzielten Übereinkünften. Wer fünf Berufungen in In- und Ausland erhielt und in Bleibeverhandlungen zu ihrer Ablehnung bewegt werden konnte, der hatte eine wesentlich höhere Steigerung von Bezügen und Pensionen als die Regelerhöhung nach Dienstalter. Die Weisheit des Verbots von Hausberufungen lag darin, daß Kollegen an anderen Orten darüber urteilten, wie die Leistungskraft eines Professors an ihrer eigenen Hochschule zu beurteilen war. Die Konkurrenz wurde also aus der Hochschule hinaus in die fachwissenschaftliche Öffentlichkeit verlagert.

Genau das Gegenteil will die Ministerin Bulmahn mit ihrer Art der Leistungsbemessung festlegen. Nach den bisherigen Vorstellungen sollen Hochschullehrer zu zwei Dritteln ihres heutigen Gehaltes eingestellt werden, wobei das ersparte Drittel in einen großen Topf kommen soll. Aus diesem werden dann den Hochschullehrern eines Ortes auf fünf Jahre Zuschläge zur Besoldung erteilt oder auch nicht. Nach dem Gutachten, das diesem gewollten Leistungsanreiz zugrunde liegt, weiß man nicht, wie diese Leistung in einem Mischbetrieb, wie es die Hochschule ist, zu beurteilen ist. Was soll mit welchem Gewicht zählen: die Bedeutung wissenschaftlicher Beiträge, das Vergnügen der Studenten an der Lehre eines Professors, der spätere berufliche Erfolg der Absolventen, die Ausbildung neuer und erfolgreicher Professoren? Die Kommission gibt hierzu nur Empfehlungen über das Prozedere, nämlich die Verlagerung der Entscheidungen an Gremien. Nach Bulmahn ist bisher nur ein Kriterium spezifiziert, nämlich die Mitarbeit in Gremien wie diesen. Die letztliche Entscheidung sollen dann die Kollegen vor Ort treffen. Das ist ein gewaltiger Rückschritt gegenüber der alten Ordinarienuniversität. Jetzt ist der Wettbewerb um das, was noch als Leistung zu definieren bleibt, in die Kollegenschaft vor Ort verlagert. Die Folgen für die Kollegialität lassen sich unschwer ermessen.

Jetzt ließ die Bundesregierung wissen, sie beabsichtige, in den nächsten vier Jahren eine Leistungsrangliste aller 350 deutschen Hochschulen zu erstellen. Solche Hochschulrankings kennen die Leser von Magazinen wie "Stern", "Spiegel" oder "Focus" seit langem. Keines konnte vor der Kritik durch Wissenschaftler bestehen.

Der Wunsch nach Auskunft über die Qualität von Hochschulen ist verständlich - sowohl von seiten der Studenten wie auch für die Institutionen, die über Fördermittel zu entscheiden haben. In den USA sind solche Rankings auch weit verbreitet. Sie haben bei aller Kritik an dem großenteils fiktiven Charakter genau ausgewiesener Rankpositionen seit Jahrzehnten in der Publizistik und insbesondere unter Wissenschaftsbürokraten ein Eigenleben gewonnen nach dem Wirkungsmechanismus: Ein schlechtes Ranking ist besser als keines. Und in groben Kategorien ausgedrückt sind Aussagen über Qualitätsunterschiede auch vertretbar.

Das methodische Problem solcher Rankings wird an der Messung von Intelligenz erkennbar. Intelligenz ist eine hypostasierte Eigenschaft. Sie soll sich ausdrücken in der Lösungsfähigkeit bei verschiedenen Aufgaben - etwa dem Urteil über die Ähnlichkeit geometrischer Figuren, in der Lösung von rechnerischen Problemen oder in der Breite des Vokabulariums. Für richtige Lösungen gibt es Punkte, die zusammengezählt den Intelligenzquotienten ergeben. Von Anbeginn gab es die Kontroverse, ob dieses Zusammenzählen gerechtfertigt ist. Technisch formuliert war das die Frage, ob der "G-Faktor" existiert. Auch wenn allgemein akzeptiert wird, daß es bereichsspezifische Intelligenz gibt - wie etwa einseitige mathematische Begabung - , sieht die Mehrheit der Psychologen im IQ eine insgesamt und im groben nützliche Maßzahl.

Ob die numerische Repräsentanz einer Eigenschaft, die selbst nicht numerisch ist, durch eine Zahlenfolge akzeptabel wiedergegeben wird, das wird als "Isomorphie" bestimmt - also Parallelität der Zahlenfolge mit der Stärke der auszudrückenden Eigenschaft.

