32. Bildungspolitisches Forum

 

Freiheit der Wissenschaft und Unternehmensinteressen

Professor Dr. Dr. Heribert Offermanns, Frankfurt


In der Schrift „Streit der Fakultäten“ kann man bei Immanuel Kant nachlesen: “Auf Wahrheit – die wesentliche und erste Bedingung der Gelehrsamkeit – kommt alles an. Die Nützlichkeit ist nur ein Moment zweiten Ranges.“ Dies – so meine ich – könnte auch ein Leitmotiv für den Bund Freiheit der Wissenschaft e.V. sein, ebenso wie die Stelle bei Johannes 8, Vers 32: „Und Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird Euch frei machen!“
Bei manchen Diskussionen über Grundlagenforschung und Anwendungsorientierung wird die amerikanische Stanford University oft als Vorbild gerühmt. Diese Universität wurde nach klassischem deutschen Vorbild gegründet und als Motto wählte man den Leitspruch: „Die Luft der Freiheit weht!“ wohlgemerkt in deutscher Sprache, auch heute noch!

Wissenschaft – scientia – umschreibt die forschende Tätigkeit des Menschen und ist das geordnete, in sich zusammenhängende Gebiet von Erkenntnissen.

Der wichtigste Ort der Gelehrsamkeit und der entscheidende Ort für die Generierung, aber auch Ordnung neuer Erkenntnisse ist die Universität. Sie ist die Stätte der zweckfreien, aber nicht zwecklosen – wie es der Max-Planck-Präsident Hubert Markl einmal formulierte – Suche nach Erkenntnis. Und gerade diese Stätte ist, man denke nur an die Juniorprofessuren oder die diskutierten Zielvorgaben für die Forschung, zum Experimentierfeld geworden, und „die Luft der Freiheit“ weicht Bürokratisierung, Gängelung und Mißtrauen.
Aus den gescheiterten Experimenten der 70er Jahre z.B. in Hessen mit Assistenz-Professuren oder dem Gesamthochschulkonzept in Nordrhein-Westfalen hat man wenig gelernt. Sehr überspitzt hat es neulich der Erlanger Historiker Michael Stürmer, der auch am weltberühmten Princetoner „Institute for Advanced Study“ arbeitete, in der „Welt am Sonntag" vom 18.11.2001 formuliert: „Generationen von Politikern haben sich bemüht, Schulen und Hochschulen zu ruinieren. Gut gemeint ist das Gegenteil von Gut. Das gilt auch für die Wärmehalle der Nation, die Hochschule heißt.“ Und sarkastisch, fast resignierend fährt er fort: „Gäbe es nicht die Max-Planck-Gesellschaft und die Selbstorganisation der Deutschen Forschungsgemeinschaft, wäre die deutsche Forschungslandschaft eine Sahelzone.“
Neben Politikern – eine gewisse Mitschuld der Professorenschaft ist sicher auch gegeben – ist es aber auch die Wirtschaft, die die Wissenschaft und hier speziell die Freiheit der Wissenschaft attackiert und zweifelhafte Rezepte zur Krisenbewältigung anbietet. Besonders Unternehmensberater versuchen hier – man hat fast den Eindruck einer neuen Form des Mäzenatentums – die hohen Schulen zwangszubeglücken und kommen als Heilsbringer mit Zeitgeistrezepten wie Fokussierung, Zielvereinbarung, Meilensteine u.ä. einher. Man hört sogar, Lehre und Forschung müssten sich rechnen; das kurzfristig verwertbare Wissen und der „Output“ an Spezialisten seien die Wertmesser.
Der langjährige Chef von McKinsey Deutschland, Herbert Henzler, auch Honorarprofessor der LMU München, postulierte 1993 beim 1. Ulmer Symposium zum Forschungsstandort Deutschland – veranstaltet von der damaligen Daimler-Benz AG: „Es ist an der Zeit, den volkswirtschaftlichen Nutzen als Ziel und explizites Erfolgsmaß der Forschung wieder zu beleben.“ Henzler meinte sicher nicht die Verbesserung der Nutzung der Ergebnisse der Grundlagenforschung; sondern wohl eher die Zielvorgaben und vielleicht sogar die Vorgabe der Wege. Bei der gleichen Veranstaltung ging der damalige Forschungschef von Alcatel/SEL H. Ohnesorge noch weiter, indem er forderte: „Das bedeutet, daß es in Zukunft kein DFG- oder BMBF-Vorgaben an staatlichen Institutionen oder an Universitäten mehr geben soll, das nicht von einem Paten der Industrie begleitet wird". Man könnte meinen, dies sei die Aufforderung zur Neuauflage des Misserfolgmodells für die „DDR“-Forschung in der Endphase vor der Wiedervereinigung mit der Einschränkung der Eigenverantwortung und der Gängelung bzw. Lähmung durch Planwirtschaft bzw. Misstrauen.
