32. Bildungspolitisches Forum

 

Vorwort

Oberstudiendirektor Dr. Winfried Holzapfel


Mit kritischer Wachsamkeit beobachtet und kommentiert der Bund Freiheit der Wissenschaft die Neuerungen in Schulen und Hochschulen. In der Situation weltweiter Veränderungen in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft sind als Folge auch Veränderungen in den traditionellen Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen in Deutschland unvermeidlich, weil sich sowohl die Bedingungen als auch die konkreten Ziele von Ausbildung ändern. Leistungsvergleiche sind Vergleiche im Weltmaßstab geworden.
Forscher und Wissenschaftler stehen im Wettbewerb um Entdeckungen, Erfindungen, Erkenntnisse – vom Philologen über den Physiker bis zum Sozialwissenschaftler. Universitäten stehen im Wettbewerb um Studenten. Es ist allerdings nicht beliebig, in welchem Geist und mit welchen Mitteln dieser Wettbewerb ausgetragen wird.
Wer mehr Wettbewerb fordert, wird diesen Wettbewerb auch durch finanzielle Anreize fördern wollen. Das muß nicht schlecht sein. Es ist aber die Frage, ob der Geist der Wirtschaft auch der Geist der Wissenschaft sein kann, nur deswegen, weil auch die Wirtschaft den Wettbewerb als Leitmotiv ihrer Tätigkeit hat oder weil Ergebnisse von Forschung wirtschaftlich genutzt werden können oder weil Forschung finanziert werden muß.
Wie weit lassen sich also Elemente der Wirtschaft in die Bildungseinrichtungen transplantieren, wie prägend dürfen diese Elemente werden, ohne daß die Wissenschaft zur „Magd der Wirtschaft“ wird ? Ist durch die vorgesehenen und teilweise durchgeführten Neuerungen und Umstrukturierungen im Hochschulbereich die Freiheit der Wissenschaft bedroht? Gerät die vom Staat in die „Autonomie“ entlassene Universität in die Abhängigkeit von externen Partnern, ist die neue Freiheit nur vermeintlich ?
Diese Fragen sollen beim diesjährigen Bildungspolitischen Forum des Bundes Freiheit der Wissenschaft eine Rolle spielen.
Einleitend möchte ich einige Überlegungen anstellen, die grundlegende Aspekte des Themas „Ökonomisierung der Universität“ beleuchten können:

1. Ist die causa finalis ( die Zweckursache) nicht unter allen Ursachen die stärkste? Und ist es nicht der
Zweck des Studiums, einen Beruf zu erlernen? Ist der Beruf, der akademische, der nach Beendigung
eines Studiums winkt, nicht nur dem Grade nach (und nicht etwa essentiell) von anderen Berufen
unterschieden? Ist das Studium also analog zur Ausbildung anderswo – nur Mittel zu einem
außerhalb seiner selbst liegenden Zweck? Wenn das so ist, dann müssen die Mittel nichts weiter als
zweckmäßig sein.

2. Ökonomie heißt: Wirtschaftlichkeit oder sparsame Lebensführung. Ökonomisierung der Universität
meint also, daß die Universität streng am Prinzip der Wirtschaftlichkeit ausgerichtet werden soll. Das
heißt: Man muß aufs Geld sehen. Das also ist die Frage der Zeit: Wer bekommt welches Geld von
wem, warum, zu welchem Zweck, in welcher Höhe, mit welchen Auflagen und – vor allem – nach
welchen Kriterien?

3. Wenn es um Wirtschaftlichkeit geht, dann sollte doch der große Bereich der Wirtschaft selbst Vorbild
sein. So beherrschen heutzutage Begriffe aus der Wirtschaft die bildungspolitische Diskussion:
Management, Wettbewerb, Ressourcenausschöpfung, Humankapital etc. – Pleite, Schließung,
Konkurs noch nicht, obwohl sie im Wirtschaftsteil der Zeitung und eben in der Wirtschaft durchaus zu
finden sind. Sieht man nur das sogenannte Gute an der Wirtschaft und nicht auch die Gefahren und
Folgen von Misswirtschaft, die ebenso wirklich sind? Vergißt man inzwischen nicht den Begriff der
Kooperation? Wie verhält sich die hoch gepriesene Schlüsselqualifikation „Teamfähigkeit“ zur
Hauptkategorie „Wettbewerb“?

4. Erinnerung: Der Bund Freiheit der Wissenschaft hat schon früh den Begriff des Wettbewerbs in die
Debatte um die Hochschulreform eingebracht und die ökonomische Komponente der Zahlung von
Studiengebühren schon, als noch alle einen weiten Bogen um das Thema machten, und zwar mit
guten Argumenten, die vor allem Arthur Woll im Laufe der Debatte einmal glänzend
zusammengestellt hat (fdw Nr. 3 von Dezember 1995: Fünf Thesen zur Einführung von
Studiengebühren). Man hat fast das Gefühl, daß sich viele Spätere aus diesem Fundus der
Argumente bedient haben. Und jetzt, da die Dinge ins Rollen kommen, sollte ausgerechnet der BFW
einer Ökonomisierung widersprechen wollen?

5. Im Mai 1789 hat Schiller in Jena in seiner akademischen Antrittsrede ( Was heißt und zu welchem
Ende studiert man Universalgeschichte?) den „Brotgelehrten“ mit dem „philosophischen Kopf“
verglichen. „Zu allem, was der Brot-gelehrte unternimmt, muß er Reiz und Aufmunterung von außen
her borgen: der philosophische Geist findet in seinem Gegenstand, in seinem Fleiße selbst, Reiz und
Belohnung“. Der „philosophische Kopf“, wie Schiller ihn charakterisiert, liebt die Bereicherung
durch die Entdeckungen anderer. Er ist immer aufgeschlossen für das Neue. Auch will er lebenslang
lernen. Aber vor allem: er ist an den Dingen um ihrer selbst willen, an der Wahrheit, interessiert. Der
„philosophische Kopf“ denkt nicht ökonomisch in des Wortes strenger Bedeutung.

Ich meine: Man muß den „philosophischen Kopf“ – in allen Fakultäten – dem „Brotgelehrten“ vorziehen. In diesem Sinne sollte die Leitfrage (die „regulative Idee“) der Hochschulerneuerung heißen: Wie sind „philosophische Köpfe“ möglich?
Übrigens: Schillers Antrittsvorlesung machte großen Eindruck bei den Studenten, von denen er hinterher begeistert gefeiert wurde: „Ich bekam eine Nachtmusik und Vivat wurde 3mal gerufen“