Auch bei den Rankings für Universitäten werden mehrere sogenannte Indikatoren benutzt: Studiendauer, Zahl der Examen, Publikationsliste der Professoren, Umfang der Bibliotheken und Wohlfühlen der Studenten bei den Professoren einer Hochschule. Da könnten zusätzlich weitere Indikatoren aufschlußreich sein wie Häufigkeit des Zitierens aus Veröffentlichungen eines Professors, oder der spätere berufliche Erfolg der Absolventen. Ungeachtet der Zahl der Indikatoren stellt sich die Frage: Gibt es den "G-Faktor Qualität der Hochschule"?

Mit Sicherheit sind die Leistungen in einer Hochschule - technisch gesprochen - mehrdimensionale Eigenschaften. Zu dem Grade, wie die einzelnen Indikatoren miteinander korrelieren, kann es vielleicht möglich werden, von "sehr guten", "mittleren", "unterdurchschnittlichen" und "miserablen" Hochschulen zu reden - aber genauer als das geht es bei den 350 Hochschulen bestimmt nicht.

Hinzu kommt als Problem die Unterschiedlichkeit der Fächer an der gleichen Hochschule. Selbst Spitzenuniversitäten in den USA und England haben gute und weniger gute Abteilungen. So verbietet es sich, kritiklos von der Leistung einer ganzen Universität zu sprechen.

Wird das vorgesehene Ranking schematisch angewandt, dann fände es am besten gar nicht statt!

Abgesehen von solcher handwerklich grob fehlerhaften Umsetzung des Wettbewerbsgedankens bleibt allgemein zu hinterfragen, wie geeignet ein Konkurrenzprinzip für Wissenschaft allgemein ist. Ein wesentliches Kennzeichen der Wissenschaft ist das, was Robert K. Merton als "Kommunismus" bezeichnet, nämlich das Mitteilen eigener Erkenntnisse sofort an die Kollegenschaft . Werden neue Erkenntnisse nach wirtschaftlichen Kriterien beurteilt, dann versucht man, ihre Verbreitung zu verhindern oder ihre Nutzung durch Patente zu blockieren. Dieser wissenschaftliche "Kommunismus" ist übrigens nicht von Anbeginn mit Wissenschaft verbunden gewesen - ganz im Gegenteil. Wissenschaftlerschulen wie die Pythagoräer behielten ihre Erkenntnisse als Geheimwissen - ganz analog etwa den Steinmetz-Schulen der großen Kathedralen. Es war eine große Leistung, das Prinzip der Universalität der Verbreitung von Wissen durchzusetzen.

Das Konkurrenzprinzip als Steuerungsmodell ist aber noch in einer weiteren Hinsicht zu hinterfragen. Die Fristigkeit dessen, was in der Wissenschaft weiterführt, unterliegt anderen Kriterien als der Erfolg in der Wirtschaft. Oft sind die Verzögerungszeiten gerade bei grundlegenden Erkenntnissen in der Wissenschaft erheblich, so daß eine Orientierung am Tageserfolg völlig unzweckmäßig ist. Wissenschaftlichen Fortschritt zugunsten von Augenblickserfolgen bei einem allgemeinen Publikum zu bewerten, ist eine wissenschafts-schädliche Form der Steuerung.

Wir haben den Eindruck, daß die neoliberalen Steuerungsmodelle die uns bevorstehenden Richtlinien und Hinweise der EU zur Bildungspolitik sehr stark bestimmen werden. In fast konspirativer Art treffen sich seit 1983 um die 45 Führungskräfte der bedeutendsten europäischen Industrieunternehmen in einem "European Round Table of Industrialists" (ERT). Ihnen geht das Verständnis von Wissenschaft, die sich nicht unmittelbar umsetzen läßt in praktische Vorteile des Geschäftslebens, weitestgehend ab .