Der zornige alte Mann der Biochemie Erwin Chargaff formulierte sehr zugespitzt: „Was man suchen soll wird einem vorgeschrieben und daher auch, was man finden soll. Wer schreibt vor? Natürlich der Zeitgeist, der allerdings mit einem Tropfen ökonomischen Öles gesalbt ist. An die Stelle der Gelehrtenrepublik ist ein Ameisenstaat getreten.“ Der Philosoph Dieter Henrich zeigt die Konsequenzen auf: „ ...daß manche Bildungspolitiker, die die Universität zu gehobenen Ausbildungsstätten für Industrie und Nutzforschung zurichten wollen, die Universität überflüssig machen.“
Gut, daß unser Bundespräsident, der vor vielen Jahren ja auch einmal Wissenschaftsminister in Nordrhein-Westfalen war, sich nicht als Repräsentant eines Staates im Chargaff'schen Sinn versteht. In einer klugen Rede, die man auch im Internet findet, zur 250 Jahr-Feier der Göttinger Akademie der Wissenschaften, sprach er deutliche Worte: „Interessant wäre es aber auch, der Frage nachzugehen, ob nicht die Weltfremdheit manchmal im Gewand der Anwendungsorientierung einhergeht, die wir alle so gerne von der Wissenschaft fordern.“
Die Freiheit der Wissenschaft ist im Grundgesetz vorbehaltlos gewährleistet. Im Gegensatz zu anderen Grundrechten, z.B. der Pressefreiheit wird die Freiheit der Forschung durch die allgemeinen Gesetze nicht eingeschränkt. Grenzen der Wissenschaft können daher auch – hierauf hat die Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes Jutta Limbach, die auch Mitglied des Hochschulrates der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität ist, kürzlich in der Frankfurter Universität hingewiesen – nur aus der Verfassung selbst heraus bestimmt werden. Die Freiheit ist aber keineswegs grenzenlos; der Wissenschaftler darf sich nicht über die Rechte seiner Mitbürger auf Leben und körperliche Unversehrtheit hinwegsetzen. Beachten muß man allerdings auch, was das Bundesverfassungsgericht ausführte (B-Verf. GE, 47, 327 (369)) „Freiraum ist nach der Wertung des Grundgesetzes nicht für eine vom Staat und Gesellschaft isolierte, sondern für eine letztlich dem Wohl des Einzelnen und der Gemeinschaft dienende Wissenschaft verfassungsrechtlich dokumentiert". In der Göttinger Rede hat der Bundespräsident zum einen den „Eigensinn" der Wissenschaft – wohl doppeldeutig gemeint – angesprochen, zum anderen aber auch betont, daß wirtschaftliches und politisches Handeln ohne die Ergebnisse der Wissenschaft nicht auskommen. Dies erleben wir z. Zt. sehr deutlich bei der Bioethik-Debatte über embryonale Stammzellen, Präimplatantionsdiagnostik und therapeutisches Klonen.
Die Wissenschaft (die Universitäten, die Großforschungseinrichtungen und Akademien) hat die ethische, aber auch volkswirtschaftliche Aufgabe, bei den quälenden Fragen des Fortschritts – Fortschritt ist nach dem Konstanzer Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß primär das in ständig kürzeren Zeitschritten erfolgende, quantitative und/oder qualitative Anwachsen eines theoretischen Wissens und seiner technischen Nutzung – Fragen zu stellen und Antworten zu suchen, um die Notwendigkeit, die Vorteile, die Verantwortbarkeit und auch die Akzeptanz neuer Erkenntnisse und Technologien in der Öffentlichkeit zu begründen.
Vielleicht ist es ein Nachteil, daß wir in Deutschland keine „National Academy of Science“ haben und Ethikräte und Enquete-Kommissionen (nach gesellschaftlicher Relevanz zusammengestellt) die Regierung und das Parlament beraten.
Als Wissenschaftler, der mehr als 30 Jahre in der Industrie tätig war, will ich aber etwas konkreter werden: Nach Hubert Markl ist Forschung die Industrieform der Wissenschaft, die Wissen nicht einfach nur sucht, pflegt, kultiviert und mit ihm die preziösen Spiele des Geistes spielt. Forschung ist – so Markl weiter – der arbeitsteilige, methodisch disziplinierte, koordinierter Einsatz geistiger Produktivitätskräfte vieler Menschen, mittels derer die unerschöpfliche Welt der Fragen in definierte Probleme zerlegt, die Bearbeitung in Projekten unterworfen und im Erfolgsfall in zuverlässigen Antworten und Problemlösungen druck-, veröffentlichungs- und brauchfertig verpackt und gelegentlich auch verkauft wird.“