5. Kollektivierung und Bürokratisierung als Steuerungsprinzipien

Im Alltag der Universitäten wird daneben als Steuerungsprinzip eine stärkere Kollektivierung der wissenschaftlichen Tätigkeiten vorangetrieben. Das drückt sich einmal aus in der Bürokratisierung des Alltags bis hin zu Verordnungen, mit denen jegliches Urteil über Leistungen von Studenten "verwaltungsgerichtssicher" gemacht werden soll. Universitäten sollen sich auf Zielvorgaben einigen, die sie der Bildungsbürokratie vorschlagen. Im Rahmen der darauf hin behördlich abgesegneten Vorschläge soll geforscht und gelehrt werden.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) als die wichtigste stark staatlich beeinflußte Förderungsinstitution betreibt eine Kollektivierung von Wissenschaft durch die Einrichtung von Graduiertenkollegs und Sonderforschungsbereichen . Mit Sonderforschungsbereichen, die von Gruppen von Wissenschaftlern vorzuschlagen sind, werden dann Arbeitsziele für längere Zeit festgeschrieben. Die Teilnehmer an Graduiertenkollegs werden bevorzugt, indem ihre Dissertationen bereits von der DFG gefördert werden, wenn sie mit "magna cum laude" bewertet werden. Für eine individuell angefertigte Promotionsarbeit ist dagegen ein "summa cum laude" für eine Förderung durch die DFG notwendig. Auch andere Stiftungen haben sich durch Festlegung von Förderschwerpunkten die Freiheit zur Unterstützung interessanter Einzelprojekte beschnitten.

Wahrscheinlich aus England schwappte als Steuerungsmechanismus bürokratischer Art die Pflicht zur Evaluierung in das deutsche Hochschulwesen. Es ersetzt das bekannte Begehen und verbreitert dieses Instrument zu einer allgemeinen Pflicht. Nach vorgegebenen Kriterien berichten Fachbereiche und Institute über sich selbst, und diese inzwischen sehr umfangreichen Berichte werden dann von Gremien begutachtet. Beispielsweise ist bei den Instituten der neuen Leibniz-Gesellschaft eine Routine-Evaluierung alle zwei Jahre und eine "große" Evaluierung alle sieben Jahre erforderlich.

Da die Kriterien bekannt sind und zum Teil auch die beurteilenden Personen, sind die Evaluierungsberichte Texte, die mit der Erwartung positiver Reaktionen verfaßt werden, und nicht notwendigerweise ein Bericht über die wichtigsten Eigenschaften eines Fachbereichs oder Instituts. Es ist dies eine Steigerungsform von Fiktionen bei wissenschaftlichen Texten gegenüber der Phantasie bei der Formulierung von Forschungsanträgen. In den USA ist das seit Jahrzehnten übrigens eine eigene Spezialisierung in einer wissenschaftlichen Abteilung. Englische Kollegen klagen darüber, daß ihnen zwischen dem Verfassen von Berichten für die Evaluierung zu wenig Zeit für Lehre und Forschung bleibt. Wie bei allen bürokratischen Steuerungsmechanismen wird die Absicht des Gesetzgebers unterlaufen.

Diese kollektiven Steuerungsmechanismen, die übrigens auch zur Teamarbeit zwingen sollen, sind jedoch nur schwer vereinbar mit den neoliberalen Vorstellungen einer maximalen Konkurrenz zwischen Wissenschaftlern. Sowohl den kollektivistischen wie auch den neoliberalen Steuerungsmodellen ist vor allem gemein, daß sie nicht mehr an die Wirksamkeit der Selbststeuerung von Wissenschaft nach wissenschaftlichen Kriterien glauben. Insbesondere scheint das Vertrauen an die intrinsische Motivation der Wissenschaftler als wichtigstes Steuerungselement abhanden gekommen zu sein. Bruno S. Frey warnt dagegen: "Monetary rewards and supervision crowd out intrinsic work motivation ... Work performance decreases if this crowding effect dominates the normally considered disciplining effect of external intervention" . Wirkliche Wissenschaftler sind in erster Linie intrinsisch motiviert, vielleicht in zweiter Linie auch noch durch Hoffnung auf hohe Reputation gesteuert. Dafür sorgte bisher der doch sehr beschwerliche und unsichere Karriereweg, bis einmal die Sicherheit und Unabhängigkeit eines Ordinarius erreicht war. Bildungspolitikern fehlt offensichtlich das Verständnis dafür, wie eine Universität bisher funktioniert.

Eine besonders abwegige Idee, die die Nachteile einer neoliberalen und einer kollektiven Steuerung miteinander kombiniert, ist die Einrichtung von Hochschulräten. Ein Beispiel hierfür sind Universitätsgesetze im Land Baden-Württemberg. Da wird über wissenschaftliche Entwicklungsrichtungen von Menschen entschieden, die selber wissenschaftsfremde Berufe haben und über die Vielfalt der Fächer einer Universität gar nicht urteilen können. Damit ist dann ein weiteres grundlegendes Mißverständnis bei gegenwärtigen Hochschulreformen bereits erwähnt: die Konzentration auf einige Fächer.

6. Fächer-Vielfalt kennzeichnet eine wirkliche Universität

Aus dem mittelalterlichen studium speciale wurde erst das studium generale, in dem viele Fächer kombiniert miteinander gepflegt wurden. Da gibt es selbstverständlich auch heute Fächer, deren unmittelbare praktische Nützlichkeit gut meßbar ist, und solche, deren Nützlichkeit für andere Fächer sich vor allem für die Wissenschaftler selber und die fortgeschrittenen Studenten erschließt. Aus unserem Kenntnisbereich ist ein Beispiel das Nebeneinander von Massenfächern wie Soziologie und Politologie mit einem Exotenfach wie Ethnologie.

Die gegenwärtige Hochschulpolitik bei uns geht aber von entgegengesetzten Vorstellungen aus: Durch Konzentration von Fächern an einem Ort und Einstellen derselben am Nachbarort sollen Kosten gespart werden. Ein Beispiel ist die Abschaffung der Lehrerstudiengänge an der Universität Bonn, die doch eine besonders hohe Achtung in den Geisteswissenschaften genießt. Große Schwierigkeiten gibt es bei dem Versuch der NRW-Regierung, die Hochschulen in Essen und Duisburg zu verschmelzen, wobei dann nur entweder in Duisburg oder in Essen eine bestimmtes Fach angeboten würde. Dies kann unter Umständen dazu führen, daß die Kombinationsfähigkeit verschiedener Fächer für die Studenten abnimmt.

Die Einwirkungen auf die Universität und die schrittweise Überführung der Universität in Fachhochschulen bei Ausgliederung der Forschung in große Gesellschaften (Max Planck, Helmholtz, Fraunhofer und Leibniz-Gesellschaft) erfolgt als Oktroi. Meist werden größere Zusammenhänge nicht verstanden, und durchweg wird die Fernwirkung punktueller Maßnahmen nicht bedacht. Besserung ist nicht in Sicht. Da hilft nur, daß durch Verzögerung der Umsetzung dieser Oktroi Zeit für Urteilsbildung gewonnen wird.

6. Die Wissensgesellschaft

Die "Wissensgesellschaft" ist eines der Etikette, die unter Berufung auch auf Sozialwissenschaften den heutigen Gesellschaften des Westens angeheftet werden. Zugleich ist dies in weiten Teilen der meinungsbildenden Öffentlichkeit eine wissenschaftsfeindliche Zeit. Das ist am deutlichsten in den Vereinigten Staaten mit den Sprach- und Denkverboten, die dort den Wissenschaftlern im Namen von "political correctness" auferlegt werden. Es ist weit verbreitet, der Wissenschaft soziale Aufträge zu erteilen wie in Amerika die Bekämpfung des Rassismus oder der Armut. Abgewertet wird demgegenüber das, was das Studium der "dwems" genannt wird, der Gedanken der "toten weißen Männer". Solche "dwems" sind selbstverständlich Platon oder Aristoteles, Leibniz oder Newton oder Max Weber.

In Europa wird nicht recht verstanden, was in Amerika von entsprechenden kulturkritischen Kreisen mit Multikulturalismus gemeint ist. Multikulti soll heißen, daß unser Bildungswesen sich nicht mehr orientieren darf an dem gewohnten Kanon. Das Erlernen von Bongo-Trommeln sowie Gruppensitzungen zur Selbstreflexion oder Frauenforschung sollen den gleichen Rang haben wie Physik, Literaturwissenschaft oder Wissenschaftstheorie. Allerdings ist wiederum für Amerika dort auch der Widerstand gegen eine solche Kultur der Unkultur, in der Wissenschaft nur fremdbestimmt erlaubt sein soll, besonders ausgeprägt. Allan Blooms kritisches Buch über den Niedergang des amerikanischen Geistes - "The Closing of the American Mind" - hat sich millionenfach verkauft. Es war immerhin in einer damals von "political correctness" beherrschten Öffentlichkeit möglich, die Aktionen der Studentenrevolte in den sechziger Jahren mit dem Verhalten nationalsozialistischer Studenten in den dreißiger Jahren zu vergleichen .

Es ist also nicht notwendig so, daß aus Amerika nur Zwang zur Anpassung an wissenschaftsfeindliche Einrichtungen und Zeitströmungen käme. Gerade von dort aus lassen sich Perspektiven nach hier transportieren, die Fehlentwicklungen bei uns zumindest abbremsen können. Punktuelle und in ihren Implikationen nicht verstandene Übernahmen wirken jedoch als arge Verschlimmbesserungen.