Ein wichtiges Unternehmensinteresse ist es, diese Methodik stets auf dem neuesten Stand zu halten und gut ausgebildete junge Wissenschaftler für die Unternehmen zu gewinnen, die das Rüstzeug haben, Wege für die Erreichung vorgegebener Ziele zu finden, denn Industrieforschung ist viel weniger als die Grundlagenforschung eine Fahrt ins Blaue. Wir sprechen sehr häufig von der Wissensgesellschaft. Hierbei müssen wir uns aber immer vor Augen halten, daß wir eigentlich von einer Kaskade sprechen sollten, die aus Information und deren Vernetzung zu Wissen und hierauf aufbauend aus Können und hoffentlich auch verantwortungsvollem Handeln besteht. Die Universität sollte eine prägende Kraft sein, die Talente erkennt, sie durch Fordern fördert und ihnen den Weg weist vom Talent zur Persönlichkeit. Wir sollten wieder mehr vom akademischen Lehrer und auch Doktorvater statt vom Mentor, Betreuer und Berichterstatter sprechen. Junge Menschen brauchen Vorbilder, brauchen Leuchttürme zur Orientierung im Sturm, auch wenn Mark Twain anmerkt: „Wenige Dinge auf Erden sind lästiger als die stumme Mahnung, die von einem guten Beispiel ausgeht!“
Fernuniversitäten und virtuelle Hochschulen, die Segmente des Wissens auswählen und bei denen Mentoren nur den Fortgang der Lernprozesse kontrollieren können, dürfen nicht die akademischen Stätten ersetzen.
Noch einige Gedanken zum Zusammenspiel von Grundlagenforschung in der Freiheit der Wissenschaft und der Zweckforschung sowie zur Unterscheidung von Invention und Innovation.
Grundlagenforschung erschließt Neuland, angewandte Forschung nutzt es oder wie der schon erwähnte Jürgen Mittelstraß formulierte: „Nur in der Grundlagenforschung passiert das wirklich Neue, das nicht nur Seitenwege entdeckt, sondern Schneisen ins Unbekannte schlägt.“
Mit immer ausgefeilteren, aussagekräftigeren, aber auch aufwendigeren Methoden dringt die Grundlagenforschung tiefer in Bereiche vor, die dem unmittelbaren menschlichem Erkennen verborgen waren. So generiertes und geordnetes Wissen ist der Mutterboden für zielorientierte Produkt- und Verfahrensentwicklung der Industrie.
Der Volks- und Sozialwissenschaftler Josef Alois Schumpeter, der in Graz, Bonn und an der Harvard University lehrte und auch österreichischer Wirtschaftsminister war, führte 1912 den Begriff „Innovation“ als dritten Faktor neben Kapital und Arbeit in die Wirtschaftstheorie ein.
Schumpeter unterschied beim Innovationsprozess zwischen der Phase der Erfindung, der Innovationsgenerierung oder Invention und der Umsetzung der Invention, der Innovation im engeren Sinn. Zugespitzt auf den finanziellen Aspekt der Innovation könnte man formulieren: „Invention ist die Umwandlung von Geld in Wissen, Innovation hingegen die Umwandlung von Wissen in Geld.“
Invention braucht Information und Intuition. Der beste Nährboden für Innovation ist das Zusammentreffen von Neuheitsgrad und Wertschöpfungspotential. Was eine Invention ist, entscheidet die „scientific community“ oder das Patentamt; was eine Innovation ist, entscheidet allein der Markt.
Neues Wissen eilt der Erschließung neuer Technologiefelder oder darauf aufbauender Produkte und Problemlösungen oft um Jahrzehnte voraus. Man sollte nicht zu große Erwartungen an die Weitsicht der Anwender knüpfen und zu sehr an die Planbarkeit der Forschung glauben. Ziele kann und muß man ins Auge fassen, Wege muß man suchen, aber Ergebnisse kann man nicht planen. Dabei ist eine Symbiose aus “top down“-Ansätzen, etwa der Identifizierung neuer Forschungsfelder oder auch von Defizitgebieten durch Wissenschaftsorganisationen oder auch das BMBF, und „bottom up“-Generierung von Visionen und Ideen durch die Grundlagenforscher der bevorzugte Weg, also ein „sowohl – als auch“ und nicht ein „entweder – oder“, wie es dem Zeitgeist entspricht.

Beispiele für „Weitsicht“ gibt es viele: „Es gibt überhaupt keinen Grund, warum irgend jemand einen Computer bei sich zu Hause haben will“. Ken Olson, Gründer und Präsident von Digital Equipment, 1977

„Uns gefällt ihr Sound nicht, und Gitarrenmusik ist ohnehin nicht gefragt.“ Begründung der Plattenfirma Decca, die die Beatles ablehnte, 1962

„In 5 Jahren wird niemand mehr vom Auto reden. Ich setze aufs Pferd.“ Kaiser Wilhelm II

Für die Fülle von Visionen und auch handfesten Ergebnissen, für die die Zeit noch nicht reif war, für nicht sofort erkannte, spätere Paradigmenwechsel, für Quantensprünge im Wissen gibt es viele Beispiele, man braucht nur an Leonardo da Vinci, Galileo Galilei, Roger Bacon oder auch Paul Ehrlich und Emil Fischer zu denken. Auch die Rolle des Zufalls sollte man in der Wissenschaft nicht unterschätzen. Viele interessante Beispiele hierzu hat der texanische Chemiker Royston M. Roberts in seinem Buch „Serendipity – Accidential Discoveries in Science“ zusammengetragen. „Homo ludens“ und Zufall sind beachtliche Erfinder. Beide brauchen aber viel Freiraum! Manchmal müssen geniale Erfindungen auch erst nach einem Dornröschenschlaf wachgeküsst werden, wie etwa in der Chemie die Wittig-Reaktion zur Synthese von Vitaminen oder die Hock-Lang'sche Autooxidation zur Phenolsynthese.
Eine Ausrichtung der Grundlagenforschung auf kurzfristig erreichbare Ziele ist gefährlich, vielleicht sogar tödlich, und Hermann v. Helmholtz formulierte: „Wer immer in seiner wissenschaftlichen Arbeit gleich den Nutzen sucht, kann sicher sein, daß er ihn vergeblich sucht“, und Wilhelm von Humboldt sagte: „Die Wissenschaft aber gießt oft dann ihren reichsten Segen über das Leben aus, wenn sie dasselbe gleichsam zu vergessen scheint.“
Noch deutlicher antwortete Michael Faraday, als er nach dem Nutzen seiner Entdeckung, der elektromagnetischen Induktion, befragt wurde: „Wem nutzt ein neugeborenes Kind?“
Aber es gilt auch, was van't Hoff einmal konstatierte: „Die größte Freude des Gelehrten ist die Nützlichkeit einer von ihm aus reinem Forschertrieb gefundenen Wahrheit.“ Deshalb sollte man vielleicht auch nicht von Bringschuld der Wissenschaft und Holzwang der angewandten Forschung beim Wissenstransfer reden, sondern eher von Bringfreude und Hollust.
Von besonderer Bedeutung ist natürlich auch die Rückkopplung von der Industrie zur Grundlagenforschung, denn die Kenntnis von Suchrichtungen und Zielkorridoren ist für die Grundlagenforschung von Bedeutung zur Auffindung von Ideen und im Hinblick auf das Erkennen eines Anwendungspotentials. Die scharfe Trennung zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung verliert zunehmend an Bedeutung, wenn man einmal von den Vorgaben und Zeithorizonten absieht. Die Universitäten und die Max-Planck-Institute decken das Feld der Grundlagenforschung, man kann auch sagen, der Neugierforschung – zweckfrei, aber nicht zwecklos, ab. Die Zentren der Helmholtz-Gemeinschaft betreiben Großgeräte, sind in der Vorsorgeforschung aktiv und übernehmen Wegbereiterfunktion bei neuen Technologien. Angewandte, vor allem Auftragsforschung, ist die Domäne der Fraunhofer Institute. Die Leibnizgemeinschaft ist recht heterogen, war auch ein Auffangbecken für leistungsstarke Forschungseinrichtungen in den neuen Bundesländern und umfasst auch Museen und Bibliotheken. Der neue Präsident der Leibnizgesellschaft, der frühere BDI-Präsident Olaf Henkel hat sehr anspruchsvolle Ziele für diese Forschungsorganisation und ihre Anwendungsorientierung ("theoria cum praxi") formuliert:
Die Grundlagenforschung schlägt Schneisen in das Dickicht des Unbekannten, schafft Nährboden für Innovationen und erschließt Neuland. Die Haltung der chemischen Industrie zur Grundlagenforschung hat der „Fonds“ in folgendem „Credo“ zusammengefasst:

Anwendungsoffenheit: ja
Anwendungsbezug: erwünscht
Anwendungsorientierung: kritisch
Anwendungsdominanz: tödlich

Bei allen Versuchen, eine Ökonomisierung der Universität - so das Thema des 32. Bildungspolitischen Forums des Bundes Freiheit der Wissenschaft – zu betreiben, ist die Instrumentalisierung der Grundlagenforschung für vom Zeitgeist bestimmte Ziele sicher ein Irrweg. Das Joch der Anwendungsbezogenheit macht Wissenschaft zur Ware und lässt für die Grundlagenforschung so scheinbar unbedeutende Elemente wie Neugier, Spieltrieb und Zufall veröden. Als Chemiker, der in der Großindustrie tätig war, ist es meine feste Überzeugung, daß Wissenschaft sich autonom Ziele setzen, Wege suchen und Themen formulieren muß und sich auch keine Standards von der Gesellschaft aufdrängen lassen darf, ohne allerdings das Grundgesetz und seine Interpretation der Freiheit der Wissenschaft durch das Bundesverfassungsgericht (s.o.) zu missachten.
Basis für eine erfolgreiche Grundlagenforschung ist natürlich in erster Linie eine ausreichende institutionelle Finanzierung unserer Hochschulen, die leider durch Bund und Länder längst nicht mehr gewährleistet ist. Zwangsläufig gewinnen somit Drittmittel wegen der unzureichenden Alimentierung an Bedeutung. Drittmittel sind notwendig, können aber durchaus janusköpfig sein und dürfen die Freiheit der Wissenschaft nicht strangulieren. Die Mittel der deutschen Forschungsgemeinschaft, die in Eigenverantwortung der Wissenschaft vergeben werden, sind von herausragender Bedeutung für die Grundlagenforschung, denn sie stärken die Spitzenforscher und die „centers of excellence" und können auch Defizitfelder im internationalen Vergleich auf die Sprünge helfen. Bei den Drittmitteln des BMBF für Projektförderung und den Drittmitteln der Wirtschaft dürfen die Hochschulen nicht zur „ancilla utilitatis“ werden. Die Kriterien für die Bewertung der Drittmittel im Hinblick auf die Freiheit der Wissenschaft sind für die Hochschulen und Max-Planck-Institute natürlich andere als für die Helmholtz-Gemeinschaft der Forschungszentren, die Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried-Wilhelm-Leibniz und die Fraunhofer Gesellschaft. Bei Gemeinschaftsprojekten, die aus Drittmitteln finanziert sind, müssen die Aufgaben zwischen Grundlagenforschung und Zweckforschung richtig verteilt sein. Staatliche Forschungsförderung über die Grundfinanzierung der Hochschulen und Forschungsinstitute hinaus sollte überwiegend für Felder der Daseins- und Zukunftsforschung, für die Aufholjagd bei Defizitgebieten oder aber zur Abpufferung eines zu hohen wissenschaftlich/technischen Risikos der Forschungsanstrengungen dienen. Besondere Bedeutung besitzt die interdisziplinäre Verzahnung in Gemeinschaftsprojekten von Hochschulen, Forschungs-einrichtungen des Bundes und der Länder und der Wissenschaft. Trotz aller neuen Kommunikationsmittel ist die räumliche Nähe der Forscher in Gemeinschaftsprojekten für den Dialog sehr wichtig. Neue Institute der öffentlich finanzierten Forschung sollten vorzugsweise in Wissenschaftsregionen errichtet werden.
Zur Optimierung des volkswirtschaftlichen Nutzens der Grundlagenforschung wurden neue Modelle erfolgreich erprobt und Einrichtungen zur Förderung der Innovation und des Technologietransfers in vielen Regionen etabliert. Sehr oft haben hierbei die örtlichen Industrie- und Handelskammern und Kreditinstitute Geburtshilfe geleistet. Aus persönlicher Kenntnis will ich beispielhaft auf zwei Fälle eingehen.
Die AGIT (im Dreiländereck Belgien-Niederlande-Deutschland) in Aachen (gegründet 1986) hat mit Gründerzentren und Transferprojekten viele Firmengründungen initiiert, deren Start erleichtert und das Wachstum gefördert. Durch die segensreiche Arbeit sind in dieser Region, in der zehntausende Arbeitsplätze im Steinkohle-Bergbau verloren gingen, viele neue Arbeitsplätze geschaffen worden. Die AGIT hat die „Euroregio“ populär gemacht und somit auch die Ansiedlung von Fu.E-Einrichtungen nordeuropäischer und fernöstlicher Industrieunternehmen katalysiert.
Auch an der Wolfgang-Goethe-Universität wurde als 100 %ige Tochter eine Gesellschaft gegründet, die Innovectis GmbH, Gesellschaft für innovative Technologien und Fu.E-Dienstleistungen. Die Innovectis soll in der Universität Ergebnisse mit Verwertungschancen aufspüren, wobei ein Beirat aus erfahrenen Industriemanagern „scout“-Funktionen übernimmt, die Wissenschaftler im Hinblick auf „know-how“-Schutz und Verwertungsrechte berät und wichtige Kontakte zur Wirtschaft knüpft. Über die Gesellschaft sollen z.B. auch Räume und Geräte bereitgestellt werden, oder aber auch Mitarbeiter außerhalb von BAT und befristeten Verträgen finanziert werden, um Fu.E-Dienstleistungen für die Industrie zu erbringen z.B. auf dem Gebiet der instrumentellen Analytik, damit die Grundlagenforscher nicht für – wenn auch hochwertige - Routineaufgaben vereinnahmt werden und dadurch die eigentliche Forschung und Lehre beeinträchtigt wird. Natürlich soll diese Gesellschaft als GmbH satzungsgemäß auch Geld verdienen, das dann aber wieder in eine verbesserte Infrastruktur und in neue Projekte fließen kann. Somit soll der volkswirtschaftliche Nutzen der Grundlagenforschung gemehrt werden, ohne die Freiheit der Wissenschaft zu gefährden. Richtige Modelle zur Verwertung von Ergebnissen der Grundlagenforschung sind auch gute Schutzschilde gegen Querschüsse des Zeitgeistes.
Wichtig ist natürlich auch die Förderung der Gründung innovativer Unternehmen als „spin offs“ der Hochschulen und ihre Versorgung mit Eigenkapital. Hierfür ist die Fortführung der öffentlichen Eigenkapitalförderprogramme in Ausrichtung, Dotierung und Konditionen wichtig. Schaffung international attraktiver Rahmenbedingungen für die Bereitstellung von Wagniskapital ist für die Gründung technologieorientierter "start-up"-companies in unserem Land extrem wichtig. Start-up-companies beleben die Wissenschaftslandschaft und können sich erfolgreich im Feld zwischen Grundlagenforschung und Forschung der Großindustrie etablieren. Ihre Kreativität, Flexibilität und unkonventionelle Atmosphäre bringen frischen Wind in die Innovationslandschaft.
Für die Unternehmen ist das gute Zusammenspiel von „Neugierforschung“ und industrieller Zweckforschung sehr wichtig und sicher auch noch verbesserungswürdig, wenn man z.B. daran denkt, daß manche Pionierleistungen wie z.B. Computer (Zuse), das Telefax (Hell) oder die Grundlagen für die Kernresonanzspektroskopie und somit auch für den Computertomographen (Stern/Gerlach) und viele andere zwar in Deutschland erbracht wurden, der volkswirtschaftliche Nutzen aber überwiegend in Fernost generiert wird.
Die Patentoffensive der Wissenschaftsminister sollte nicht zum Aufkommen einer Goldgräberstimmung bei Universitätsleitung, Transfer- und Patentstellen führen. Die Aussage eines Unternehmensberaters, daß 215.000 Arbeiten, die 3,6 Milliarden DM verschlungen haben, in den Regalen vergilben, ist keineswegs alarmierend. Der beste Transfer von Wissen und Können und somit auch die Einführung neuer Methoden und Technologien läuft über Köpfe. Köpfe sind die wichtigste Ressource und die Forderung nach Qualität in Forschung und Lehre ist eine vorrangige. Die wesentliche Voraussetzung für Qualität ist Wettbewerb, und Wettbewerb erfordert auch kritische Überprüfung der Lehr- und Forschungsleistung ohne Ansehen der Person. Evaluierung ist deshalb mehr als ein Instrument der Standortbestimmung.
Hochschulpolitik ist, so hat es der Biologe Heinrich Ursprung, der auch ETH-Präsident sowie eidgenössischer Staatssekretär für Forschung und Bildung war, sinngemäß formuliert primär Berufungspolitik. Eine Hochschule sei nur so gut wie ihre Fähigkeit, gute Professoren zu berufen oder zu behalten. Diese wesentliche Garantie für die Erhaltung oder Schaffung von Excellenze muß aber ergänzt werden durch die Auswahlmöglichkeit der Studenten. Es ist doch schlicht undenkbar, daß ein Industrieunternehmen nur die Mitarbeiter einstellen darf, die das Arbeitsamt zuteilt; Studiengebühren sollten hier bei gut funktionierenden Stipendienprogrammen kein Tabu sein.
Richtig verstandene Ökonomisierung bedeutet aber auch leistungsbezogene Bezüge und flexible Entlohnungssysteme. Der Transfer von Wissen und Können muß durch mehr Flexibilität der Forscher gefördert werden. Der Wechsel zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ist in unserem Lande, genauso wie der Wechsel zwischen Wirtschaft und Politik, die absolute Ausnahme. Ein Fortschritt wäre hier schon die Einführung von „sabaticals“ in beide Richtungen. Hierdurch könnten Suchrichtungen für neue Felder der Wissenschaft aufgezeigt werden. Bringfreude und nicht Bringschuld wären die Folge und wertvolle Kontakte kämen dadurch zustande. Die Berührungsängste zwischen Universität und Wirtschaft, die in den 70er Jahren weit verbreitet waren, sind Gott sei Dank weitgehend verschwunden und der Dialog ist in Gang gekommen.

Ganz zum Schluß will ich noch kurz einen letzten, wichtigen Punkt ansprechen:

Es ist der Wunsch an die "academia", die groß angelegte Offensive der Wissenschaftsorganisationen PUSH (public understanding of science and humanities) zu unterstützen. Der Frankfurter Hirnforscher und Max-Planck-Direktor Wolf Singer schrieb neulich in der FAZ: „Eine stetig wachsende Zahl von Menschen verliert den Zugang zu dem Wissbaren, und wenn Wissen mit Mündigkeit zu tun hat, so bedeutet dies die Entmündigung einer rasch wachsenden Zahl von Menschen.“ Hier sind die Wissenschaftler gefragt, der Entmündigung entgegenzuwirken. Die Professoren sollten immer daran denken, daß sich ihr Titel von dem lateinischen „profiteri“ herleitet und dies bedeutet bekanntlich erklären, aber auch bekennen.
Angst und Ignoranz sind schlechte Ratgeber und müssen durch Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit gemindert werden. Zur Lösung der großen Probleme der Menschheit wie Ressourcenschonung, Bekämpfung von Krankheiten und Hunger, Schonung der Umwelt müssen wir verantwortlich handeln. Zur Problemlösung sind Verweigerer, Unterlasser und Verhinderer nicht geeignet. In diesem Sinne will ich ganz zum Schluß den großen Philosophen Karl Popper bemühen. Im letzten Kapitel seines letzten Buches mit dem Titel „Leben heißt Probleme lösen“ findet man dreimal den Satz „Optimismus ist Pflicht”.